Freitag, 8. Juli 2022
Seiwert, Franz Wilhelm

39 (1894–1933), linker Bildender Künstler. Sein Tod mit 39 Jahren geht auf ein frühes Unglück zurück, das den Sohn eines Kölner Postbeamten ebendort mit sieben Jahren traf. Damals wurde er Opfer einer unsachgemäßen, wenn nicht sogar grob fahrlässigen Röntgenbestrahlung, die ihm schwere Verbrennungen am Kopf eintrug. Auch eine hartnäckig eiternde Wunde blieb an seinem Kopf zurück. Im Sommer 1933 erlag er den Folgen. Immerhin blieb ihm dadurch die Verfolgung als »entarteter« und linksradikaler Künstler erspart, hatte er sich doch im Laufe des Ersten Weltkrieges, zu dem er aufgrund jener Schädel-wunde nicht eingezogen worden war, dem »Expressionis-mus«, um 1920 dann dem »Konstruktivismus« und zugleich dem Kommunismus oder Anarchismus verschrieben. Er war, bevor dieser untertauchte, mit Ret Marut befreundet, der im allgemeinen hinter dem bekannten (amerikanischen) Schriftsteller-Pseudonym B. Traven vermutet wird. Seiwert lieferte unter anderem sowohl Grafiken wie Texte für die Berliner Zeitschrift Aktion. Ende der 20er Jahre wurde er durch einige Ausstellungen und Ankäufe durch Museen sogar im Ausland bekannt. Seine »gebauten« Gemälde erinnern an zumeist bunte Glasfenster oder Holzschnitte. Und obwohl die dargestellten klobigen Arbeiter, Bürger, Polizisten als einfache, auch flache Automaten erscheinen, wirken diese Gemälde keineswegs Grusel erregend, eher belustigend oder jedenfalls gefällig. Dieser Kontrast zur eigenen Leidensgeschichte ist schon seltsam. Seiwert starb (1933) nach neuerlichen, vergeblichen Heilversuchen im Kölner Israelitischen Krankenhaus.* Ein postmodernes Auktionshaus wäre ihm vermutlich lieber gewesen. Lempertz in Köln hat unlängst einige noch verfügbare Seiwert-Gemälde für Preise zwischen rund 30.000 und 330.000 Euro losgeschlagen, pro Stück.

* Seiwerts Fall illustriert erschreckende Befunde, die Reuther auf S. 245 streift. Vor 1935 seien »Tausende von Ärzten, Forschern und Patienten« Todesopfer des kritiklosen Umgangs mit den 1895 ent-deckten Röntgenstrahlen geworden, von Verbrennungen, Haarausfall und Augenproblemen zu schweigen.
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