Mittwoch, 6. Juli 2022
Zioncheck, Marion

34 (1901–36), studierter Jurist, Rechtsanwalt, »demo-kratischer« US-Politiker, Kongreßmitglied in Washington D.C.. Angeblich trat er vor allem für die Kleinen Leute ein. Wie sich versteht, unterstützte er denn auch die beschäftigungspolitischen New-Deal-Maßnahmen des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Sie waren der »Großen Depression« des stets von Krisen geschüttelten Kapita-lismus geschuldet. Ich nehme an, 1941 hätte Zioncheck auch den Kriegseintritt der Staaten befürwortet, der letztlich die wirkungsvollste New-Deal-Maßnahme Roosevelts darstellte. Allerdings machte sich auch Zioncheck Feinde. Zwar war der gebürtige Pole ein dunkelhaariger Smarter mit gewinnendem Auftreten, doch bei manchen Kollegen und Journalisten, die noch keinen Riecher für das rotgrüne Entertainment haben konnten, kam er schlecht an, weil er sich »links« gebärdete und sich manche Eskapaden leistete. So soll er betrunken in öffentlichen Springbrunnen getanzt haben und mit seinem Wagen über den geheiligten Rasen des Weißen Hauses gefahren sein. Zionchecks lokaler Wirkungskreis lag in Seattle, Washington. Dort hatte er an einem Fenster im 5. Stock eines Bürogebäudes oder Hotels, in dem er residierte, am 7. August 1936 spätnachmittags seinen letzten Auftritt: er sprang kopfüber aus dem Fenster.

Nach verschiedenen Quellen, darunter die englische Wikipedia, schlug er genau vor einem parkenden Wagen auf, in dem Rubye Louise Nix saß. Das war die fesche 21jährige, die er erst vor gut drei Monaten geheiratet hatte. In dieser kurzen Frist war es bereits zu einigen Zerwürfnissen und Versöhnungen zwischen den beiden gekommen, durchsetzt mit Aufenthalten Zionchecks in Irrenanstalten Marylands, denen er aber schließlich, nach einer Flucht, mit Verweis auf seine Abgeordneten-Immunität einen Riegel vorschieben konnte. Dann suchte er also wieder sein Büro in Seattle auf. Manche Quellen behaupten, er habe sich zuletzt auch von seinem Kumpel und Rivalen um den Kongreßsitz, dem Staatsanwalt Warren G. Magnuson, hintergangen gewähnt. Die Ärzte hatten, je nach dem, von »Überarbeitung«, »aufreibendem Lebensstil«, »manisch-depressiver« Neigung gesprochen. Andere hielten ihn kurzerhand für endgültig durchgedreht. Zioncheck selber zog eine politische Grundsatzerklärung vor, wie einem Zettel zu entnehmen war, den er immerhin zum Abschied auf seinem Schreibtisch hinterlassen hatte. Darin behauptete er, die einzige Hoffnung seines Lebens sei es gewesen, das »ungerechte« US-Wirtschaftssystem lasse sich begradigen. In dieser Hoffnung sah er sich anscheinend enttäuscht. Von seinen eigenen Fehlern oder Schäden, gar von seinen Ängsten sprach er lieber nicht.

Jemand mag Reformist oder Anarchist sein: in nahezu sämtlichen Fällen macht er zeitlebens einen Bogen um die letzte Systemfrage, die metaphysischer Natur ist, wie ich einmal sagen möchte. Es ist die Frage nach dem Sinn der ganzen Veranstaltung. Sie quält umso mehr, als die Veran-staltung offensichtlich haarsträubende Ungerechtigkeiten und das entsprechende Leid mit sich bringt. Der eine ist hübsch, der andere häßlich; der eine von Kind auf krank, der andere nicht – daran rütteln kein Kapitalismus und kein Gemeinbesitz in libertärer Hand. Es ist die Frage, wo die Welt herkommt, was sie soll, wie sie endet – niemand weiß es. Alles andere wäre auch erstaunlich, stehen wir doch nicht über der Welt. Vielmehr stecken wir bis über beide Ohren in ihr und sind entsprechend befangen. Diese Befangenheit ist wahrscheinlich sogar die schlimmste Seuche. Bei so manchem Selbstmord mag sie, als Motiv, mitschwingen, ob es der Betreffende nun äußert oder nicht. Es ist das Gefühl hoffnungsloser Unterlegenheit. Und vielleicht der Protest dagegen.

Der Einwand, mit unserem Geist könnten wir doch prima in die Ferne schweifen, unterliegt einem Trugschluß. Denn die Ferne, das ist bereits unsere Kategorie. Als Instrument einer objektiven Untersuchung taugt sie gar nichts. Wo finge sie denn an und wo hörte sie denn auf, die Ferne? Undenkbar. Leider versagt unsere Vorstellungskraft sowohl vor der Endlichkeit wie vor der Unendlichkeit. In beiden Fällen stürzt sie uns gleichsam in den Sog eines Schwarzen Lochs, von dessen Beschaffenheit wir ebenfalls nicht das geringste wissen. Daher die Angst vor dem Tod. Die Angst gilt nicht der Aussicht, keine Brötchen mit Butter und Feigenmarmelade mehr essen oder nicht mehr besoffen in Springbrunnen tanzen zu können; sie gilt der Ungewißheit.

Das Wissen um den Zusammenhang fehlt uns. Den Plan, den manche kritische Köpfe den Clubs der Superreichen unterstellen, die damit den Kapitalismus zu sanieren oder den ganzen Planeten umzukrempeln gedächten, hätte ich gerne für alles. Wieviele Weltalle umfaßt alles? Warum sollte es in Weltallen organisiert sein? Ginge es vielleicht auch ohne Organisation? Muß es überhaupt etwas geben? Und wenn es nichts gäbe – was gäbe es dann? Wer diese Fragen aufmerksam verfolgt und nachvollziehen kann, wird erkennen, wie hoffnungslos wir dem Behälterdenken ausgeliefert sind. Unsere Gehirnschale möchte auch für alles ein Gefäß. Für Legionen von Astrophysikern und ihre NachbeterInnen tut es notfalls sogar ein punktförmiges Gefäß, das bereits alles enthält – bevor es sich mit einem grandiosen Urknall entfaltet …

Wie bereits angedeutet, gehen diese astro- und metaphysischen Fragen so gut wie jedem Menschen – um es proletarisch auszudrücken – schlicht am Arsch vorbei. Ich glaube, diese Menschen regieren sogar die Gespräche, Diskurse, Staaten, Börsen, Bankhäuser dieser Welt. Zuweilen schmücken sie sich mit dem Prädikat der Demut, doch für mich gehören sie zu dem Heer der Gegenauf-klärerInnen. Denn die Antwort, warum mich die angeführten Fragen nicht in Ruhe lassen, liegt auf der Hand. Dazu läßt sich durchaus etwas sagen. Als libertär gestimmter Mensch lehne ich undurchschaubare Verhältnisse grundsätzlich ab. Denn die graue Sphäre der Undurchschaubarkeit ist der ideale Nährboden für Herrschaft. Das geht von den Betriebsgeheimnissen meines Chefs, der kaum ein Dutzend Leute beschäftigte, über den Vatikan und die Bilderberg-Konferenzen bis über das uns bekannte Universum hinaus. Sagt eine angeblich anarchistische Kommune einer Bewerberin, über den Zweck, die Entscheidungsstrukturen und die Mitglieder-zahl der Kommune werde bislang nur gemunkelt, dürfte sie auf dem Absatz kehrt machen. Poche ich aber dem alles gegenüber auf die entsprechenden Auskünfte, verunglimpft man mich als Traumtänzer oder Spinner.

Mein Makel ist es, als ein Teil der Welt auf einem Mitbestimmungsrecht an ihr zu bestehen. Der Rebell verlange nicht das Leben, sondern die Gründe des Lebens, formuliert Camus einen der wenigen Sätze seines Buches Der Mensch in der Revolte, die würdig sind angeführt zu werden. Ich fordere die vielzitierte Transparenz, weil ich andernfalls nur im Dunkeln tappen kann. Eine nicht offengelegte Schöpfung stempelt mich zum Vollidioten oder zum Kind. Davon verstehst du nichts. Sie tritt meine Menschenwürde mit Füßen, die möglicherweise in einigen Milliarden Lichtjahren Entfernung angehoben werden. Ich bin ihr Untertan.

Vielleicht ginge es noch an, wenn wir nur dazu verdonnert wären, mit dem Rätsel der Welt zu leben. Aber ich sagte es schon: sehr oft haben wir auch daran zu leiden. Und dann haben wir, früher oder später, auch noch mit dem Rätsel der Welt zu sterben. Das finde ich das Schlimmste. In einem Sarg mit der Ungewißheit – widerlich!

Dieses Grundsatzreferat, zu dem mich Marion Zioncheck verführte, dürfte dem einen oder anderen Leser einsichtig machen, warum ich mich in meinem gesamten Schreiben an oberster Stelle um Klarheit bemühe.
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