Mittwoch, 6. Juli 2022
Juckreiz im Mandelkern
2022


Während es sich beim sogenannten Urknall, der schon beinahe überall als Tatsache gehandelt wird, um eine dinosauriergroße Kohlmeise handeln dürfte, scheint es für die sogenannte Gehirnexplosion (beim Menschen) inzwischen genug Anhaltspunkte zu geben, um sie für ein unbestreitbares, wenn auch todtrauriges historisches Ereignis halten zu können. Es fand vor ungefähr zwei bis ein Millionen Jahren statt – wie sich versteht, nicht über nacht. Damals schnürte der Frühmensch bereits auf zwei Beinen durch die Savannen. Die Gründe der Neuerung bleiben schleierhaft. Vorteile bot sie kaum. Im Gegenteil bekam man ja durch das beständige Hirnwachstum zunehmend Ärger mit der eigenen Birne: sie wurde immer schwerer. Das brachte wohl schon den Urahnen der Menschheit die uns bekannten steifen Hälse, Bandschei-benschäden, Rückenschmerzen ein. Außerdem fraßen die Hirnzellen Unmengen an Energie, die dann beim Muskelaufbau fehlten. Zu einem prächtigen Leoparden fehlte dem Frühmenschen also trotz seines viel fetteren Gehirns das Zeug. Der Zug war abgefahren. Jetzt hatte er seinen Scharfsinn vor allem in den trickreichen Nahrungserwerb zu stecken. Dabei spielte die Entdeckung oder Bändigung des Feuers keine geringe Rolle. Das Feuer schien, neben Licht und Wärme, Waffengewalt zu verleihen. Um einen ganzen Wald anzustecken, bedurfte es keiner Bärenkräfte. So konnte schließlich auch jeder Schwächling einen Granatwerfer oder eine Atombombe erfinden.

Als noch wirkungsvolleres Instrument sollte sich die Sprache erweisen. Ihre entscheidende Vervollkommnung setzt man meist für die Zeit vor rund 70.000 Jahren bis 30.000 Jahren an – die sogenannte kognitive Revolution. Mit ihr kamen die Dimensionen des Vergangenen und des Zukünftigen, allgemeiner des Unsichtbaren ins Spiel. Der israelische Historiker Yuval Noah Harari* bemerkt dazu bissig: »Nur der Mensch kann über etwas sprechen, das gar nicht existiert, und noch vor dem Frühstück sechs unmögliche Dinge glauben.« Das sorgte jede Wette für eine Flut von Eindrücken oder Einfällen, die in den Horden der Jäger- und SammlerInnen oft für vorzeitige graue Haare, wenn nicht Wahnsinn sorgten. Andererseits begann man damals mit dem Stricken jener Legenden, Mythen und Ideologien, die gegenwärtig auch die westliche Russenphobie tragen. Durch den gemeinsamen Glauben konnte die »natürliche« Obergrenze von 150 Personen pro Gruppe weit überwunden werden. Hier winken Herr-schaft, Zentralisierung, Imperialismus. Rasche Wechsel der Ansichten und der entsprechenden Propaganda ermöglichten rasche Verhaltensänderungen unabhängig von Genmutationen oder neuen Umweltbedingungen. Ich nehme an, hier wurzelt auch der Neuigkeitswahn, der an den befremdlichsten Dingen Gefallen findet. Für den Auslöser der kognitiven Revolution halten die meisten ForscherInnen »zufällige Genmutationen«. Das hat den Erklärungswert von Schneefall im August. Jedenfalls handelt es sich um nichts anderes als Fehler im Strick-muster, wenn ich so mutmaßen darf. Den Neandertaler verschonten sie offenbar, wurde er doch just in der genannten Zeitspanne vom Homo sapiens ausgerottet. Er war dem neuen Scharfsinn nicht gewachsen.

Eine Erschwernis, die sich sowohl durch den Aufrechten Gang wie durch die dann ständig wachsende Birne ergab, betraf die Geburt. Sie mußte verständlicherweise immer früher erfolgen, sonst wäre der Nachwuchs in der Mutter stecken geblieben. Jetzt wuchsen Kopf und Gehirn des Kleinkinds außerhalb der Mutter noch emsig weiter. Das ging allgemein mit einer Ausdehnung der Kindheit und der entsprechenden Abhängigkeit einher, die unter Leoparden oder Feldhasen unbekannt war. Dadurch gewannen die engsten sozialen Beziehungen erheblich an Bedeutung. Das Kleinkind mußte gefördert, geformt – um nicht zu sagen: geknetet werden. Manche Anthropologen und Psychologen beklagen den verbreiteten Irrglauben, das auszeichnende Merkmal eines Gehirns sei dessen Größe. Zwar seien bei der Geburt schon sämtliche Nervenzellen angelegt, doch nun komme es auf deren Verknüpfung an. Dafür wiederum sei jene Förderung unerläßlich, die man vielleicht altmodisch auch Zuneigung nennen könnte. Wenn Sie jetzt einmal darauf achten, wie gefesselt heutzutage junge Mütter oder Väter beim Kinderwagen-schieben auf ihr Smartphone statt auf ihr Baby starren, können Sie die prozentuale Verteilung der je persönlichen Zuneigung im digitalen Zeitalter recht gut ermessen. Freilich stellte die Formbarkeit des Kleinkindes schon vor dem Siegeszug des Computers eine Medaille mit zwei Seiten dar. Arthur Koestler** faßte das Problem in den Satz: »Die Gehirnwäsche beginnt in der Wiege.«

Selbstverständlich wüßte so mancher nur zu gern, ob auch anderswo im Universum »kognitive Revolutionen« tobten und was man, wenn ja, dagegen unternommen hätte. Viele AstrophysikerInnen halten bereits die Wahrscheinlichkeit für intelligente Zivilisationen allein in unserer Galaxie, der Milchstraße, für hoch. Eine andere Frage ist, ob wir uns mit diesen auswärtigen Leuten, vielleicht auch Knack-würsten oder Dunstschleiern, überhaupt verständigen könnten. Das ist natürlich nicht nur nur ein gramma-tisches Problem. Der Freiburger »Exosoziologe« Michael Schetsche, geboren 1956, erinnert*** an die »gewaltigen Zeiträume«, sprich: Entfernungen, die man zu diesem Zwecke matt setzen müßte. Das gelänge wahrscheinlich nur mit Hilfe einer ferngesteuerten KI, also einem besonders schlauen Automaten. Ob aber Schetsche es noch erlebt? Vielleicht hat die andere Seite mehr Glück. Schetsche hält Außerirdische mit einer Lebenserwartung von 10.000 Jahren für durchaus denkbar. Er räumt sogar ein, wir könnten leider immer nur »in menschlichen Kategorien« denken (etwa Zeit, wie er). Erfreulich finde ich seine Auskunft: »Meine Spekulation ist: Wenn sie so fortgeschritten sind, dass sie unsere Kommunikate durch Fernbeobachtung verstehen, werden sie wahrscheinlich nicht kommen. Dann schicken sie kein Raumschiff los, sondern denken: Das ist ja eine komplett verrückte Zivilisation, die gerade dabei ist, den Planeten zu zerstören. Dann werden sie als friedliche Zivilisation gar keinen Kontakt suchen.«

Damit klopft zum wiederholten Male das Problem unserer beschränkten Denk-Kategorien an die Tür. Im schon gestreiften Irrläufer-Buch beklagt Koestler, wir seien leider gleichermaßen außerstande, uns andere räumliche Dimensionen als die des Würfels oder uns beispielsweise eine rückwärts fließende Zeit vorzustellen. Recht hat er. Aber in Die Armut der Psychologie (Bern 1980, bes. S. 278–83) huldigt er dafür altbekannten (buddhistischen, christlichen, mystischen) zeit-losen Konzepten, weil er seine Unsterblichkeit wenigstens »kollektiv« zu retten gedenkt. Der Geist macht es möglich. Vor der Geburt und nach dem Tod treiben wir im »psychischen Äther« oder auch im »kollektiven Unbewußten«. Dort gibt es anscheinend keine Zeit. Damit fällt aber auch der Raum. Jeder zeitliche Vorgang ist ja wohl stets mit irgendeiner Bewegung oder Ortsveränderung verbunden – hebele ich die Zeit aus, benötige ich keinen Raum mehr. Ich kann im »psychischen Äther« vor mich hindümpeln, ob zwei Minuten oder 20 Milliarden Jahre lang. Umgekehrt dürfte es genauso schwer fallen, sich einen Raum ohne Zeit vorzustellen, sozusagen etwas absolut Statisches, die Starrheit an sich. Versuchen Sie es einmal. Zwar können Sie behaupten, in so einem Objekt, und sei es »unendlich« ausgedehnt, stünden sogar die Elementarteilchen still, fall es welche hätte – aber Sie können sich kein Bild von ihm machen. Das gleiche gilt selbstverständlich für jenes Nichts, das Koestler aus poetischen Gründen »psychischen Äther« nennt. Vieles ist durchaus vorstellbar – nichts jedoch nicht.

Da ist es einfacher daran zu glauben, der nächste Nachbarstern unserer Sonne, Proxima Centauri, den wahrscheinlich zwei Planeten umkreisen, sei 4,2 Lichtjahre von uns entfernt. Das wären immerhin schon schlappe knapp 40 Billionen Kilometer. Ob diese Angabe zutrifft beziehungsweise irgendeinen praktischen Nährwert hat, wage ich zu bezweifeln. Der Durchmesser unserer Milchstraße wird übrigens auf 100.000 Lichtjahre geschätzt. An die Entfernungen im restlichen Kosmos oder was immer da noch existieren sollte, darf man gar nicht denken, sonst wird man verrückter als von dem Rummel um die angebliche Corona-Pandemie. Was da draußen für Gesetze herrschen, falls es dort dergleichen gibt, wissen wahrscheinlich Gott oder Satan selber nicht so genau. Jedenfalls halte ich es (wie Kirchhoff) für aberwitzig, von unseren beschränkten Milchstraßenverhältnissen auf die Zustände im ganzen Rest zu schließen.

Jemand könnte einwerfen, in seiner Erzählung Der seltsame Fall des Benjamin Button habe doch F. Scott Fitzgerald jene rückwärts fließende Zeit schon im Jahr 1922 vorgeführt. Nein, das hat er eben nicht. Er hat das Phänomen lediglich für diesen einen Fall behauptet. Ich will nicht leugnen, daß die vielgelobte Erzählung sicherlich »elegant« geschrieben ist, doch für den ausgefallenen »Plot« – der Held kommt als Greis zur Welt und wird immer jünger – kommt sie mir gar zu belanglos und unergiebig vor. Die mit Benjamin niedergekommene wohlhabende Südstaatendame scheint schon bei der »Geburt« keine Rolle zu spielen, und Benjamins Verschwinden als Säugling bleibt genauso im Nebel. Der Held selber hat anscheinend nie ein Bewußtsein von seinem »seltsamen Fall«. Jedenfalls ist die Geschichte viel zu unwahrscheinlich, um jene Belanglosigkeit zu verkraften. Und die ihr angedichteten Aufschlüsse über Zeit und Vergänglichkeit kann ich nirgends entdecken. Dafür muß Fitzgerald ein ziemlich geschichtsblinder, angepaßter Schönling gewesen sein. Gegen Ende seines schmalen Buches treten die Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg ein – warum, ist völlig uninteressant.

Ich wies schon früher einmal auf den Krieg zahlreicher männlicher Samenzellen um die Eroberung von nur einer weiblichen Eizelle hin, der seit Urgedenken bei jeder »Begattung« tobt. Wahrscheinlich sei er sozusagen der Vater aller Kriege. Eine private Webseite unterstreicht einen anderen Gesichtspunkt der menschlichen Sexualität. Die ausgedehnte Kindheit und die entsprechende Fürsorge habe ein neues Sexualverhalten erzwungen. »Um über die lange Zeit der Abhängigkeit hin den Vater (anders als bei den Schimpansen) in die Sorge um das Kind einzubinden, sind Menschenfrauen ständig liebesbereit, nicht mehr nur zur Paarungszeit – die Väter werden mit Sex bei der Stange gehalten.« Mag der Autor nun damit richtig liegen oder nicht, im sogenannten Geschlechtstrieb haben wir vermutlich eine Geißel, die wir ebenfalls unserer aufgeschwemmten Birne verdanken. Er soll hauptsächlich von der Amygdala abhängen, auch von deren Größe. Auf deutsch heißt sie Mandelkern. Auf beiden Schädelseiten in Schläfennähe untergebracht, soll die paarige Mandelkern-Region allgemein für Gefühlsausbrüche zuständig sein. Werde sie beschädigt oder verkleinert, nehme auch die Begierde ab, lese ich im Spiegel. Andere Gehirnregionen könnten freilich ähnlich zügelnd wirken. Es ist mal wieder alles unübersichtlich miteinander verknüpft. Da hilft es also wenig, sich die Amygdala kurzentschlossen operativ entfernen zu lassen, zumal damit auch anderes entfiele, etwa Angst, Wut und allerlei Freuden der harmlosen Art. Nur die Angst zu verlieren, wäre ja eigentlich gar nicht so schlecht. Oder nur den romantischen Un- oder Wahnsinn, der sich bei unsereins so gern mit der reinen, »tierischen« Begierde – verknüpft.

Ich lenke abschließend auf dieses Thema, weil ich mit Entsetzen festgestellt habe, offenbar fiele ich aus der Fausregel heraus, im Alter lasse das geschlechtliche Verlangen beständig nach. Bei mir scheint es eher anzuschwellen. Vielleicht ist das eine Art Torschlußpanik. Da es eingefleischten Eigenbrötlern aber naturgemäß an sogenannten Geschlechtspartnern mangelt, zeigen sich alle Tore als verrammelt. Das Ergebnis liegt auf der Hand: Zerknirschung, wenn nicht gar Gram. Mit Geschlechts-partnern wird es allerdings in der Regel auch nicht ersprießlicher. Zählen Sie einmal zusammen, wieviele Nöte sie Jahr für Jahr Ihrem Sexualtrieb zu verdanken haben. Sollten Sie über 80 werden, haben Sie keineswegs Koestlers »psychischen Äther«, eher den anderen Rand der Wüste Sahara erreicht.

* Eine kurze Geschichte der Menschheit, 2011, hier 3. deutsche Auflage 2014, bes. S. 17–40
** Der Mensch – Irrläufer der Evolution, Bern 1978,
bes. S. 18 ff + 317 ff
*** https://www.derstandard.de/story/2000124221987/exosoziologe-wir-werden-aliens-lange-zeit-nicht-verstehen 20. Februar 2021

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