Donnerstag, 7. Juli 2022
Schürzenjagd
Um 2015


Um 1980 mit Trotz & Träume auf Tour, heimste ich meine größten Erfolge nicht als Sänger sondern als Schürzenjäger ein. Meine Mitstreiter bekannten zuweilen ihre Bewunde-rung für meine Fähigkeit, durchschnittlich bei jedem zweiten Auftritt eine begehrenswerte junge Frau zu er-obern. Es wurde geradezu zur Sucht. Wäre der Mahagoni-Hals meiner Gitarre nicht zu kostbar gewesen, hätte ich ihn am liebsten mit jenen Kerben versehen, die im Wilden Westen die Gewehrkolben zierten.

Offenbar hatte ich großen Nachholbedarf. In meiner frühen Jugend war ich eher verklemmt gewesen. Jetzt schmeichelten mir die Erfolge und hoben mit meinem primären Geschlechtsorgan mein Selbstwertgefühl. Allerdings hielt dieser Effekt nie lange an. Unruhe, Hader, sogar ein Gefühl der Leere rumorten in mir, obwohl ich doch so viel »Liebe« in mich sog. Die entsprechenden Launen hatten dann wieder meine Mitstreiter oder andere Freunde auszubaden. Vielleicht war es zu einfach, wenn ich Jahre später in einem Rückgriff auf die marxistische Wertkritik das quantitative Denken für meinen unleidlichen Zustand verantwortlich machte. Es ist ja in unsrer Epoche so verbreitet und alles beherrschend wie das Geld. Statt uns zu erfüllen, macht uns die Jagd nach dem Mehr maßlos. Der vom quantitativen Denken durchtränkte Mensch gleicht einem Faß ohne Boden. Erfüllung dagegen ist auf echten Widerstand angewiesen. Der aber ist eine Frage von Qualitäten. Sie können natürlich genauso in Mängeln wie in Vorzügen bestehen. Sich auf Personen mit ihren Eigenarten, Geschichten, Brüchen einzulassen, hätte mich wahrscheinlich überfordert. So dienten mir meine Geliebten in der Regel bloß als Durchgang. Sie waren eher Funktionen als Personen.

Wer sein Erfolgsdenken an Zählbares hängt, wird nirgends landen, weil es ihn ins Unendliche führt. Von daher hätte der Kapitalismus alle Chancen, älter als Noah oder Methusalem zu werden, die es nur auf 950 und 969 Jahre brachten. Ein Schlenker zum Sport liegt hier nahe. In meinem Fall hatte die Liebe die Leichtathletik abgelöst. Wenn ich mich recht erinnere, lief ich die 100 Meter als 16jähriger bereits in 11,9 oder gar 11,7. Das ist rund 50 Jahre her. Um zu begreifen, daß ich von Natur aus eher dem Schnecken- als dem Raketenwesen angepaßt war, benötigte ich mindestens 75 Prozent dieses Zeitraums. Allerdings unterstreicht das nur die These von meiner natürlichen Veranlagung zur Langsamkeit.

Inzwischen stellt sich mir oft die Frage, warum der Mensch dem Verweilen das Rastlose vorzieht. Wovor läuft er weg? Für etliche kluge WissenschaftlerInnen aus unterschied-lichsten Sparten, darunter der Biochemiker und Essayist Erwin Chargaff, lautet die Antwort: vorm Tod. Zumal dem männlichen Geschlecht scheint die Angst vorm Verfall im Nacken zu sitzen; zumindest die Angst, nicht mehr »aktuell« zu sein. Daher die seltsame Angewohnheit vieler Männer, immer neue Automodelle, Sprinterschuhe oder eben Weiber wie am Fließband zu verschleißen. Dadurch werden auch sie selber neuer.

Dieser Mechanismus greift ersichtlich umso besser, je jünger die eroberten Frauen sind. Deshalb legen sich insbesondere erfolgreiche Künstler und Politiker im Zuge ihres Ergrauens schmucke weibliche Jungbrunnen zu. Der damals 69jährige SPD-»Hoffnungsträger« Franz Müntefering erregt seit Frühjahr 2009 mit einer Geliebten/Gattin Aufsehen, die 40 Jahre jünger ist als er: Michelle geb. Schumann. Zugegeben, mein Polsterer und Zeitungszusteller Bott war nicht erfolgreich, verfuhr aber leider nicht anders. Auch der Fall des kaum bekannten Schriftstellers Werner Helwig (1905–85) legt die Vermutung nahe, am Geld und am Ruhm allein könne die Anziehungskraft so vieler Greise nicht immer liegen. Helwig hatte weder dies noch das. Gleichwohl gelang es dem Außenseiter, sich 1981 – in zweiter Ehe – mit Gerda Heimes eine 37 Jahre jüngere Frau zu angeln. Es ist sehr unwahrscheinlich, daß sie später, als Witwe, aufgrund des literarischen Schaffens Helwigs von einer Rente zehren konnte, die das von Müntefering mitdurchgepeitschte Hartz IV überstieg.

Vielleicht schlittern Frauen wie Gerda aus durchaus unterschiedlichen, im Einzelfall jedoch häufig »vermischten Motiven« in solche Ehen. Ein Bedürfnis nach väterlichem Schutz mag mitunter eine Rolle spielen. Leider verraten sie ihre Gründe selten, falls sich überhaupt jemand danach erkundigt. Was Frau Müntefering angeht, verweise ich auf die Auskünfte der bekannten vertrauenerweckenden Blätter, etwa der Bunten vom 25. Mai 2012: http://www.bunte.de/panorama/michelle-franz-muentefering-ihre-liebe-ist-zeitlos-29443.html.
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