Donnerstag, 7. Juli 2022
Kepler, Barbara

(geb. Müller) 37? (1573–1611), Prominentengattin. Im Jahr 1597 war der Astronom Johannes Kepler noch jung (25) und unberühmt. Rund drei Jahre früher hatte er einen Posten als Hochschullehrer für Mathematik in Graz, Steiermark, ergattert. Nun schritt er daran, eine Familie zu gründen. Seine Braut Barbara besitze hier »Güter, Freunde und einen reichen Vater; ich dürfte, allem Anschein nach, in einigen Jahren kein Gehalt mehr brauchen«, teilt er seinem Tübinger Förderer und Freund Michael Mästlin brieflich mit. Koestler versichert*, über die Person der Braut oder über Keplers Gefühle für dieselbe finde sich in dem Brief kein Wort. Immerhin erspart uns Kepler dadurch Heuchelei.

Wahrscheinlich kommt seine Gefährtin auch sonst, in der Quellenlage überhaupt, äußerst dürr weg – obwohl sie doch so »einfältig und fett an Gestalt« war, wie der Astronom irgendwo anders festgestellt haben soll. Volker Bialas (2004) streift sie nur flüchtig und erwähnt ihren Tod lediglich indirekt. Aber auf ihres Gatten Charakter gibt er viel. Auch von Mechthild Lemckes Rowohlt-Monografie (1995) über den Gatten heißt es, die Autorin gehe kaum auf sein Privatleben ein. Sind Männer wie Kepler Sonnen, erzielen ihre Gefährtinnen bestenfalls die Aufmerksamkeit von Möndchen entfernter, nur aus »Rotverschiebung« ermittelter Planeten. Im Fall Kepler kommt noch der Mißstand hinzu, daß wir in den spärlichen, leider ziemlich ungünstigen Aussagen des ehrgeizigen und rhetorisch beschlagenen Gatten anscheinend auch schon die einzige nennenswerte Quelle zum Wesen der jungen Hauseselin haben, mit der er 14 Jahre lang verheiratet war und fünf Kinder zeugte.** Daran rüttelt vermutlich auch Gadi Algazis erstaunlich gründliche Betrachtung des Keplerschen Haushaltes von 2012 nicht***, die im Internet leider nur bruchstückhaft einsehbar ist. Algazi stützt sich hauptsächlich auf einen langen, wohl 1612 entstandenen Briefentwurf des Astronomen.

Erschreckender-, wenn auch üblicherweise hatte Barbara, Tochter eines wohlhabenden Müllers aus Gössendorf bei Graz, bereits zwei Ehemänner über sich ergehen lassen müssen, ehe sie, als junge Witwe, von dem schwäbischen »Sterngucker« umworben wurde. Erstmals zwangsver-heiratet mit 16, war sie bei ihrer dritten Hochzeit im Jahr 1597 erst 23. Für Johannes entpuppte sie sich als seine Bürde. »In ihrem ganzen Tun ist sie wirr und unbeholfen. Sie gebärt auch schwer. Alles übrige ist gleicher Art.« Laut Koestler stellt Kepler sie als blöde, mürrisch, wehleidig, zänkisch, geizig hin. Ihre Liebe habe ausschließlich Kindern gegolten, aber damit hatte sie ja ebenfalls Pech. Nur zwei von den fünf Kepler-Sprößlingen überlebten ihre Kindheit. Zuletzt, in Prag, fiel Barbaras Liebling, der sechsjährige Friedrich, den vielleicht von Soldaten eingeschleppten Pocken zum Opfer. 1611 wurde das Unglück der Mutter von einem »Ungarischen Fieber« gekrönt, das epileptische Anfälle und Geistesstörungen mit sich brachte. 37 Jahre alt, sei Barbara Kepler »in geistiger Umnachtung« gestorben, schreibt Koestler.

* Arthur Koestler: Die Nachtwandler, deutsche Fassung Bern 1959, Seite 271–74 und 387
** Zudem gab es wohl noch eine Tochter, die Barbara bereits in die Ehe mit Johannes eingebracht hatte.
*** Gadi Algazi, »Johannes Keplers Apologie«, in: Reich / Rexroth / Roick (Hrsg): Wissen, maßgeschneidert. Experten und Experten-kulturen im Europa der Vormoderne, München 2012, S. 214–48

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