Freitag, 8. Juli 2022
Weinheim, Eva

19 (1918–38), kaufmännische Schülerin, Jugendliebe des thüringischen Schriftstellers Hanns Cibulka. Die tsche-chisch-sudetendeutsche Stadt Jägerndorf hatte zur Zeit dieser Jugendliebe, die Cibulka mit über 70 in einem schmalen Meisterstück* streift, knapp 25.000 Einwohner-Innen. Das waren ganz überwiegend Deutsche – bis zur Vertreibung aus ihrer eigentlich unbedeutenden Stadt. Immerhin, sie hatte einen Hauptbahnhof. Dort trafen sich Johannes und Eva fast jeden Tag, um gemeinsam nach Troppau in die Handelsakademie zu fahren. Eva wohnte unweit von Cibulkas Elternhaus mit ihrer Mutter zusammen, einer geschiedenen Ärztin. Bei Eva kam zum Makel der deutschen Sprache das Judentum hinzu. Von daher war es möglicherweise nicht das Übelste, wenn sie von den wildgewordenen Wassern der Schwarzen Oppa schon mit 19 aus dem Verkehr gezogen wurde. Für Cibulka war es schlicht niederschmetternd.

Eva – hochgewachsen, wenig weiblich, eher ungesellig – war ein Jahr jünger als Johannes. Sie tanzte gern, küßte gern – das Weitere läßt Cibulka offen. Er rühmt auch ihre Erzählfreude, die viel Phantasie, daneben ihr Judentum verriet. So, wie Cibulka sie hinstellt, war sie zwar immer streng gescheitelt, aber weder verklemmt noch lebens-müde. Sie war sogar geprüfte Rettungsschwimmerin. Warum ging sie aber dann, an einem Junitag nach den schweren Unwettern, zum gewohnten Baden zur Schwarzen Oppa, als diese reißendes Hochwasser führte? Johannes erfuhr es erst Tage später. Er war zu seiner mährischen Großmutter verreist, und Eva hatte die Begleitung ausgeschlagen, weil ihre Mutter von Herzbeschwerden gebeutelt war. Die ganze Stadt sprach von dem rätselhaften Unglück. Wahrscheinlich war Eva von den braunen Fluten über das Wehr gerissen, vielleicht auch von einem wirbelnden Baumstamm getroffen worden. Man suchte zwei Tage lang den Flußgrund und die Ufer ab; man fand noch nicht einmal ihre Badekappe. Sie war und blieb buchstäblich spurlos verschwunden.

»War es Leichtsinn oder hat sich der Tod ganz plötzlich ihrer erinnert, als er ihr eingab, bei Hochwasser baden zu gehen?« fragt sich Cibulka (S. 99). Andere, durchaus denkbare Fragen stellt er lieber nicht. Vielleicht hatte sie seine Abwesenheit und die Unwetter als Chance erachtet, ihn noch rechtzeitig loszuwerden? Oder war sie vielleicht schwanger von ihm und darüber in großen Nöten? Dergleichen erwägt Cibulka nicht – und wer weiß überhaupt, ob und in welchem Ausmaß er sich an die sogenannten Tatsachen gehalten hat. Zwar hat er seine Reise nach Jägerndorf und in seine Kindheit offensichtlich wenige Jahre nach der berüchtigten »Wende« leibhaftig unternommen, aber er ist als Erzähler gereist, nicht als Gothaer Bibliothekar oder gar Stadtarchivar. Und als solcher hat er, soweit ich sehe, sein mit Abstand bestes Buch geschrieben, eindringlich und nüchtern zugleich.

Gewiß zwitschert seine bekannte spirituelle Meise oder besser Wasseramsel, wie man sagen könnte, auch wiederholt aus diesem Alterswerk. Das kann man ihm aber leicht nachsehen, weil es nie den Hauptfluß der Erzählung (Eva W.) und die Trauer um den verfehlten Weg der Menschheit stört. Einige Kritik an ihm habe ich vor Jahren in meinem Buch Der Fund im Sofa durch den Mund des Snooker spielenden Gothaer Kriminalkommissars Armin Köfel vorgebracht. Spricht Cibulka aber 1994 vom wiedervereinigten Deutschland als einer selbstsüchtigen, korrupten, verlogenen »Mehrparteiendiktatur« (S. 105), muß ich ihm doch vergleichsweise große Hellsicht bescheinigen. Hätte sie bis zum Ausbruch der »Pandemie« 2020 vorgehalten? Alte Kumpels wie Adolf Winkelmann, Filmemacher, oder Vorbilder wie Konstantin Wecker, Liedermacher, sind, wie ich höre, gleich Millionen anderen umgefallen. Wie hätten sich meine Kollegen Hanns Cibulka oder auch Armin Müller »positioniert«, um im beliebten TV-Jargon zu bleiben? Das zu wissen, dafür gäbe ich sogar meine spanische Konzertgitarre her. Ich rühre sie sowieso kaum noch an.

Erwin Chargaff hätte auf meiner Seite gestanden. Jede Wette.

* Am Brückenwehr, Leipzig 1994
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