Donnerstag, 7. Juli 2022
Chaoui, Touria

19 (1936–56), arabische Pilotin. Vermutlich büßte die junge Marokkanerin aus Casablanca ihr Leben aufgrund ihrer damals sicherlich ungewöhnlichen Rolle in der Gesellschaft ein. Als Tochter eines arabischen, jedoch französisch sprechenden führenden Journalisten und Theatermannes in Fès geboren, hatte sie eine Flugschule besuchen dürfen, die eigentlich der französischen Elite des Landes vorbehalten war. Sie erhielt die Fluglizenz bereits mit 16 – womit sie die erste Pilotin in Marokko und im arabischen Kulturkreis überhaupt geworden war. Was Wunder, wenn sie rasch zu einer »Ikone« der marokkanischen Unabhängigkeitsbestrebungen wurde, die in Chaouis Todesjahr, 1956, ihren formalen Höhepunkt und Abschluß erreichen sollten. Sie verpaßte dieses historische Datum, den Tag der Unabhängigkeit, lediglich um wenige Stunden. Chaoui war zuletzt als Co-Pilotin bei einer kleinen Fluggesellschaft beschäftigt. Doch am 1. März 1956 ereilte sie der Tod, als sie gerade mit ihrem grünen Morris Minor vor ihrem Elternhaus in Casablanca vorfuhr. Unter den Augen ihres 11jährigen Bruders Salah Eddine, der sie begleitet hatte, sowie ihrer auf dem Balkon stehenden Mutter erhält die kleine, dunkelgelockte 19jährige noch durchs geöffnete Wagenfenster aus nächster Nähe zwei Schüsse in den Kopf. Der Täter, ein Marokkaner mit zurückgekämmtem Haar, flüchtet zunächst zu Fuß. Die Mutter bricht in Schreie aus.

Laut Josh Shoemakes gründlicher Spurensuche* hatte Chaoui, die unübersehbar westlich, aufgeklärt und selbstbewußt wirkte, gleichermaßen in islamischen wie in französischen Kreisen zunehmend Feinde. Es gab Attacken auf ihren Wagen und auf ihr Elternhaus. Auch durch die Aufdeckung von Unregelmäßigkeiten in wohltätigen Clubs, denen sie angehörte, machte sie sich unbeliebt. Das Land wurde von Unruhen geschüttelt. Als Sultan Mohamed Ben Yousef im November 1955 aus dem Exil zurückkehrte, ließ Pilotin Chaoui aus einer Cessna kiloweise papierne Willkommensgrüße auf seinen Palast regnen. Anderntags wurde sie von einigen Zeitungen als neue Freiheitsheldin gefeiert.

Ob ihr Hauptfeind der Marrokaner Ahmed Touil war, ist ungeklärt. Shoemake zufolge war der Mann ein befehlsge-waltiger und machthungriger Gangster, zeitweise in Diensten des französischen Geheimdienstes. Hartnäckige Gerüchte** nennen ihn als Mörder Chaouis, aber das habe er stets bestritten. Oft kann das freilich nicht gewesen sein. Laut Shoemake geriet Touil nämlich schon einige Monate nach dem Mord in derselben Stadt Casablanca in einen Hinterhalt der neugegründeten marokkanischen Polizei. Dabei sei sein Wagen geradezu durchsiebt worden. Er kam also offenbar um. Trifft das zu, konnte er jedenfalls nicht mehr vor Gericht plaudern. Nach jenen Gerüchten soll er eine Affäre mit Chaoui gehabt und sie, wegen eines französischen Piloten, aus Eifersucht getötet haben. Dies alles hält Bruder Salah, bei Shoemakes Besuch in Vichy, Frankreich, inzwischen schon 70, für gleichermaßen lächerlich wie ehrabschneidend: chauvinistischen Marokkanerhirnen entsprungen, die es gerne hätten, die emanzipierte junge Frau sei selber schuld gewesen.

Ferner werden der Gatte einer empörten Dame der Gesellschaft Casablancas – und die Franzosen als Täter gehandelt. Das letzte hält der Bruder, der Kunstmaler wurde, für das Wahrscheinlichste. Wie immer auch, dürfte der sozialpsychologische Hintergrund dieses brutalen Mordes auf der Hand liegen: der Haß auf weibliche Herausforderungen, die ja damals** in Wüstenstaaten noch echte Sakrilege waren.

* »The Amazing Aviatrix of Wartime Casablanca«, Narratively (New York City), 16. Februar 2015: https://narratively.com/the-amazing-aviatrix-of-wartime-casablanca/
** Latifa Babas, »Touria Chaoui, Morocco's first female pilot and daring teenager«, Yabildai (Casablanca), 8. März 2018: https://en.yabiladi.com/articles/details/62569/touria-chaoui-morocco-s-first-female.html

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