Donnerstag, 7. Juli 2022
Waiblinger, Emma

26 (1897–1923), heute fast vergessene schwäbische Schriftstellerin, erschießt sich mit 26 in der elterlichen Wohnung in Esslingen aus Gründen, die sich leider auch mit Hilfe zweier immerhin vorhandener Porträts aus der Feder von Kolleginnen*/** nur wenig erhellen lassen. Die Tochter eines zur Schwermut neigenden Buchhändlers hatte zunächst, wahrscheinlich verordnet, Kindergärtnerin und Hebamme gelernt. Aus ihrem 1920 in Heilbronn erschienenen Roman Die Ströme des Namenlos läßt sich mit Vorbehalt schließen, sie hätte gern Medizin studiert. Der aufmüpfige Geist dieses Erst- und Letztlings soll ihr einerseits Mißbilligung, andererseits Begeisterung »vieler Leserinnen« eingetragen haben. Tatsächlich aber arbeitet sie nach der Veröffentlichung doch wieder als Kinder-mädchen, diesmal beim Schriftsteller und Arzt Ludwig Finckh am Bodensee.*** Eine »heftige Darmerkrankung« zwingt sie zu einem Sanatoriumsaufenthalt. Im Herbst 1923 aus der Schweiz in die Heimatstadt zurückgekehrt, spricht sie von Auswanderungsplänen (Amerika), lernt Englisch, ersteht eine Schiffskarte und packt bereits die Koffer – um sich Ende November das Leben zu nehmen.

Bei ihrem sozialen und geschlechtlichen Hintergrund fragt man sich eigentlich schon ganz pragmatisch, ob Emma überhaupt schießen konnte und woher sie die Pistole hatte. Und muß nicht nach der Tat auch Polizei im Haus gewesen sein? Die Kolleginnen verraten es nicht. Ihre Familie habe keine Erklärung für diesen Selbstmord gefunden, schreibt Tietz. Nach einem Bericht von Waiblingers Schwester Elisabeth hinterließ sie auch keine Abschiedszeilen. Dafür habe sich im Ofen die Asche ihres zweiten Buchmanu-skriptes gefunden, das dieses Mal einen männlichen Helden haben sollte. Tietz hält es nicht für unwahrschein-lich, Waiblinger sei just in eine solche »Schreibkrise« geraten, wie sie bereits in ihrem ersten Roman geschildert wird. Neben Elisabeth hatte Waiblinger zwei Brüder, wobei der ältere Bruder, Erwin, im Ersten Weltkrieg »fiel«; der jüngere bleibt namenlos. Von einem Porträtfoto blickt uns Emma aus hübschem, leise lächelndem, durch die Wangenknochen etwas slawisch wirkendem Gesicht zum Verlieben an – freilich weiß man als Außenstehender ja nicht, ob sie zum Beispiel nicht hinkte, wenn auch vielleicht »nur« im Gemüt. Über ihr Wesen erfährt man also ebenfalls sehr wenig. Als Hebammenschülerin (in der Tübinger Frauenklinik) soll sie »beliebt« gewesen sein. Ihre Romanheldin, Agnes Flaig – übrigens braunhaarig, von »geradem«, ansprechendem Wuchs und in vorteilhaftem »Kleidlein« sicherlich »hübsch« anzusehen (S. 238) – hatte mit »heftigen Gefühlen« zu kämpfen. Aber Flaig hat sich nicht erschossen, vielmehr zuletzt an die normale Welt angepaßt.

Waiblingers Roman, übrigens »Ludwig und Dorle Finckh gewidmet« und 1921, dnb zufolge, immerhin in zweiter Auflage »4. bis 5. Tsd.« erschienen, ist in der wenig distanzierenden Ich-Form erzählt. Das würde zum Versuch einer jungen Autorin passen, sich über ihren eigenen Werdegang Rechenschaft abzulegen – und ihn dabei selbstverständlich mit einer gesellschaftsfähigen Lösung zu krönen, die ihr selber, außerhalb des Romans, vermutlich oder sogar offensichtlich verwehrt war. Ihre Agnes »kommt an«, wenn ich ein Modewort meiner Zeit benutzen darf. Sie kommt im schwäbischen Mittelstand und im schwäbischen Mittelmaß an. Das auf Ordnung, Sauberkeit, Fleiß und Tugend pochende Hausmütterchen in der jungen Frau siegt über die mal rebellisch, mal schwermütig gestimmte, jedenfalls stets leidenschaftlich glühende Dichterin in der jungen Frau. Als solche hätte sie gern die ganze Welt umspannt. Mit einer dicken Buche am Waldrand war ihr dies einmal als Schulmädchen unter gewaltigem Knacken der Handgelenke gelungen, doch was die Welt betrifft, erwies sich diese dann doch als gar zu übermächtig. So kriecht Agnes zu Kreuze und geht die Ehe mit dem dicken Buchhändler Adolf ein.

Ich wäre nicht verblüfft, wenn die junge Frau Waiblinger die Wonnen sexueller Ekstase nie erfuhr, bevor ihre Pistole krachte und sie, statt nach Amerika, ins Jenseits beförderte. Das Liebesverlangen von Agnes ist riesig, bleibt jedoch an schwärmerischen Beziehungen zu verschiedenen verehrten Mädchen, Frauen, Herren und zum Gymnasiasten Gottfried stehen, der wohl noch rechtzeitig, ehe etwas hätte »passieren« können, durch eine tödliche Krankheit aus dem Verkehr gezogen wird. Daß sie jene Wonnen dann wenigstens noch mit ihrem Gatten erfahren wird, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Das Los von vielen Millionen unterdrückter Frauen allein in Mitteleuropa muß vor dem Anbruch der angeblichen Goldenen Zwanziger Jahre furchtbar gewesen sein.

Als Autorin sucht Waiblinger in einer schlichten, etwas unbeholfenen und entsprechend wortarmen Sprache Verständnis, die zumindest über weite Strecken durchaus anrührt. Waiblinger ist auch selten geschwätzig; sie muß sich zur Mitteilung überwinden. Mit ihrer auffallenden, möglicherweise urschwäbischen Verniedlichungssucht (sie freut sich ausschließlich über »Kleidlein« oder aus der Küche aufsteigende »Gerüchlein«) versöhnt eine sanfte Ironie, die sich selbst bei jener Schreibhemmung der designierten Romanschreiberin Agnes bewährt, die diese dann in Adolfs von einem Schlag Kinder durchtobten »verkommenen« Haushalt führen wird. Der zu Herzen gehende Tonfall der gebeutelten Himmelsstürmerin hat mich wiederholt an Meta >Scheele erinnert. Mit dieser teilt Waiblinger auch den unpolitischen Zug. Von sozialem Aufrührertum kann nicht die Rede sein. Es ist schon viel, wenn sich das Schulmädchen Agnes mit ihren Freundinnen für die vagabundisch angehauchten biedermeierlichen Werke des badischen Schriftstellers Victor von Scheffel erwärmt, gestorben 1886. Buchen und Kuchen ja, aber Fabriken und Kanonen kennt sie nicht.

Tietz streicht allerdings Waiblingers ungewöhnliches Pochen auf Frauenbildung heraus, die Chance auf eine literarische Laufbahn eingeschlossen. Dieses Feld war ja damals in der Tat fast allen niederen wie höheren Töchtern noch nahezu verschlossen. Sie hatten Dienstmädchen oder Hausfrau und Mutter zu werden. Das schmeckte Waiblinger gar nicht; wohl deshalb gab sie etlichen Heiratskandidaten, die sich Tietz zufolge um sie bemühten, Körbe. Tietz weist auch darauf hin, daß Alter Ego Agnes ihren Schreibgelüsten keineswegs als »Jugendtorheit« abgeschworen hat; sie verspüre sie am Ende des Romans nach wie vor, habe sie lediglich tief in ihr Innerstes versenkt. Hier liegen »Triebverzicht« und »Verdrängung« auf der Hand, um mit dem damals aufsteigenden Sigmund Freud zu sprechen. Dennoch kommt es mir ähnlich ablenkend, jedenfalls zu kurz gegriffen vor, den tragenden, vermutlich krank oder selbstmordreif machenden Konflikt, wie Tietz, mit dem Widerstreit zwischen »traditioneller Frauenrolle« und »schriftstellerische Existenz« zu benennen. Wahrschein-lich hätte sich eine Unterstützung genießende und erfolgreiche Schriftstellerin Waiblinger nur etwas später umgebracht, mit 35 oder so. Trifft dieser Verdacht zu, saß der Wurm in ihrem grundsätzlich zerrissenen, für Befriedung ungeeigneten Gemüt.

Ihr schönstes dramaturgisches Glanzlichtlein setzt Autorin Waiblinger leider ausgerechnet bei der Herbeiführung des Happy Ends. Adolf war ursprünglich mit Margret verheiratet, einer älteren Schwester von Agnes, der Agnes nun im »chaotischen« Haushalt zu helfen versucht. Auf Margret wälzt Waiblinger die »schlampige« Hälfte ihres Wesens ab – prompt muß die liebe Schwester dann auch, wie Gottfried, durch Krankheit vorzeitig in den Sarg wandern. Kaum ist Margrets Leiche erkaltet, erlaubt sich Adolf harmlose Anzüglichkeiten und bringt sogar einen Heiratsantrag vor. Agnes ist empört, schmeißt ihre Sachen in den Koffer und verläßt das Haus. Da pfeift es in ihrem Rücken durch die Luft: Der stets zum Scherzen aufgelegte Adolf, der oben im erleuchteten Fenster grinst, hat ihr – »die hast du vergessen« – ihre eigenen Pantoffeln nachgeschmissen! Sie klatschen aufs Pflaster, und Agnes zeigt ihnen selbstverständlich die kalte Schulter. Doch ein paar Monate später reist sie reumütig wieder an. Nachdem sie die Treppen bewältigt hat und klopfenden Herzens ins Canossa der buchhändlerischen Wohnung eingetreten ist, streckt ihr Adolf, der übermütige beleibte Spitzbube, ihre Pantoffeln entgegen: »Ich habe sie damals wieder von der Straße herauf geholt und sie dir aufgehoben; ich wußte ja, daß du wieder kommen würdest.« Da wurde Agnes rot und sah zu Boden. (257)

* Rosemarie Tietz: Anne Schieber, Emma Waiblinger, Isolde Kurz. Drei Schriftstellerinnen in Esslingen am Neckar, Esslingen 1987,
S. 23–42
** Irene Ferchel über Waiblinger in: Literarische Spuren in Esslingen, 2003, S. 133–35
*** Bei Tietz bleibt Finckh unerwähnt. Den Nachschlagewerken zufolge ist der Mann erst im hohen Alter gestorben, 1964, wenn auch leider als Nazi, wie zu fürchten ist. Da er fleißiger Briefeschreiber war, bat ich das Reutlinger Stadtarchiv um Auskunft und erhielt den Bescheid, in Finckhs Korrespondenz fänden sich keine nennenswerten Erwähnungen der Emma Waiblinger.

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