Donnerstag, 7. Juli 2022
Grüne Bananen
Wohl 2009


Über meine Ehefrau C. nachdenkend, kann ich mir auf meine Unbestechlichkeit nicht mehr so viel einbilden wie vorher. Und das mir Maoist! Ich hatte C. um 1970 in Westberlin kennengelernt, wo sie eine Fachschule besuchte. Wie sich herausstellte, war sie just in Bochum in proletarischem Elternhause aufgewachsen. Dort wirkte ich neuerdings im »Zentralbüro« der maoistischen Sekte mit. Diesen Zufall hielten wir selbstverständlich für Fügung. Doch wie nun über Todesstreifen hinweg Stelldicheins organisieren?

Günstigerweise gehörte C. unserem jungen Westberliner »Landesverband« an, der bitter meiner Unterstützung oder Überwachung bedurfte. Immerhin war ich der nationale Org-Leiter des Vereins. So nutzte ich die von der antikommunistischen Regierung Brandt subventionierte Fluglinie Düsseldorf/Berlin-Tempelhof aus und fiel C. fast alle zwei Wochen von der Gangway aus in die Arme. Die Tickets zahlte »die Partei«. Ohne meine libidinösen Inspektionsbegehren wäre ich sicherlich nur halb so oft geflogen – wie sich nach einigen Monaten zeigte, nachdem meine Geliebte ins Ruhrgebiet umgezogen war.

Vielleicht empfinden Sie es als zu hart, wenn ich Brandt einen »Antikommunisten« nenne. Er wird ja noch heute ähnlich wie Kennedy als Engelsgestalt gehandelt; diese kriegt nie Berufsverbot. Sagen wir also, er war proamerikanisch eingestellt, wie schon seine Vorgänger Erhard und Kiesinger. Auf seiner ersten Pressekonferenz als Kanzler am 28. November 1969 vom Korrespondenten der New York Times gefragt, ob er sich zum Massaker in My Lai/Vietnam – das gerade bekannt geworden war – äußern wolle, antwortete er: »Nein.« […] Mehr zu Brandts angeblicher Unbestechlichkeit ist in Heft 6 unter Müller, Philipp zu lesen. Das soll nicht heißen, schon Brandt sei aus selbstloser Bündnistreue Gast diverser gutge-schmierter Zipfelkonferenzen gewesen, wie später die Mannen um Schröders Gewerkschaftsbosse auf ihren vielen Betriebsausflügen. Kürzlich las ich von einem taz-Ei aus ca. 1988. Das Trio Höge-Vogel-Droste hatte zum Internationalen Frauentag eine um ein Bild von Monke gerankte bunte Seite entworfen. Sie zeigte vor allem »eine große Möse«, in der eine Chiquita-Banane steckte. Etliche taz-lerinnen liefen Sturm und brachten es auf drei Tage Streik. Und der Geschichte Doppelmoral? Klaus Theuerkauf: »Zur gleichen Zeit wurde eine Kurzgeschichte unsrer Freundin Anette Berr, in der sie mit einer Gurke masturbiert, als Frauenkunst gefeiert.« Vielleicht war die Gurke schon ein biodynamisches Erzeugnis gewesen …

Eine ähnlich hübsche Geschichte trug sich rund 15 Jahre später in einer anarchistischen Kommune zu. Bei ihr bewarb sich ein Mann, dem woanders Kindesmißbrauch vorgeworfen worden war. Er schilderte die Angelegenheit und betonte, er habe ein reines Gewissen. Die Kommune fand in der Tat, es sei nichts daran, und nahm ihn auf. Sie vertraute ihm. Nach Jahren gedeihlichen Zusammenlebens (mit Kindern) bewarb sich eine Frau. Während ihrer Probezeit grub sie – ob aus Gerüchten oder den Akten – jenen Vorwurf des Kindesmißbrauchs aus. Sie war schockiert und erklärte, mit diesem Mann könne sie nicht unter einem Dach leben. Sie sei nämlich in ihrer Kindheit selber von ihrem Vater mißbraucht worden. Da der Genosse seine Unbescholtenheit nicht nachweisen könne, fehle die Vertrauensbasis. Der Genosse erschrak – und erlaubte sich nach einigen vergeblichen Schlichtungs-versuchen Dritter die Frage, ob die Genossin ihrerseits jenen Mißbrauch durch ihren Vater beweisen könne. Sie war empört! Etliche andere Frauen aus der Kommune waren ebenfalls empört. Wie er dazu käme, dem Opfer eines schändlichen Mißbrauchs nicht zu glauben!

Man könnte einwenden, Doppelmoral sei nur menschlich, weil sie bereits in der paarweisen Anlage unserer Füße, Lungenflügel, Ohrläppchen, Gehirnhälften und so weiter vorgezeichnet sei. Das ist richtig. Für Erich Kästner verknüpfte sie sich 1945 im Zillertal sogar unmittelbar mit den Händen. Wie er beobachtete, vermieden die eingerückten US-Besatzungssoldaten konsequent »shakehands« mit dem einheimischen Braunvolk, selbst wenn sie selber Schwarze waren. Dagegen hatten sie keine Bedenken, mit dem einen oder anderen blonden tiroler Mädel ins Heu zu gehen.
°
°