Donnerstag, 7. Juli 2022
Mackay
Um 2010


Verstreute Bemerkungen machten mich auf John Henry Mackays Buch Die Anarchisten von 1891 neugierig. Welches böse Erwachen, als ich an Weihnachten die ersten Seiten las! Dieses furchtbar geschriebene Buch gibt sich als Roman, wird aber von seinem Autor als Kulturgemälde bezeichnet. In Wahrheit geht ihm alles Bildhafte ab. Es ist ein drittklassiger Meinungsmarkt. In endlosen Gesprächen oder Vorträgen seiner angeblichen Protagonisten versucht Mackay, den von ihm bevorzugten »individualistischen« vom »kommunistischen« Anarchismus abzugrenzen. Die Weitschweifigkeit dieser Unternehmung fördert er nach Kräften durch viel zu lange und verschachtelte Sätze. Dramaturgische Fertigkeiten wurden dem Gymnasiasten, Verlagsbuchhändler, Philosophiestudenten Mackay noch nicht einmal ansatzweise mitgegeben. So bringt er die Biografien seiner beiden Hauptfiguren Auban und Trupp, statt sie zu streuen, auf der Hälfte des Werkes in zwei Blöcken, die wie ein typisch deutscher Dezember auf unser Gemüt drücken. Anflüge von Komik sind seltener als Hornissen in der Antarktis. Bei einer Demonstration durch London, bei der die Erwerbslosen mehr gegähnt als geschrien haben dürften, schwingt sich Mackay zu einem kleinen, krampfhaften Scherz auf: durch einen Faustschlag von hinten her wird einem stutzerhaften Schmäher der Zylinder über Augen und Ohren getrieben. Das Gefühls-leben seiner Helden beläuft sich auf sozialpolitische Leidenschaften. Die Liebe kommt bestenfalls als Fußnote vor. So wird eine kurzzeitige Ehe Aubans mit einer Frau erwähnt, die ihm wegstarb. Laut Auskunft der Lexika soll Mackay allerdings pädophile Neigungen besessen und darüber später auch noch kämpferisch geschrieben haben. Sein Vater starb bereits ein Jahr nach Mackays Geburt. Man darf vermuten, der Sohn war recht gebeutelt. In den Gemütszustand der Verlage, die sich durch einen Nachdruck von Mackays Werk empfahlen, versetze ich mich lieber nicht. Es waren schon mehrere, zuletzt der Forum Verlag Leipzig.

Wir erleben Mackays Helden im Alter zwischen 20 und 30. Wie kann er da die Liebe aussparen? In dieser Lebens-phase stellte für mich ein jeder Tag ohne Geliebte einen verlorenen Tag dar. Hätte ich es nicht gerade hingeschrieben, würde ich es selber nicht glauben. Wie kann man so fanatisch um das andere Geschlecht kreisen (falls man nicht schwul ist)? Jetzt [wohl 2011] sitze ich schon seit über 10 Jahren auf dem Trockenen und habe mich immer noch nicht umgebracht. Noch einmal 10 Jahre, und meine Haut ist trockener als das Papier, auf dem meine Bücher gedruckt werden. In der sinnlichen Berührung liege ein Trost, bemerkt F. G. Jünger in seinem nachgelassenen Roman Heinrich March fast erschöpfend. Die besten Bücher und Sätze können ihn nicht bieten. Vor rund fünf Jahren mußte ich aus diskursiven Gründen auf eine bestimmte Frau verzichten, die mich sehr anzog: eine begnadete Sängerin, aber leider auch eine überzeugte Anthroposophin. Kürzlich durfte ich mich noch einmal geschmeichelt fühlen, als ich spürte, daß eine neue Kommunardin aus der Puppenfabrik ein Auge auf mich geworfen hatte. Über das Wesen dieser Frau Mitte 30 könnte ich mich nur rühmend äußern – nur bringt sie mich leider nicht in Wallung. Als ich mir das eingestand, war ich zerknirscht und beschimpfte mich und verfluchte den uralten Dualismus Leib/Seele.

Was muß das in einem Menschen anrichten, wenn er schon über 10 Jahre lang keinen körperlichen Kontakt mehr zu seinen Mitmenschen hat, Kinder eingeschlossen? Muß er nicht verhärten? Gut – man hat das Kissen, das auch mein Bekannter Roland bei seinem Herzanfall knüllte; man fährt mit der Hand über ein gehobeltes Kiefernbrett; schreitet tüchtig aus; formt mit Zwerchfell und Lippen den Querflötenton; trinkt Sonne oder Schnee mit manchen Poren … Ergo lebt man keineswegs rein geistig. Aber die entscheidende Strahlung fehlt. Sollte es die altmodische Herzenswärme sein? Die Nacktscanner, die sie jetzt an den Flughäfen aufstellen wollen, werden es uns nicht verraten. Stückpreis 150.000 Dollar. Nichts ist zu teuer, wenn es den Prozeß unserer Entwürdigung und Entrechtung sicherer zu machen gilt. Die Herzenswärme findet sich dann auf Seiten der HerstellerInnen wieder. Die ansteigende rote Kurve ihrer Gewinnerwartung durchblutet ihr Herz gut wie nie.

Allein die Tatsache, daß man als heterosexueller Mann gemeinhin nicht von anderen Männern angezogen wird, ist ein Grund, die Welt als verfehlte Einrichtung abzulehnen. Was dadurch an potentiellen Strahlungsquellen wegfällt! Mit der Vernunft ist es gar nicht zu begreifen, einen Mann, mit dem ich mich gut verstehe, nicht auch umarmen zu wollen. Aber man will nicht. Es wäre mir inzwischen sogar fast zuwider. Das war in meiner Kommunezeit anders – doch diese zärtlichen Gesten blieben stets oberflächlich und unverbindlich. Entsprechend verkamen sie bald zum Automatismus. Noch anders war es einmal in Westberlin um 1980 gewesen. In einem Kreuzberger Hallenbad, wo ich regelmäßig zu duschen pflegte, erwärmte sich ein nackter, wohlgestalteter Mann für mich, der offensichtlich nicht auf den Kopf gefallen war. G. hielt sich als Übersetzer von englischen Krimis über Wasser. Ich ging mit ihm nach Hause. Ich hatte keine Schwierigkeiten, seinen sinnlichen Mund zu küssen und mich an seinen kräftigen Brustkorb zu schmiegen. Doch meine Leidenschaft entfachen zu lassen, blieb mir verwehrt. Ich tat zunächst als ob, denn »schwule Sachen machen« gehörte damals in unseren Spontikreisen zum guten Ton. Dann ließen wir unsere Beziehung binnen weniger Wochen einschlafen. Vorwürfe wurden nicht ausgeteilt.

→ Zur Geschlechterfrage siehe auch Heft 1 Meurischs Mauer + Schweinsblaseninsel, Heft 4 Weininger (Freunde), Heft 8 Adler (DDR), Heft 9 Tamera + Mandelkern, Heft 11 Ihr tut mir Leid (Grammatik)
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