Donnerstag, 7. Juli 2022
Scheele, Meta

37 (1904–42), Schriftstellerin. Obwohl dem Faschismus nahestehend, fiel sie unter das Programm Euthanasie. Die Tochter eines norddeutschen Schulrats und Heimat-forschers hatte unter anderem Geschichte studiert und 1928, mit nur 23 Jahren, in Göttingen ihren Dr. phil. gemacht. Zwei Jahre darauf heiratet sie ihren Göttinger Kollegen Werner Pleister, der sie in ein »nationalkonser-vatives« Umfeld zieht. Sie geht mit ihm nach Berlin, wo er, als eingeschriebenes Mitglied der NSDAP, von 1932 bis 1937 die Literarische Abteilung des Deutschlandfunks leitet. Er macht weiter Karriere; 1952 ist er der erste Fernsehintendant der BRD. Aber von Meta Scheele hat er sich schon 1937 getrennt – falls die Scheidung von ihm aus ging. Nun kehrt die verstörte, wenn nicht gar zerrüttete Frau in ihre Heimat zurück, nach Ratzeburg und Lübeck, und wie es aussieht, blüht sie dort keineswegs auf. Wahrscheinlich gelingen ihr nun auch keine literarischen Arbeiten mehr. Scheele hatte um 1930 begonnen, Rezensionen und Feuilletons für die Presse und auch eigene erzählende Werke zu verfassen, in denen sie Geschichtsschreibung mit Fabulieren vermischt. Sie konnte, nach ihrer Dissertation und einem Band mit Gedichten, mindestens vier solcher Bücher veröffentlichen, darunter Die Sendung des Rembrandt Harmenszoon van Rijn, die später auch als »Wehrmachtsausgabe« erschien.

Im November 1938 fand sich Scheele in der Lübecker Nervenheilanstalt Strecknitz wieder – auf wessen Betreiben, geht leider auch aus Gisela Schlüters Porträt »Die wahre Geschichte der Meta Scheele« von 2007 nicht hervor. Aber es kam noch viel dicker. Im September 1941 wurde Scheele, mit anderen »Geisteskranken«, in die sogenannte Eichberg-Klinik bei Erbach/Eltville im Rheingau geschafft – in Wahrheit eine von den Ärzten Friedrich Mennecke und Walter Schmidt geleitete Tötungsanstalt im Rahmen jenes faschistischen »Euthanasie«-Programms. Hier wird die 37jährige Ex-Schriftstellerin am 1. Juni 1942 umgebracht.

Wahrscheinlich deutet sich Scheeles bis zur Verwirrung führende Unentschiedenheit bereits in ihrem ersten Roman Frauen im Krieg an, der 1930 in Gotha erschien. Schon dem Titel mangelt es an Genauigkeit. Es geht der Autorin nämlich gerade um das Problem, daß die Frauen nicht im Krieg stehen, aber als Mütter, Gattinnen, Bräute, die zu Hause bleiben müssen, gern gewichtige Beiträge zur Verteidigung des Vaterlandes, Schmiedung der Volksgemeinschaft – kurz, zum sozialen Ganzen leisten würden. Die junge Bürgerstochter Johanna kommt sich jedenfalls reichlich überflüssig oder unausgefüllt vor, während ihre Mutter sie ans Haus fesselt und ermahnt, auf ihren sicherlich schon in Kürze siegreich aus Frankreich heimkehrenden Verlobten Klaus zu warten. Aber der Erste Weltkrieg zieht sich hin. Die Ärmlichkeit greift um sich, Mißgunst und Gehässigkeit nehmen zu, selbst die »Argumente« für den Krieg drohen schäbig oder fadenscheinig zu werden. Johanna probt den Aufstand durch Mitarbeit in einem Lazarett. Später arbeitet sie sogar in einem Kinderheim, gibt ihrem in den Revolutionswirren heimkehrenden Bräutigam den Laufpaß und reist in die Hauptstadt, um in der Zentrale eines Frauenverbandes zu arbeiten und nebenher Medizin zu studieren.

Leider bleibt Scheeles Kritik an der Männerrolle ähnlich schwach beziehungsweise verwaschen wie die am Krieg. Diese wird einmal von einer Munitionsfabrikarbeiterin namens Bohr und später von Müttern der Heimkinder vorgebracht. Warum die von Frauen in die Welt gesetzten Kinder eines Tages als Kanonenfutter zu dienen haben, wird allerdings nie erörtert oder auch nur angedeutet. Ökonomische und politische Interessen kommen nicht vor. Entsprechend bleibt das, was Scheele als »Aufbruch der Frau« hinstellt, völlig im Nebel. Aufbruch, Frauenwahl-recht, Freiheit – wohin und wozu? Nur, um es den Männern gleich tun zu können? Diesem nebelhaften Schritt in die Freiheit wiederum entspricht der beschwörende bis pathetische Zug der betreffenden Romanpassagen. Ansonsten ist der Roman erfreulich schlicht und anschaulich geschrieben und mutet uns nur wenige Holprigkeiten zu. Er hat etwas Bescheidenes und Tapferes. Jedenfalls geht ihm jedes Gramm Zynismus ab, ganz im Gegensatz zu den Erzählungen von, sagen wir, Katherine >Mansfield, die zwar die glanzvollere Stilistin, im Grunde aber noch unpolitischer als Scheele ist.
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