Samstag, 9. Juli 2022
Lema, Tony

32 (1934–66). Laut deutscher Wikipedia endete das Leben des US-Profigolfers und Playboys »jäh und tragisch«. Dabei hatte er als junger Marine-Soldat sogar den Korea-Krieg überlebt! Anschließend in der Heimat zunächst als Golflehrer erwerbstätig, stieg Lema ab 1962 nahezu raketenartig in die Weltspitze seines Betuchten-Sportes auf. Sein tragisches Schicksal schlug Ende Juli 1966 bei Chicago auf einem Golfplatz zu, der günstiger- und tückischerweise unweit des Lansing Municipal Airports lag. Auf dem Golfplatz sollte Lemas nächstes Turnier stattfinden. So hatte er am Ort seines vorausgegangenen Auftritts, in Akron, Ohio, eine kleine Privatmaschine angeheuert, doch leider ging dieser Beechcraft Bonanza just beim Begutachten der nahe des Flughafens gelegenen Wettkampfstätte der Treibstoff aus – Absturz und Feuersbrunst, und zwar am 17., dem vorletzten Loch des Platzes, wie der zuweilen gutinformierte Spiegel wußte.* Damit hatte sich Lemas Antritt beim gebuchten Turnier des Lansing Sportsman's Clubs erübrigt. Auch seine Gattin Betty (30) und zwei Piloten bissen bei dem »crash« ins Green. Das Wochenblatt verzichtete übrigens auf die von Wikipedia gesichtete Tragik und hielt seinen Lesern stattdessen die einträglichen Geschäfte der Profigolfer-Innen vor Augen.

Fast möchte ich glauben, vom exzessiven, meist unbedenk-lichen Einsatz des Wortes »Tragik« in unseren Medien werde sogar »Verschwörungstheorie« übertrumpft. Achten Sie einmal darauf, es ist wunderbar widerlich. Mein alter Brockhaus (Band 22 von 1993) behauptet, »tragisch« bedeute 1. schicksalshaft. Demnach liegt in allen bereits [im LdF] angeführten »tragischen« (Un-)Fällen ein Verhängnis vor. Der Bergsteiger konnte nichts dazu. Er folgte dem schicksalshaften, unerforschlichen Ruf der Berge, als er seine Eisen in den Fels schlug und in einem Spalt desselben landete. Nach gleichem Schema werden die SpringreiterInnen auf die Pferderücken und die Senatorinnen hinter ihre Lenkräder gezwungen. Ein anderes, weniger antikes Wort für Schicksal wäre vielleicht Sachzwang, aber das wäre schon fast zu genau. Man könnte ins Nachdenken kommen. Der Zweck der Übung, so gut wie jedes »schlimme« oder »schreckliche« Ereignis dem erfolgreich globalisierten, gummihaften Bezirk der Tragik zu überantworten, liegt aber gerade darin, uns vom Nachdenken zu entlasten. Weder sollen wir argwöhnen, bei bestimmten häufigen Unfällen liege die Grundschuld bei geradezu irrsinnigen und gemeingefährlichen, wenn auch den Aktienkursen und dem »sozialen« Ansehen sehr zuträglichen Gepflogenheiten des Transportes, des Sportes oder des Wirtschaftens überhaupt; noch sollen wir zwischen unterschiedlichen, jedenfalls nicht gleichzeitig erfolgten Unfällen differenzieren.

Wie sich versteht, kann die gutgeschmierte Megamaschine keine Differenzen gebrauchen. Einzelheiten lenken nur ab. Sie lassen die Maustaste einfrieren, während es doch viel günstiger ist, wenn wir hübsch weiterspringen. Sollte mithin, Brockhaus zufolge, »tragisch« 2. erschütternd bedeuten, dann kommt es darauf an, durch erbarmungs-lose Gleichmacherei jede Erschütterung gerade zu vermeiden. »Ja, schrecklich«, gähnt der Online-Redakteur, klickt rechts weiter und schiebt sich mit Links das nächste Stück Pizza zwischen die Zähne. Die Pizza hat ihm ein maskierter Bote gebracht. Er selbst arbeitet maskenfrei. Seine Maske ist der mit Schlagworten und Gemeinplätzen gespanzerte Bildschirm.

* »Tod am 17. Grün«, 21. August 1966: https://www.spiegel.de/sport/tod-am-17-gruen-a-a8399a30-0002-0001-0000-000046414036?context=issue
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