Samstag, 9. Juli 2022
Wunderlich, Heike

18 (1969–87), sächsische VEB-Stickerin, ermordet. So manchen »reizvollen« Fall muß ich allein deshalb übergehen oder schmerzlich offen lassen, weil mir die finanziellen / logistischen / akademischen Mittel fehlen, den wieder einmal vernachlässigten Blickwinkel auf das Opfer durch eigene Recherchen zu füllen. Im April 1987 wurde die 18jährige Textilarbeiterin Heike Wunderlich aus dem VEB Plauener Gardine auf einer Waldlichtung neben ihrem roten Moped vergewaltigt und erdrosselt aufgefunden. Ihre Leiche war mit blauen Flecken übersät. Über die lebendige junge Frau, eine anziehend wirkende dunkle Langhaarige, erfährt man aus den mir erreichbaren Quellen nicht mehr als dies, sie sei gesellig, aber vorsichtig Fremden gegenüber gewesen. Nach einem heimischen Blatt* wohnte sie, mit Brüdern, noch im Elternhaus. Die Reporterin erwähnt vom Prozeß, ein Bruder sei im Zeugenstand gebeten worden, dem Gericht zu schildern, »was für ein Mensch« seine Schwester gewesen sei. Man spitzt alarmiert die Ohren – und die Reporterin verrät kein Wort von der brüderlichen Schilderung. Wunderlichs Charakter? Oder ihre Sehnsüchte, falls sie welche hatte? Belanglos. Hauptsache ein Mordopfer. Der Fall blieb rund 30 Jahre lang ungeklärt und wirkt auch zur Stunde nicht zufriedenstellend gelöst. Was die Persönlichkeit Wunderlichs angeht, wäre man vielleicht auch nach 20 Jahren noch fündig geworden, sofern man sich die Fahrkarte nach Plauen und ein Hotelzimmer geleistet hätte, um verschiedenen Angehörigen, Kriminalbeamten und anderen Einheimischen auf den Zahn zu fühlen. Aber von den Kosten und meinen nicht vorhandenen Referenzen einmal abgesehen, wäre auch das noch immer heikel, wie ich schon früher (>Beierstettel) angedeutet habe. Man rührt bei solchen Recherchen leicht Unmut oder gar Angst auf, und wenn es schlecht läuft, hat man gleich für den nächsten Toten gesorgt: sich selbst.

Neuerdings gilt der Fall Heike Wunderlich als erledigt. Das Zwickauer Landgericht verurteilte 2017 einen ungeständigen 62jährigen Frührentner, der bereits zerrüttet und verwirrt war.** Wichtigstes Indiz sei eine sehr alte DNA-Spur gewesen. Zwar fanden sich auch Sperma-Spuren von zwei anderen Männern, aber denen maßen die ErmittlerInnen keine Bedeutung mehr bei – da sie sich ja nun den Rentner Helmut S. ausgeguckt hätten, so ungefähr die Welt. Allerdings wohnte die Mutter des damals 32jährigen lediglich rund drei Kilometer vom Tatort entfernt. S. kannte sein Opfer nicht, die Gegend jedoch umso besser. Außerdem war der trinkfreudige Angeklagte, zuletzt Kranfahrer, schon wiederholt »mit dem Gesetz in Konflikt gekommen«, auch wegen sexueller Verfehlungen. Er saß mehrmals in Haft. Jetzt hat er Lebenslänglich. Der Widerspruch seiner Rechtsanwälte wurde 2018 verworfen. Wunderlichs Angehörigen sollen mit dem Urteil zufrieden sein. Bedenkt man den riesigen volkswirtschaftlichen und nervlichen Aufwand für solch ein bißchen fragwürdige Gerechtigkeit, kann man sich nur in eine anarchistische Zwergrepublik fortträumen.

Ich will den unbefriedigenden Fall zu einigen grundsätz-lichen Bemerkungen zu meinen Nachforschungen und meinen Quellen nutzen. Womöglich besteht ein gewisser Verdienst meiner Arbeit [LdF] bereits darin, all diese, mehr oder weniger durchsichtigen Fälle des frühen Todes zusammen getragen zu haben. Es hat mich vor allem ein langwieriges und stumpfsinniges Abklappern diverser biografischer Listen und einiger Lexika gekostet. Manche Fälle verdanke ich sicherlich auch meiner emsigen, um nicht zu sagen bescheuerten Zeitungslektüre, an der ich über Jahrzehnte festgehalten habe. Im Grunde war ich zwischen 20 und 6o zeitungssüchtig. Allerdings hat sich diese Sucht im Laufe der 40 Jahre zunehmend abgemildert, weil sich einfach zu viel wiederholt. Mancher erkennt das freilich auch in 80 Jahren nicht. Genau darin liegt eine Grundfunktion unserer Presse. Sie serviert ihre »Sagen der Zeit, so wie man Sagen der Vorzeit hat« (Lichtenberg) derart geschickt, bunt, abgewandelt, daß man nie auf die soziologischen Muster kommt, aber immer schön dem »Zeitgeschehen« verhaftet bleibt, an dem sich zigtausend Leute die Goldenen Sporen verdienen, mit denen sie uns auf Trab halten.

Ohne Bücher wäre man dieser Drogenmafia hilflos ausgeliefert. Walden-Hüttenbewohner Thoreau höhnt vor rund 170 Jahren, viele Zeitgenossen ließen sich zu dem Zwecke, das Neuste nicht zu verpassen, schon alle 30 Minuten wecken, erzählten einem dann aber immerhin zum Entgelt, wovon sie gerade geträumt hätten. Heute dürfte die Deckungsfähigkeit zwischen dem Neusten und den Träumen bereits bei über 90 Prozent liegen. Daher zeitgenössische Buchproduktion als Trieb- und Müllabfuhr. Die klassische Lektorierung findet offensichtlich kaum noch statt. Sie wäre zu aufwendig. Im Ergebnis zieht die Schlamperei in den Verlagen Literatur aufs Niveau mündlicher Rede, mehrt also das allgegenwärtige Gequassel. Ehrenburg behauptet in seinen Memoiren, sogar Lenin habe die ewigen Diskussionen unter den Emigranten als fruchtlos gebrandmarkt. Er selber, Ehrenburg, habe fast alles autodidaktisch aus Büchern gelernt. Schulen sind Quasselbuden. Das sage ich auch dann, wenn noch 20 Pandemien ausgerufen werden. Ich habe nie begreifen können, wie sich Denker wie Alain oder Adorno dazu hergeben konnten zu unterrichten und Vorlesungen abzuhalten. Wie sich versteht, fallen auch »Dichterlesungen« unter meine Acht. Ich ächte alles, was Flüchtigkeit züchtet.

Mit der digitalen Vernetzung, Presse eingeschlossen, erreichen wir bereits das Stadium der Auflösung des Geistes. Webseiten wimmeln geradezu von Flüchtigkeits-fehlern. Es macht nichts, weil sie ihr Aussehen ohnehin im Minutentakt ändern. Manche verschwinden auch kurzerhand. Auseinandersetzung ist jedoch auf Feststehendes / Gegenstand / Widerstand angewiesen, wie ich schon früher einmal bemerkte. Deshalb war es mir auch immer verdächtig, wenn die mündliche Kommuni-kation in Kommunekreisen einen sehr hohen Stellenwert genießt. Sammelndes, klärendes Mit- oder Aufschreiben wird zumindest verpönt, zuweilen verboten. Sind Berichte oder Wunschzettel unumgänglich, strotzen sie von Ausrufungszeichen und Schlagworten, Unterstreichungen und Unklarheit – wie die beliebten »blogs« im Internet. Man umtanzt den Popanz des Authentischen und wundert sich, wenn die Eintagslösungen, die Mißverständnisse und der Groll kein Ende nehmen. Gewiß ist nicht zu leugnen, daß spontane Auseinandersetzungen oft spannungs-geladen sind, woraus sich ihre Beliebtheit erklärt. Sie prickeln, da mit Enthüllung, Geständnis, Herzblut, Tränen, kurz mit Neugier und Angst gewürzt. Doch es bleibt oberflächlich und vorübergehend. Es bleibt das fruchtlose Event der Talkshows. Um zu dauerhaften Linien, Gestalten, Lösungen zu kommen, müßte man schürfen. Das wäre allerdings Arbeit. Es kostet Geduld. Es benötigt Distanz.

Etwas rätselhaft könnte Lichtenbergs anderer, gleichfalls über 200 Jahre alter Satz wirken, nach Zeitung sei Räumung.*** Für mich behauptet Lichtenberg damit, wie Presse Zeit schüfe, so Räumung Platz. So schafft mein beharrliches Ausmisten in allem von mir Gewußtem Platz für eine Art einsichtsvoller Gestalt, an der ich mich – wie ich zumindest hoffe – für den Rest meines Lebens noch leidlich würdig aufrechterhalten kann.

* Gabi Thieme, »Mordprozess Heike Wunderlich«, Freie Presse (Chemnitz), 24. Juli 2017: https://www.freiepresse.de/vogtland/plauen/mordprozess-heike-wunderlich-er-soll-unseren-hass-spueren-artikel9958655
** Gisela Friedrichsen, »Lebenslang für den Mann, der sein Ver-brechen komplett vergaß«, Welt, 30. August 2017: https://www.welt.de/vermischtes/article168142300/Lebenslang-fuer-den-Mann-der-sein-Verbrechen-komplett-vergass.html
*** Georg Christoph Lichtenberg, Aphorismen, Auswahlband (Max Rychner) bei Manesse, Zürich 1958, S. 405
→ Zur Zeitung siehe auch Heft 12 Handfestes

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