Samstag, 9. Juli 2022
Remler, Emily

32 (1957–90), weiße US-Jazzgitarristin von der Ostküste. Rund ein Dutzend Platten, auch mit eigenen Kompositi-onen, darunter 1985 Catwalk.* Sechs Jahre später, erst 32, erlag sie bei einem Gastspiel in Australien offiziell einem »Herzversagen«, nach vielen Vermutungen von ihrem bekannten gepfefferten Drogenkonsum angestoßen, voran Heroin und Dilaudid.**

Gewiß gibt es wahre Massen von U-Musikern, die ihre Bewußstseins- oder Fingererweiterung mit Hilfe von Drogen mit einem frühen Tod bezahlten, aber sicherlich nur wenige oder gar keine Frauen, die Remler als Gitarristin das Wasser reichen könnten. Mit 18 Jahren hatte das dunkelhaarige und günstigerweise langfingrige Girl vom Lande (Englewood Cliffs, New Jersey) bereits das Berklee College of Music in Boston, Massachusetts, abgeschlossen. Nach vorübergehendem Aufenthalt in New Orleans, wo sich Altmeister Herb Ellis von ihr beeindruckt zeigte, kämpfte sie sich durch die (oft frauenfeindliche) riesige Konkurrenz in New York City. Sie spielte mit etlichen namhaften Musikern und bekam Lehraufträge. Als sie starb (oder sich umgebracht hatte), war sie bereits auf dem Weg zum Weltruhm. Ich kenne einige beeindruckende Videos mit ihr, wo sie unter anderem mit ihrem schlichten, unverkrampften Auftreten für sich einnimmt. Allerdings wäre ich nicht verblüfft, wenn ihr auch dazu die richtig dosierten Drogen mitverholfen hätten. Neben dem üblichen Branchenstreß setzten ihr sicherlich auch verschiedene Liebschaften/Zerwürfnisse mit Männern zu. 1982 hatte sie in einem Interview mit dem Magazin People gesagt: »I may look like a nice Jewish girl from New Jersey, but inside I'm a 50-year-old, heavy-set black man with a big thumb, like Wes Montgomery.«

Eine selten gewürdigte Wiederholung liegt natürlich bereits darin, daß sich nun schon seit Jahrzehnten, ja seit Jahrhunderten Legionen von begabten jungen Leuten getrieben sehen, die Gitarre oder die Geige auch so gut zu spielen wie X. oder Y., vielleicht sogar besser. Sie verrenken sich ihre Finger und ihre Seelen; sie schuften wie Sklaven in Tretmühlen; sie können die Wahngebilde an ihren Zimmerwänden schon nicht mehr zählen – aber sie schaffen es. Jedenfalls ein paar von ihnen. Sie schaffen es, im Grunde nicht anders dazustehen wie X. oder Y., und sei es liegend, im Sarg. Wäre es nicht viel einfacher und gesünder, auf ein paar Notenbücher oder einen Stapel mit CDs von besonders begabten Vorgängern zu verweisen und zu sagen: »Prima – das reicht!« Und so mit allem.

Gottseidank trat Remler, soweit ich weiß, nie mit Liedern, also Texten auf. Das hätte gegen meine Betrachtung »Im Gefühlsraum« verstoßen, mit der ich 1998 nur um ein Haar meinen zweiten Auftritt in der Wochenend-Rubrik Moderne Zeiten der Frankfurter Rundschau verpaßte. Redakteurin Jutta Stössinger (gestorben 2017 mit 73) fand sie interessant, aber dann kamen ihr offenbar noch Bedenken, an die ich mich nicht mehr erinnern kann – vermutlich, weil sie sie mir gar nicht mitteilte. Den ersten Auftritt hatte ich im Mai mit einem längeren Text übers Wandern, der immerhin 1/3 Zeitungsseite einnahm. Ich glaube, von dem vergleichsweise fürstlichen Honorar, wohl 600 DM, zehre ich heute noch.

Jene Betrachtung geht dem Wesen und der Bestimmung der Musik nach – die durch Vertextung der Noten nur verfehlt und verdorben werden könnten. So mein zwingendes Resümee. Allerdings war es mir damals nicht gelungen, bis zum Ursprung der Musik vorzudringen. Das hätte meiner Bestimmung vielleicht noch Gewicht verliehen. Aber das wird auch anderen nie gelingen. Nur möchten Sie jetzt vielleicht ersatzweise von mir wissen, ob wir wenigstens die Quellgeschichte der Sprachentstehung kennen? Das tun wir natürlich gleichfalls nicht. Schließlich liegt die Sache mindestens 40.000 Jahre zurück, falls ich meinem Brockhaus trauen kann. Das Wie liegt also völlig im Dunkeln. Immerhin führt das Nachschlagewerk wesentliche Erklärungen des Warums an. 1. Man wollte nicht hinter den Tieren zurückstehen, die ja doch recht vielfältig brüllten, grunzten oder zwitscherten. 2. Man wollte seinen Gefühlen Ausdruck verleihen. 3. Man wollte das Handeln koordinieren, etwa beim Sammeln oder Jagen.

Als Knabe stellte ich mir die Sache einmal folgendermaßen vor. Da trotteten ein paar AltsteinzeitlerInnen durch die Steppe. Einer von ihnen erblickte einen Baum mit bestimmten fetten, eher seltenen Früchten, blieb stehen, deutete auf den Baum, leckte sich die Lippen und platzte heraus: »Umpf-Umpf!« Die anderen folgten seinem Blick, nickten ebenfalls freudestrahlend und riefen nun vereint »Umpf-Umpf!«. Damit war der erste Name auf Erden verliehen, eben für die fetten Früchte. Ob sie auch gleich geerntet werden konnten, steht auf einem anderen Blatt. Möglicherweise mußte man erst die Leiter erfinden.

Grund 2 leuchtet wenig ein. Hier liegt der Einsatz von Körpersprache viel näher. Die beiden anderen Gründe sollte man vielleicht zusammenführen, wobei Alain – der Erfinder jenes »Gefühlsraums« – erneut behilflich sein kann. Den Ausgangspunkt liefert jedoch der britisch-argentinische Schriftsteller und Naturforscher William Henry Hudson (1841–1922). Während sein Roman Das Vogelmädchen ein langatmiges Rührstück ist, das sich locker als Nackenrolle auf der Couch im zuständigen Lektorat bei Klettcotta eignen würde, ist er in der Manesse-Anthologie Vögel in der Weltliteratur mit zwei glänzend geschriebenen Essays vertreten. Hudson findet es merkwürdig, daß der Mensch keinen eigenen Ruf entwickelte, obwohl er doch so lange in der Wildnis zu bestehen hatte. Das ist in der Tat merkwürdig. Mit Alains Lebensalter und Anschauung (1927) läßt sich aber eine Erklärung dafür finden, wenn auch kein Trost. Der Mensch sah sich genötigt, die Nacht zu bezwingen. Im Neandertal war es vor allem finster. Katzen, Kobolde, oft furchterregend brüllende Schatten schlichen im fahlen Mondlicht umher, von den flatternden Fledermäusen oder Eulen ganz zu schweigen. Um sich ihrer zu erwehren, mußte man sich verständigen. Wider das Dunkel helfen weder Abzeichen (Rotkehlchen) noch Auf-ihn-mit-Gebrüll! Man mußte vielmehr tuscheln, flüstern, sich besprechen. So enthielt sich der Mensch des Rufens, glaube ich, und entwickelte stattdessen die Sprache, die ihm, im großen und ganzen, sicherlich mehr heillose Verwirrung als hilfreiche Aufklärung eingebracht hat.

* mit Eddie Gomez (Baß), Bob Moses (Drums) und John D'Earth (Trompete)
** Michael J. West, »The Rise and Decline of Guitarist Emily Remler«, JazzTimes (USA), 8. Dezember 2020: https://jazztimes.com/features/emily-remler-rise-decline/
→ Zur Entstehung der Sprache siehe auch Heft 9 Mandelkern

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