Donnerstag, 7. Juli 2022
Eine Frau namens Kreuder
2022


Ich traf sie 1977. Sie hieß Irene. Wie ich mir die Einladung in ihre Wohnung in der Darmstädter Kaisermühle erschli-chen hatte, ist mir ein Rätsel. Schließlich hatte ich weder einen Doktorvater noch eine eigene Webseite vorzuweisen. Ich war ein nahezu unbekannter Westberliner Liedermacher, mehr nicht. Aber Frechheit siegt. Ich war unlängst rein zufällig über die Erzählung Die Gesellschaft vom Dachboden gestolpert und fand sie bärenstark. Das gefiel ihr natürlich. Das schmale Buch, erschienen 1946, stammte von ihrem Mann Ernst Kreuder, Schriftsteller. Den konnte ich schlecht aufsuchen, weil er bereits seit rund fünf Jahren unter der Erde lag. Er war ausgerechnet am »Heiligen Abend« 1972 gestorben, 69 Jahre alt.

Jetzt hatte Irene Kreuder, geb. Matthias (1906), gerade die 70 überschritten. Ihr Haar war schon weiß. Ein Foto von ca. 1930 zeigt sie an der Seite Ernst Kreuders als schlanke, etwas abgründig in die Kamera blickende Dame mit Pelzkragen und flottem Kapotthütchen. Sie war keineswegs dick geworden, aber die Flottheit war dahin. Allerdings fiel mir ihre kräftige, leicht nach unten gebogene Nase auf. Das sprach für Mut und Angriffsfreude.

Noch 13 Jahre später bescheinigt sie ihrem streckenweise berühmten Gatten eine gewisse Weltfremdheit, wie ich einem überragenden, längeren Text* Ulrike Edschmids entnehme. Er sei »ganz unsportlich«, nebenbei auch kein besonders feuriger Liebhaber gewesen. Von Staat und Marktwirtschaft hielt er wenig, umso mehr vom Träumen. Viele Fachleute schlagen ihn der »Magie« oder dem »Spirituellen«, also dem Bezirk des Nebelhaftem zu, wenn sie das auch niemals so klar sagen würden. Seine Vorliebe für die Predigtform wurde durch seine beachtliche Begabung für Clownerie gemildert. Noch in seinem letzten, posthum veröffentlichten Roman (eigentlich Diesseits des Todes, vom Verleger jedoch Der Mann im Bahnwärter-haus betitelt) ziehen die Irren mit dem Transparent »Mehr Muße! Mehr Mundharmonika spielen!« durch den Wald. Kreuder sei an jenem »Heiligen Abend« von der Bettkante rückwärts auf seine Bettüberdecke gesunken – tot. Der Südhesse aus Offenbach und Darmstadt war seit Jahr-zehnten Kettenraucher und eifriger Biertrinker gewesen und hatte längst Kreislaufprobleme. Er habe gewußt, er mache es nicht mehr lang.

Es läßt sich kaum behaupten, Kreuders Landsmännin Irene, studierte Juristin und Fürsorgerin, nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch vorwiegend und zunehmend Kreuders Hausfrau und Sekretärin, sei dagegen kerngesund und putzmunter gewesen. Aber sie begriff die Unterstützung des etwas »weltfremden« Gatten als Lebensaufgabe, wenn ihr auch zuweilen schmerzlich klar war, stark im Schatten zu stehen. Für sie selber scheint sich nennenswert erst Edschmid interessiert zu haben. Da war sie freilich schon über 80. Von Jugend an zwar rebellisch gestimmt, sei sie doch seelisch recht ungefestigt gewesen. So hatte sie auch wiederholt, teils brutale Aufenthalte in psychiatrischen Einrichtungen über sich ergehen zu lassen. Sie litt auch oft unter Schlaflosigkeit. Ernst empfand das zugleich als Bürde und Pflicht. Er hielt Treue hoch. Er sei gewiß eher unzugänglich und mürrisch, aber ausgesprochen zuverlässig gewesen. Beide hatten allerdings Liebschaften. Irene bekennt, die Sexualität mit Männern sei ihr stets wichtig gewesen. Obwohl man sie öfter für knaben- oder jungenhaft gehalten habe. Ihren Gatten habe sie einst, in den Kreisen der jungen Darmstädter Animalisten um Max Herchenröder und Carl Mumm, »verführt«.

Andere Leidenschaften, wie etwa die Schreibwut ihres Gefährten, hatte sie offenbar nicht. Aber sie las sehr viel, besonders Poesie, und schätzte Musik, voran Gesang. Gleichwohl traue sie sich, mangels Distanz, kein Urteil über den Rang ihres Gatten zu. Als sie sich (um 1930) in Ernst verliebte, habe sie vor allem dessen Schüchternheit und trostlose Lage als Außenseiter »ergriffen«, erzählt sie der Biografin. Ähnlich ergeht es mir heute mit ihr, nachdem ich Edschmids eindringliches, ja beinahe erschütterndes Porträt wiedergelesen habe. Sie war oft in Not. Zuletzt versichert sie Edschmid, sie habe schon beinahe Sehnsucht nach dem Tod (wie auch damals Ernst), weil sie glaube, die Menschen würden wiedergeboren. Aber sie sagt nicht, als was sie denn nun wiedergeboren werden möchte. Man möchte fast seufzen: alles, nur nicht als Prominentengattin! Irene Kreuder starb 1993 mit 86 Jahren.

Mein Eindruck auf sie kann nicht völlig ungünstig gewesen sein. Zunächst durfte ich sie in ihrem mit Leder bezogenen Lieblingssessel fotografieren. Ich hatte mir die Kamera eigens geliehen. Dann schenkte sie mir zum Abschied die Erstausgabe von Herein ohne anzuklopfen (1954), sogar mit Autogramm. Allerdings ging mir das Buch Jahre später bei einem Umzug verloren. Als ich das bemerkte, be-schimpfte ich mich – und besorgte mir die gleiche Ausgabe antiquarisch. Nach einigem Zögern verzichtete ich jedoch darauf, nun auch noch die Widmung zu fälschen.

* in: Ulrike Edschmid, Diesseits des Schreibtischs. Lebensgeschichten von Frauen schreibender Männer, Ffm 1990
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