Samstag, 9. Juli 2022
Walder, Pius

30 (1952–82), österreichischer Holzfäller und Wilderer aus dem Villgratental in den Hohen Tauern, Osttirol. In einer Septembernacht 1982 wurde der 3ojährige beim Weiler Kalkstein von zwei Jägern überrascht und sehr wahrscheinlich auch erkannt, obwohl er sein Gesicht mit Ruß geschwärzt hatte. Zwar hatte er, wie man später feststellte, in dieser Nacht nicht einen Schuß aus seiner Flinte abgegeben – aber man kannte diese Brüder ja. Die Gebrüder Walder, vier Stück an der Zahl, waren talweit als wilde und wildernde Gesellen berüchtigt. Als Pius Walder nun flüchtete, schoß Jäger Schett mehrmals auf ihn und traf ihn dabei in den Hinterkopf. Damit hatte Schett für einen Toten, den Racheschwur Bruder Hermann Walders, eine Flut von Zeitungsartikeln, außerdem für etliche Bücher, Lieder und Filme gesorgt. Nicht alle ergriffen für die Walders Partei, doch das Befremden zog sich ziemlich lückenlos durch die ganzen Alpen.

Nach dem Gerichtsverfahren konnte Hermann Walder seinen Schwur nur bekräftigen. Das Urteil sah keinen Mord, wie Hermann selber, sondern lediglich eine »Körperverletzung mit tödlichem Ausgang«. Schett bekam drei Jahre Haft, wovon er nur die Hälfte absitzen mußte. Laut Bernhard Odehnal* war der vorsitzende Richter zufällig ein Kamerad von Schett, nämlich ebenfalls Jäger. Aber die Kumpanei zwischen Jägern und der jeweiligen Obrigkeit oder Elite der Demokratie dürfte ja bekannt sein. Sie trinken aus denselben Geldhähnen und pochen gemeinsam auf das soldatische Recht, im Zweifelsfall von Staats wegen zu töten. Einige BeobachterInnen merken allerdings zurecht an, der postmoderne Wilderer sei in der Regel weder Hungerleider noch Rebell. Das soll sogar Hermann Walder eingeräumt haben. Man wildert aus Spielleidenschaft und bestenfalls noch aus Trotz gegen die anmaßende kapitalistische Einrichtung dieser Erde. Die umfaßt neuerdings auch schon den zunehmend mit Satelliten gespickten Himmel.

Die große Verbrämungskraft der verschiedenen Kauderwelsche, die sich die Eliten leisten, wird glänzend vom bekannten »Jägerlatein« verdeutlicht. Das Wort töten kommt in ihm nicht vor. Man greift vielleicht in die Altersklasse ein oder bringt den edlen Hirsch zur Strecke – aber man bringt ihn nicht um. Ähnlich rücksichtsvoll wie die Jäger zeigen sich auch die Händler. Den Anblick blutverkrusteter Leichen kennen sie nicht. Von den Schachteln im Supermarkt wedeln uns die Hühner die Eier mit lustig flatternden Flügeln geradezu in den Mund; sie wären gekränkt, ließen wir sie auf ihren Eiern sitzen – bevor sie selber in die Suppe wandern. Das rosige Schwein auf dem Dosendeckel quiekt vor Vergnügen, weil es kaum erwarten kann, in Leberwurst verwandelt zu werden. Fröhlich schnatternd und gereckten Halses ziehen die Gänse ums Schmalztöpfchen; sie gieren danach, ihre Köpfe zu verlieren.

Erwischen wir zufällig ein schmalzloses Töpfchen, besteht noch lange kein Grund zur Panik. Es handelt sich nämlich lediglich um eine Mogelpackung. Stecken wir auf längere Sicht zu viel Gänseschmalz in uns hinein, neigen wir zur Korpulenz. E. G. Seeliger behauptet, Fremdworte seien schlecht. Sie gäben im günstigsten Fall die Ansicht eines Dinges, während nur die »eigenwüchsigen« Worte für so etwas wie Erleuchtung, Durchstrahlung, Wesen und Wahrheit gut seien, meint er in seinem Handbuch des Schwindels. Wahrscheinlich hat er recht. Bei Korpulenz steht mir zwar ein Dicker vor Augen, doch warum er dick ist und was davon zu halten sei, deutet dieses Wort nicht an. Nenne ich ihn fett, kommen wir der Sache schon näher. Er hat seiner zarten Verfassung Gewalt angetan. Vermutlich ging das von seiner Mami aus.

Damit sind wir also von Hölzchen auf Stöckchen oder von den Wäldern an der österreichisch-italienischen Grenze auf Faustregeln zum Fremdwortgebrauch gekommen. Ich rate Ihnen, meiden Sie Fremdworte pro Seite zehnmal öfter, als Sie es gewohnt sind. Der Grund liegt selbstver-ständlich nicht in der Undeutschheit der Fremdworte. Er liegt zunächst, mit Seeliger, in ihrer Unanschaulichkeit. Überdies sind sie aber, darin durchaus deutsch, hochnäsig, dünkelhaft, einschüchternd. Während sie von den Eingeweihten auf Anhieb verstanden werden, bedeuten sie den anderen, wie dumm sie sind – die anderen. Damit verbitten sie sich natürlich jeden Zweifel an den Äußerungen des klugen Autors. Wer trotzdem zweifelt, wird erschossen.

* Bernhard Odehnal (Wien), »Gott vergibt, ein Tiroler nie«, Tagesanzeiger (Zürich), 28. Juli 2012: http://www.bernhardodehnal.com/artikel/gott-vergibt-ein-tiroler-nie
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