Samstag, 9. Juli 2022
Grammatischer Gram

2022, stark gekürzt, nämlich um: die Unsitte des Mehrfachens, ver-schiedene Bezugsfehler, die sehr verbreitete daß-Pandemie, den Wirrwar der Wortbildung. Abschließend folgen



… ein paar Bemerkungen zur Grammatik überhaupt. Nach meinem Brockhaus behandelt die Grammatik den Bestand, die Gestalt und die Leistung sprachlicher Formen. Zwar gibt es auch universale grammatische Züge, aber ansonsten hat jede Sprache ihre eigene Grammatik. Die der deutschen ist besonders aberwitzig, weil sie jede Regel mit einer Flut von Ausnahmen und Zweifelsfällen überschwemmt. Da das noch nicht ausreicht, macht uns Brockhaus auch noch mit der Einteilung des wissenschaft-lichen Fachs Grammatik in Spezialgebiete bekannt. Er kennt um die 40. Das geht von der »deskreptiven« über die »stratifikationale« bis zur »konfrontativen« Grammatik. Nimmt man das mit der Anzahl deutscher Hochschulen mal (rund 400) und hängt dann noch zwei Nullen dran (wegen der freiberuflich tätigen Forscher-Innen oder Autoren, Fachjournalisten eingeschlossen), weiß man ungefähr, wieviele Leute die Grammatik allein in Deutschland ernährt: 1,6 Millionen.

Warum wir diese 1,6 Millionen und die Grammatik überhaupt benötigen, verrät Brockhaus nicht. Ich vermute freilich stark: wollte jeder Deutsche die Sprachformen so eigensinnig oder willkürlich bilden wie (nicht als!) einerseits der Südbayer, andererseits der Nordfriese, trüge das Verständnis in diesem Lande rasch babylonische Ausmaße. Um solche Verwirrung zu verhindern, ist man neuerdings allerdings nicht mehr auf Grammatik angewiesen. Globallisierung genügt. Man benutzt einfach die gängigen angelsächsischen Worte oder erklärte alles und jedes für (französ.) »sensibel« oder »interessant«. Damit werden die Lehrbücher verschiedener »Plan- oder Kunstsprachen«, etwa Esperanto oder Interlingua, für das nachhaltige (=einträgliche) Papier-Recyling frei.

Würde sich ein ernsthaft schriftstellernder Mensch an grammatischen – ähnlich wie bei orthografischen – Klippen blaue Flecken zuziehen, sähe mich, nach rund 25 Jahren, in Nacktstrandbädern vor wolkenlosem Sommerhimmel kein Mensch mehr. Ich hoffe, jetzt ist mein Sommerhimmel korrekt. Ich habe mich nämlich noch einmal bei Heringer in die Frage der schwachen / starken / parallelen Deklination (Beugung) von Eigenschaftswörtern vertieft, weil ich fürchte, in ihr wuchert in meinen Blog-Texten einiger schwankender Wildwuchs, der sich vermeiden ließe. Das gilt wohl besonders für den Dativ. Im Beispiel kann man ja fragen: unsichtbar vor wem oder was? Eben »vor wolkenlosem Sommerhimmel«. Habe ich Kapazität Heringer nicht mißverstanden, müßte »wolkenlos« dagegen schwach gebeugt werden, wenn vorher bereits ein Artikelwort den Dativ anzeigte. In diesem Fall stünde da etwa »vor einem wolkenlosen Sommerhimmel«.

Gleichwohl bin ich außerstande, die Frage zu verscheu-chen, ob dieser eher geringe, wohl kaum für die Aussage des Satzes prägende Unterschied zwischen n- und m-Endung so wichtig ist, daß man ganze Doktorarbeiten darüber schreibt. Sie werden vielleicht einwenden: wird hier nicht einheitlich verfahren, wird der Lesefluß behindert. Die LeserInnen stolperten über mein falsches m wie über mein falsches ß. Während sie über »sensibel« und »interessant« nicht stolpern, höhne ich. Sie sollen sich nicht fragen, ob es so etwas wie sensible Daten überhaupt geben könne. Oder ob eine Frage nicht, statt interessant, eher reizvoll, spannend, aufwühlend sei. Ältere Nachschlagewerke kennen für interessant ungefähr 40 Synonyme, die jeweils in bestimmtem (!) Zusammenhang besonders treffend sind. Wir sollen uns aber nicht besonders treffend ausdrücken; wir sollen funktionieren.
°
°