Donnerstag, 7. Juli 2022
Ein Fahrrad für alle Fälle
Um 2008


Die ächtungswürdige Formel von den Männern der Feder hat Zuwachs bekommen. Nun haben wir auch die Formel von den Männern in Uniform, also von denen an den Gewehren, zu meiden, dürfen sich doch unsere »Streitkräfte« seit Oktober 2000 ganz grundgesetzlich auch mit Soldatinnen stärken. Wie die interessante Webseite soldatenglück.de schon im Juli 2008 mit Hilfe einer Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr (dem natürlich blind vertraut werden kann) zu verkünden weiß, werde durch die wachsende Zahl von Frauen als Soldatinnen in den Streitkräften »die Akzeptanz der Bundeswehr in der Gesellschaft gefördert«. Ja, darin dürfte auch der Zweck der grundgesetzändernden Übung gelegen haben.

Allerding scheint die Sache mit der Gleichberechtigung ein zweischneidiges Schwert zu sein, um in der Fachsprache zu bleiben. In den einen Fällen wird sie brutal eingeführt, in anderen dagegen nicht minder brutal verweigert. Moritz wäre neulich aufgrund eines solchen Boykotts um ein Haar um eine neue Uhr gebracht worden. Er betrat in dem Nest, in dem seine Kommune lebt, das einzige Schmuckgeschäft und erkundigte sich nach der billigsten nichtdigitalen Armbanduhr. Während die Inhaberin Moritz' gezielter Frage und seiner etwas schmucklosen Kleidung nachhing, suchte sie an einem Drehständer eine Herrenuhr für 18 Euro heraus. »Und was ist mit dieser da?« wies Moritz auf eine Uhr, an der nur 13 Euro stand. »Das ist eine Damenarmbanduhr«, erklärte ihm die Inhaberin wie einem Siebenschläfer, der kaum die Nacht vom Tag unterscheiden kann. »Macht nichts«, sagte Moritz, »die nehme ich!« – »Aber meinen Sie nicht, es wäre etwas unpassend?« – »Nein. Ich trage sie ohnehin nie am Arm. Am liebsten hätte ich eine unsichtbare Uhr.« – »Ah-ja«, erwiderte sie, »ganz wie Sie wünschen.«

Sie kassierte und ärgerte sich noch abends vorm Spiegel, als sie nach ihren Kontaktlinsen fischte, über die 5 Euro große Umsatzeinbuße. Hätte Moritz einen Regenschirm, ein Fahrrad oder Jeanshosen verlangt, wäre er wahrscheinlich nicht angeeckt. Da herrscht schon beinahe Freizügigkeit. In meiner Jugend (um 1960) kam es für einen Knaben nicht in Frage, sich auf einem Fahrrad »ohne Stange«, einem Damenrad also, blicken zu lassen. Es hätte Hohn und Schande gehagelt. In der Jugend des Waltershäuser Stadtchronisten Sigmar Löffler, vor dem Ersten Weltkrieg, wäre es nebenbei sogar peinlich gewesen, als Angehöriger des männlichen Geschlechts überhaupt eine Armbanduhr zu tragen – einerlei, ob eine dürre oder eine fette. Armbanduhren galten grundsätzlich als weibisch. Der wilhelminische Herr hatte auf seinem Bauch jene goldene Uhrkette vorzuweisen, an der in den Kolonien die farbigen Träger liefen. Er trug Taschenuhr.

Heute fährt vermutlich sogar ein hohes Tier wie Ex-Kriegsminister Rudolf Scharping ein stangenloses Kampffahrrad mit Teleskop-Federung und Autopilot für schlappe 2.000 Euro. Rechtzeitig vorgesorgt, wäre sein Urlaubssturz vom Rad, der vor einigen Jahren viel Staub aufwirbelte, sicherlich glimpflicher abgegangen. So aber taugte er nicht mehr zum Armeechef. Nun muß er sich von seiner zweiten Gattin Kristina Gräfin Pilati von Thassul zu Daxberg, geb. Paul, tyrannisieren lassen und darf nur hin und wieder noch »Public Private Partnership« betreiben. Auch berät er das Beteiligungskapitalunternehmen Cerberus, das Firmen einkassiert, um mehr als 5 Euro Gewinn aus ihnen zu schlagen. Brockhaus meint, in der griechischen Mythologie sei Cerberus der Höllenhund. Er wedele jeden in die Unterwelt Eintretenden freundlich an, lasse aber niemanden mehr heraus gelangen. Er werde meist dreiköpfig und mit Schlangenschweif dargestellt. Der Zynismus unsrer Geschäftswelt und unsrer PolitikerInnen, die die Menschenrechte der albanischen Mafia verteidigen, ist zuweilen atemberaubend.

Das Geschlecht des Höllenhundes läßt die Abbildung im Brockhaus offen. Dagegen scheint mir bei der Geschlechtszuweisung an die Waren in der postmodernen Marken-Mythologie reichlich viel Willkür zu herrschen. Die Damenuhr muß niedlicher als die Herrenuhr sein, obwohl wir mit der ersten Kanzlerin der germanischen Regierungsgeschichte Angela Merkel eine Dame am Ruder haben, die auf sämtlichen Weltmeeren nicht mehr lange fackelt, sobald sich im Nebel eine Bedrohung unserer Heimat abzeichnet. Auch der Damenschuh darf sich um Himmels willen nicht allein durch seine Größe von einem Herrenschuh unterscheiden, denn in diesem Falle könnten die betreffenden Schuhfabriken zusammengelegt werden, wodurch auf einen Schlag viele Tausend bequeme Arbeitsplätze vernichtet wären.

Gott sei Dank liegen die Dinge im Autoverkehr gerechter. Ob Dame oder Herr, ein Porsche ist immer gleichgroß und gleichteuer – und der Mensch am Steuer immer gleich tot.

→ Zum Thema Frauen im Sport siehe Heft 13 Snooker
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