Donnerstag, 7. Juli 2022
Yorckbrücken
Um 2010


Der Betrachter steht vor einer schmalen, gepflasterten Straße, die sich gen Süden sanft gewunden in Gehölzen und dann im Dunst der Ferne verliert. Durch Gebüsche im Vordergrund wird der Ausblick torbogenförmig einge-rahmt. Man wähnt sich in der märkischen Heide.

Zwar handelt es sich um ein Schwarzweißfoto, aufgenom-men von D. um 1980. Ich weiß jedoch, daß die buckligen Granitsteine des gepflasterten »Landweges« bunt waren. Als angehende Bildhauerin erwärmte sich D. natürlich gleich für sie. Unter den Bäumen des romantischen Hintergrundes verbargen sich allerdings die 10 oder 12 Yorckbrücken, unter denen wiederum der Autoverkehr toste. Auf halbem Wege umarmt ins Gebüsch gekugelt, ratterte plötzlich unter uns die rotgelbe S-Bahn durch eine Schlucht, um im Tunnel Richtung Anhalter Bahnhof zu verschwinden. Das war das Tüpfelchen auf dem Kitzel.

Da D. mich liebte, mußte sie auch das verwilderte Bahngelände lieben, das ich damals für meine uferlosen gedanklichen Streifzüge entdeckt hatte. Doch im Osten und Westen war »die Insel« von den schäbigen Brandmauern hoher Hinterhäuser eingekesselt; im Norden »floß« der Verkehr längs des Landwehrkanals. Der Kitzel weicht Ernüchterung. In den Erzählungen Das Gleis-dreieck und Der Dachs wird verhaftet versuchte ich unserer Insel ein Denkmal zu setzen. Sie ist inzwischen von Bauamts wegen so gut wie untergegangen.

Neben dem beschriebenen Foto hängt eine kleinformatige Collage an der Hüttenwand. Aus Papierschnipseln verschiedener, wenn auch durchweg verhaltener Farben komponiert, läßt sie an den Bühnentanz zweier Figuren denken. Die weiße Figur ist winzig, die schwarze doppelt so groß. Man ahnt, der beschwingte Tanz gerät zum Kampf. Wer wen ersticht oder verschlingt, bleibt offen. Die Schöpferin der Collage wählte später den Part der Größe. 1997–99 schuf D. in Holland, gemeinsam mit ihrem Gefährten, eine 11 Meter lange und 30 Tonnen schwere Skulptur aus Granit. Um sie schließlich zum Ausstellungsort zu befördern, wurden ein 22 Meter langer Transporter und Polizisten zum Absperren der Straßen benötigt. Ich erhielt eine bebilderte Broschüre. Danach dürfte das schwere Werk vor allem durch den Eindruck wirken, es sei leicht. Rohe Granitblöcke sind nach Art jenes »Landweges« auf dem Gleisdreieck schlangenförmig gereiht und an den Nahtstellen auf Granitwalzen gelagert. Man denkt an eine Raupe, die vielleicht zum Flug ansetzt. Um das Werk wirklich übersehen zu können, müßte man allerdings auf einen der in Holland eher dünngesäten Berge steigen.

Laudator M. schlägt vor, es kurzerhand »imaginierend« zu »entrücken«. Die genial innige wie lose Verbindung der wuchtigen Teilstücke lasse ihn »für die menschliche Sphäre« an solche »übertriebenen Worte« wie »Solidari-tät« und »glückliche Rettung« denken. Ich hörte von Plänen des Gespanns, auf städtischen Plätzen durch mächtige Klötze Korrespondenzen oder Antipoden zu öffentlichen Gebäuden dieser Plätze zu schaffen. Brauchen diese das?

Am Schluß hockte ich mit D. auf dem Kreuzberger Friedhof unseres ersten Stelldicheins auf einem umgestürzten Grabstein, während wir »solidarisch« weinten. Es war um 1980. Wir waren ratlos. Wir hatten uns die Köpfe an einer (nach Haushofer) Wand zwischen uns eingerannt. Jedes hochlodernde Liebespaar erreicht den Punkt, wo weder Verschmelzung noch Trennung möglich erscheint. Auf europäischen Bühnen »tragisch« genannt, gelten solche Situationen bei vielen Indianer-völkern als Wahnsinn. Das Dumme ist, so gut wie niemand kann sich jener den Wahnsinn fördernden Wand entziehen. Auch der Mönch kann es nicht. Im Grunde handelt es sich um die Gefechtslinie der Widersprüchlich-keit – etwa: Ich/Welt, Selbstbehauptung/Hingabe, Gewohnheit/Abenteuer und dergleichen. Aber der Mönch richtet keinen Schaden mehr an.
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