Mittwoch, 6. Juli 2022
Gute Dopamine zum bösen Spiel
2013, gekürzt 2022


2008 machten Professor Samuel Wang und Chefredak-teurin Sandra Aamodt mit Welcome to your Brain viel Wind, es wurde gleich zum »Kultbuch« erhoben. Immer-hin ist die Arbeit der beiden NeurowissenschaftlerInnen aus den USA erheblich besser geschrieben als Detlef Linkes Das Gehirn von 1999. Sie hat sogar einen trockenen Witz, der von Koestler stammen könnte.

Allerdings sind beide Werke dem Positiven Denken verpflichtet. Aamodt/Wang empfehlen es ausdrücklich als Mittel zur Steigerung unseres Glücksgefühls. Der Zustand und das Wohlergehen der Gesellschaft interessiert sie nicht. Jeder ist seines Glückes Schmied, und sei es auf Kosten des Nachbarn oder einer indischen Turnschuh-näherin. Rühmen Aamodt/Wang die Dopamin-Neuronen, die maßgeblich am Erlernen von Verhaltensmustern beteiligt seien, die positive Ergebnisse nach sich ziehen, laden sie neben dem Egoismus zum Opportunismus ein. Zeige ich Dritten gegenüber das erwartete Wohlverhalten, springt mein Dopamin-Spiegel gleich um drei Grad, denn Wohlverhalten wird augenblicklich belohnt. Deshalb soll man auch die Zuteilungen annehmen, die uns »von oben« gewährt werden – von Gott, Vater Staat oder einem Chefredakteur. »Glück ist zu wollen, was man bekommt«, zitieren Aamodt/Wang einen Spruch aus unbekannter Quelle. X. bekommt Hartz IV, Wolf Biermann das Große Bundesverdienstkreuz am Bande, Israel den Gazastreifen. Das bedeutet nicht, die Hände in den Schoß zu legen. Beispielsweise empfiehlt das Duo ein Training unseres präfrontalen Kortex', weil es unter anderem unsere Willenskraft stärken könne. »Gehen Sie deshalb mit Fleiß an heikle Aufgaben, wie die, nett zu sein zu Leuten, die Sie nicht leiden können.« Lächeln Sie jeden an, der Sie schlechtzumachen, über den Tisch zu ziehen, auszubeuten gedenkt. »Womöglich hilft Ihnen das später, eine Diät durchzuhalten« – oder Abgeordnetendiäten einzustrei-chen. Heucheln Sie, ob bei Feinden oder Freunden.

Wer wollte herausbekommen, warum der eine Schriftsteller mehr zur Toleranz und Behutsamkeit, der andere dagegen zu Konsequenz und Polemik neigt? Gene sind nicht alles. Auch Aamodt/Wang versichern, unsere Disposition durch sie könne von allen möglichen Umweltfaktoren beeinflußt werden, darunter »natürlich« nicht zuletzt die Kinderstube. Aber wie sich diese »gebunkerten« Faktoren mit gegenwärtigen Einflüssen aus Amts- oder Redaktionsstuben mischen, nach welchen »Gesetzmäßigkeiten« also, weiß kein Schwein. Ähnlich undurchschaubar ist unsere Gehirntätigkeit selbst. »Kein Wissenschaftler hat bislang eine vollständige Computersimulation von der biochemischen und elektrischen Leistung jedes einzelnen Neurons zuwege gebracht – geschweige denn von der von 100 Milliarden Neuronen in einem echten Gehirn. Genau vorherzusagen, was ein ganzes Gehirn unternehmen wird, ist im Grunde unmöglich.« Damit sei in der Praxis eine funktionelle Definition von Freiheit und dem vieldiskutierten Freien Willen gegeben, folgern Aamodt/Wang. Aber sie greifen zu kurz wie fast alle WissenschaftlerInnen. Vielleicht sollte man besser von unserer Bedingtheit, nicht unserer Unfreiheit sprechen. Denn der Einwand, an einer Kette laufen zu dürfen sei immer noch besser, als im Block zu stecken, ist schwer zu entkräften. Es gibt Grade der Freiheit. Dagegen kann man nicht mehr oder weniger oder nur ein bißchen tot sein. Hier geht es um Grundtatsachen, um die grundsätzliche Beschaffenheit des Menschen. Deshalb sage ich, entweder ist der Mensch bedingt oder nicht. Und selbstverständlich ist er es. Er hat sich weder seine Milchstraße noch seine Mutter ausgesucht. Niemand gab ihm einen Schaltplan seines Gehirnes mit auf die Reise. Räumt aber einer ein, sein Gehirn sei ihm diktiert worden, schließt das natürlich auch die Spielräume ein, die ihm dieses Gehirn, weiß der Teufel warum, gnädigerweise gewährt. Das ist nur logisch.

Vermutlich würden sich Aamodt/Wang hüten schmunzelnd einzuwenden, dann sei ja wohl auch die Logik ein Diktat, gössen sie dadurch doch ersichtlich Wasser auf die Mühlen meiner Argumentation. Nein, sie ziehen es vor, sich in jenen Spielräumen und bei der Ausführung ihrer Taschenspielertricks frei zu fühlen, damit sie sich nicht gedemütigt und gelähmt fühlen müssen. Sie werfen die Erkenntnistheorie dem Pragmatismus zum Fraß vor. Sie möchten schließlich leben, möchten handeln. Also erheben sie ihren Wunsch nach Freiheit zur Tatsache der Freiheit. Das Verfahren ist auch in weniger grundlegenden Fragen weltweit beliebt. Hundertmal in der Woche »markieren« wir den starken Mann oder die starke Frau – bis wir einmal zusammen-brechen. Nicht anders gibt der Internet-Tyrann Wikipedia den Anschein von Objektivität in seinen Artikeln als Objektivität selber aus.

Sind die unablässigen Verhandlungen unserer 100 Milliarden Nervenzellen oder Neuronen (mit Hilfe von mindestens 100 Billionen Verbindungen oder Synapsen) schon unübersichtlich genug, gesellt sich noch das Phänomen hinzu, daß sie uns mal bewußt sind, mal nicht. Die Gründe und die Gesetzmäßigkeiten dieser Trennung sind den Forschern nahezu schleierhaft. Und davon, was Bewußtsein eigentlich sei, hat niemand eine Vorstellung. Mit Aamodt/Wang festzustellen, die Nerven- und Gliazellen des Gehirns erzeugten chemische Verände-rungen, die elektrische Impulse und eine Kommunikation von Zelle zu Zelle auslösen und damit sämtliche Gedanken und Handlungen steuern, sagt ja über die Beschaffenheit von »Bewußtsein« gar nichts aus. Wie erhebt sich aus einer chemischen Substanz und einem elektrischen Funkkontakt die Vorstellung eines Käsebrotes mit Oliven; die Vorstellung, ein solches werde im Augenblick von vielen Millionen Bewohnern dieses Planeten schmerzlich vermißt; die Vorstellung, die wir Gerechtigkeit und Frieden nennen, aber nie erzielen; die Vorstellung, ich selbst (H. R.) und nicht etwa mein Freund oder Feind Z. zu sein?

Immerhin läßt sich die persönlichkeitsbildende Funktion unseres Gehirns nach den bisherigen Forschungen offen-bar nicht mehr ernsthaft bezweifeln. Das heißt, Rousseau oder die RomantikerInnen, auch »Lebensphilosophen« wie Ludwig Klages und noch der Büchnerpreisträger von 1953 Ernst Kreuder, lagen mit ihrem schwärmerischen Nachtseiten- und Äonen-Gefasel meilenweit daneben. Die ForscherInnen führen dafür säckeweise Belege an. Sie verdanken sie vor allem Untersuchungen von geschädigten Gehirnen; hinzu kommen immer mehr bildgebende Verfahren (»Hirnscanner«), mit denen sie uns unter die Schädeldecke blicken können. Sollte ein Mensch zu seinem Peiniger herzlich sein, liegt es nicht an dem Muskel in seinem Brustkorb; der Muskel bekommt seine Befehle. Oder auch nicht. Nach wie vor undurchsichtig bleibt, von welchen »Erwägungen« sich unsere »oberste Instanz« leiten läßt, wenn sie so oder so entscheidet. Gibt sie einer Erscheinung den Vorzug, die mit verheißungsvoller Neuigkeit glänzt, oder bleibt sie lieber beim Gewohnten? Beides kann unser Glücksgefühl steigern, wie Aamodt/Wang betonen. Das Gehirn ordnet Erscheinungen gern in vertraute Muster ein; freilich öden uns diese zuweilen derart an, daß wir uns in ein Abenteuer stürzen – lassen. Aber von wem? Wer oder was stürzt uns hier? Um diesen heißen Brei drücken sich Aamodt/Wang in zahlreichen Windungen. Damit lassen sie das hübsche Zitat von Emo Phillips, mit dem sie die Einführung zu ihrem Buch eröffnen, von Seite zu Seite verblassen. »Ich dachte immer, das Gehirn sei mein wichtigstes Organ. Aber dann überlegte ich: Moment mal, wer sagt mir das eigentlich?«

Das erste Kapitel beginnt mit dem starken Satz: »Ihr Gehirn lügt Sie unablässig an.« Diese Trennung zwischen uns selber und unserem Gehirn behalten Aamodt/Wang im folgenden bei, ohne jemals auch nur anzudeuten, worin der Unterschied zwischen beiden Phänomenen bestehen könnte. Die naheliegende Frage, wieso ich über meinem Gehirn stehen sollte, klammern sie aus. Und womit stünde ich denn, bitteschön? Hier winken wahlweise Seele, Über-Ich, Gott und was dergleichen schon alles bemüht worden ist, doch Aamodt/Wang hüten sich vor einer Festlegung. Detlef Linke entschied sich in dem angeführten Buch für die Seele – hütete sich aber wiederum, sie (im Gegensatz zu Leib und Bewußtsein) zu definieren. Während uns das Bewußtsein immerhin Fährten durch Emotionen, Hirnströme, abgefeuerte Neuronen legt, speist uns die Seele lediglich mit dem unabweisbaren Gefühl ab, daß immer etwas fehle. Die Seele hängt als Besorgnis erregendes, aber mitunter auch erhebendes Fragezeichen über unserem Haupt. Sie gaukelt uns Souveränität vor. Kann mich mein Gehirn anlügen oder kann ich über mein Gehirn nachdenken, kann das Gehirn nicht das letzte Wort sein – so der fadenscheinige Glaube.

Zwar könnte einer auch den Verdacht haben, mit eben diesen Kabinettstückchen narre uns das Gehirn in einem fort. Aber dadurch hätte er jenen nie definierten Unter-schied zwischen uns und unserem Gehirn schon wieder gemacht. Wir sind außerstande, unsere merkwürdige Befangenheit in unseren Widersprüchen zu erklären, geschweige denn zu durchbrechen. Nur das ist das Problem. Aamodt/Wang haben es »natürlich« auch, nur gestehen sie es nie.
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