Samstag, 9. Juli 2022
Büchner, Georg

23 (1813–37). Der revolutionär gestimmte hessische Schriftsteller und Mediziner ist weithin bekannt; ich will ihn deshalb nur streifen. Leider fiel er ja nicht im Gefecht, sondern erlag mit 23 in Zürich dem Typhus – weil er sich, wie meistens angenommen wird, bei seiner Arbeit mit selbstangefertigten Pflanzen- und Tier-Präparaten angesteckt hatte.

Bekanntlich wurde der Name des blonden Südhessen für einen renommierten Literaturpreis beschlagnahmt, der alljährlich von der in Darmstadt sitzenden, derzeit rund 190 Mitglieder zählenden sogenannten Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vergeben wird. 1953 bekam ihn Ernst Kreuder. In seiner Betrachtung Georg Büchner, Existenz und Sprache, vorgetragen und gedruckt im Herbst 1955, reklamiert Kreuder den Landsmann für die naturmystische, »imaginative«, kurz gefühlsduselige Warte, die er selber hartnäckig bis zum letzten Roman Der Mann im Bahnwärterhaus (1973 posthum) einnahm. Damals war dieser »spirituelle« Zug natürlich längst abgefahren, aber heutzutage, da man ringsum an die Wunderwirksamkeit von Anti-Viren-Programmen und Microsoft-Algorithmen glaubt, hätte Kreuder sicherlich wieder eine gute Chance.

1970 ging der Büchnerpreis an Thomas Bernhard, worüber ich nicht meckern will, zumal der bissige österreichische Schriftsteller neun Jahre darauf seinen Austritt aus der Darmstädter Akademie erklärte. Anlaß war deren Wahl des Politikers Walter Scheel zum Ehrenmitglied. Etwas später soll Bernhard die erlauchte Institution jedoch in einem FAZ-Artikel grundsätzlich angezweifelt beziehungs-weise angepinkelt haben, wie ich 2009 dem Feuilleton der Jungen Welt entnahm.* Danach hatte er der Akademie bescheinigt, »letzten Endes« sei sie (1949) »nur aus dem kühlen Grunde der Selbstbespiegelung ihrer eitlen Mitglieder« gegründet worden, die deshalb jährlich auf Staatskosten zu Konferenzen der »Eigenbeweihräuche-rung« zusammenkämen, um nebenbei »eine knappe Woche lang um ihren abgestandenen faden Literaturbrei herumzureden«. Aber diese Leute, die man Darmstädter Front nennen könnte, sitzen an den Kanonen des Kanons. Sie haben Einfluß wie Alfred Hugenberg und Paul Reusch zusammen; sie bestimmen, welche Literatur in Deutschland maßgeblich ist und folglich gemästet wird.

* »Unheil und Brei. Einer Akademie zum 60.«, JW 29. August 2009, zitiert bei Schrift & Rede 2009: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=634
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