Mittwoch, 6. Juli 2022
Oppolzer, Egon von

37 (1869–1907), österreichischer Astronom. Offenbar starb er nicht im Dienst. Ein zeitgenössischer Nachruf* spricht von einer »Blutvergiftung, die er sich bei Arbeiten im Garten« zugezogen habe. Aus einer Gelehrtenfamilie stammend, hatte es Oppolzer (1906) zum Professor in Innsbruck und Gründer und Chef der dortigen Sternwarte gebracht. Er soll ein »feinfühlender, schöngeistiger« Mensch gewesen sein, der neben der Malerei die Musik liebte, auch Umgang mit den Familien Wagner und Bruckner pflog. Wie sich versteht, rechnet man ihm einige Entdeckungen an, etwa der kurzperiodischen Veränder-lichkeit des Asteroiden (433) Eros; dessen Lichtkurve lasse auf seine unregelmäßige Form schließen. Möglicherweise hat das den Professor der nicht-künstlerischen Sinnlichkeit nähergebracht, aber wohl kaum dem Rätsel des Universums.

Ich greife kurzentschlossen Bedenken gegenüber der herrschenden Astronomie und Kosmologie auf, die ich bereits bei Krieger angedeutet habe. Vor gut 10 Jahren (am 21. Oktober 2010) war im angeblich kritischen Online-Blatt Telepolis ein Artikel über jüngste Entdeckungen des Weltraumteleskops Hubble zu lesen. Autorin Andrea Naica-Loebell leitete ihn mit der dummdreisten Fest-stellung ein: »Im Anfang war das Nichts. Alles begann vor ungefähr 13,7 Milliarden Jahren mit dem BigBang, dem mächtigen Urknall, aus dem heraus sich das Universum selbst entfaltete und ausdehnte.« Das überbietet die Autorin gleich noch durch den eingeklammerten Hinweis auf einen früheren Artikel mit der Überschrift »Das Universum braucht keinen Gott«. Sie kennt die Bedürfnisse des Universums besser als ihre eigenen. Das Universum begnügt sich mit dem Zwerg BigBang, der sich dann »selbst entfaltet«. Woanders, wohl an Brockhaus angelehnt, heißt der Zwerg »ursprüngliche« oder »kosmologische Singularität«. Dieses gesichts- und bartlose Urstück pickte sich einen explosionsfähigen Tropfen Ursuppe aus einer geknetschten rostigen Coladose, die zufällig in seiner Reichweite lag, und damit ging alles los.

Sie können hinblicken, wohin Sie wollen: die berühmte Theorie vom Urknall ist binnen weniger Jahrzehnte so gut wie zur Tatsache geronnen. Die Theorie geht auf Georges Lemaitre zurück. Der Belgier hatte den »heißen Anfangszustand des Universums« 1931 »primordiales Atom« oder »Uratom« genannt, war er doch Theologe und Physiker zugleich. Man könnte diesen Anfangszustand genauso gut Naica-Loebell nennen. Mit welchem Grund? Die Gute setzt etwas voraus, das sich jeglicher Überprüfbarkeit entzieht, damit also unangreifbar wie Gott ist. Schon die Lässigkeit, mit der sie über 13,7 Milliarden Jahre verfügt, ist atemberaubend. Jochen Kirchhoff hat wiederholt den leichtfertigen Umgang der etablierten AstrophysikerInnen mit »monströsen Zeiträumen« angeprangert. Wenn etwa Einstein behaupte, die Merkurbahn vollziehe in drei Millionen Jahren eine Umdrehung, halte er es offenbar für legitim, »den winzigen Beobachtungszeitraum, der uns zur Verfügung steht, ins Unabsehbare auszuweiten und den Jetzt-Zustand einfach in die Vergangenheit und in die Zukunft hinein zu extrapolieren.« Selbstverständlich habe das nichts mit Empirie zu tun; es sei pure Setzung.

Der Physiker und Autor Peter Ripota weist auf haarsträubende innere Widersprüche der Urknall-Theorie hin. Wenn aus dem Nichts in einem Augenblick etwas so Gewaltiges wie das gesamte Universum entstehen könne, widerspreche es allen Prinzipien und Gesetzen der Physik, ganz besonders dem Energieerhaltungssatz. Die Theorie der »kosmischen Inflation« – derzufolge das Weltall nach dem Urknall mit zunehmender Geschwindigkeit expandierte – entbehre nach den Formeln der Physik jeder Grundlage. »Keine Masse kann auch nur annähernd Lichtgeschwindigkeit erreichen, geschweige diese milliardenfach überschreiten.« Eine zunehmende Explosionsgeschwindigkeit mit wachsender Entfernung sei ohnehin absurd: woher nähmen die beteiligten Objekte die dazu erforderliche Energie? Bekanntlich verhalte es sich bei allen beobachtbaren Explosionen genau umgekehrt: die weggeschleuderten Teilchen werden langsamer.

Schließlich behauptet Ripota, in den Kugelsternhaufen um die Galaxien hätten sich inzwischen Sterne gefunden, die älter als unser angebliches Universum seien, nämlich zum Teil über 15 Milliarden Jahre alt. Aber hier beißt sich die »immanente« Kritik in den Schwanz. Jochen Kirchhoff hat überhaupt die Fahrlässigkeit beklagt, mit unseren Milchstraßenmaßstäben (von Zeit, Raum, Masse, Energie dergleichen) universell zu hantieren. In diesem Licht sollte man auch der beliebten Angabe mißtrauen, unser Sonnensystem – und wir mit ihm – bewege sich auf seiner 220 Millionen Jahre langen Umkreisung des Milchstraßenzentrums mit einer Geschwindigkeit von 240 Sekundenkilometern fort. Woran will man so etwas denn messen? Also gut, wir rasen in einer Sekunde von Berlin nach Hannover, während wir Käsebrot kauen oder über den Käse von anderen lästern. Doch wir merken nichts davon. Irgendetwas scheint die Welt zusammen zu halten, ohne uns mit dieser Anstrengung zu belästigen. Wir können sogar schlafen. Der Gegensatz zwischen Ruhe (Festigkeit) und Bewegung gehört zu den seltsamen, ja beunruhigenden Grundzügen unserer Existenz.

Setzte ich vor ungefähr 55 Jahren meinen Physiklehrer mit der Frage in Verlegenheit, was eigentlich vor dem Ur gewesen sei, griff ich natürlich zu kurz. Denn das ganze Koordinatensystem unsrer Weltauffassungsgabe hängt in der Luft – was zahlreiche hochstudierte Köpfe mal unverschämterweise, mal elegant zu übersehen pflegen. Vorher und nachher sind so willkürliche Kategorien wie unten und oben. Sein oder Nichtsein stellt lediglich für ein Staubkorn namens Hamlet die große Alternative dar. Es sind ja völlig andere »Existenzformen« denkbar, die sich unserem auf Raumzeitlichkeit und Kausalität** geeichtem Vorstellungsvermögen leider entziehen. Unser Problem ist unsere beschränkte Warte. Seit Gott abgewirtschaftet hat, steht uns kein verläßlicher Bezugspunkt außerhalb unsrer selbst zur Verfügung. Das könnte man im Zeichen des erwähnten Astroiden auch Selbstbefriedigung nennen, im Fachjargon Onanie.

Ähnlich halbherzig wie Ripota verfährt der Astrophysiker Hans-Jörg Fahr in seinem Buch Universum ohne Urknall, Heidelberg 1995. Er führt zahlreiche stichhaltige Einwände gegen die herrschende Urknall-, Rotverschiebungs- und Hintergrundstrahlungs-Kosmologie beziehungsweise -Theologie an und stellt sogar deren Universal-Meßlatten wie etwa »die Zeit« in Frage, doch er scheut einen konsequenten Abschied. Nähme er seine Kritik ernst, müßte er ja beispielsweise vorschlagen, mindestens neun Zehntel der gängigen abenteuerlichen »Forschung« auf kosmologischem Gebiet sofort einzustellen. Schließlich werden hier für buchstäblich nichts seit Jahrzehnten Gehälter und Geräte im Werte von sicherlich etlichen Milliarden Dollar verpulvert, mit denen man locker Afrika, Lateinamerika, Mexiko und die USA zusammengenommen vom Elend befreien könnte. Fahr findet jedoch, es müßten weiterhin Universen »konzipiert« werden, und seien es alternative, beispielsweise anfangslose, dynamisch-vitalistische. »Die Schöpfung muß unerschöpflich bleiben«, betet der Bonner Professor (auf S. 149), ganz wie der Topf mit dem Forschungsgeld. Nebenbei hat es für die Entlohnung eines Lektors seines Werkes nicht mehr gereicht. Es wimmelt von Druckfehlern, Füll- und Fremdworten und der Konjunktion daß wie ein bereits stark expandiertes Weltall, hat aber nur 150 Seiten.

* in der Prager »Naturwissenschaftlichen Zeitschrift« Lotos 11–1907: https://www.zobodat.at/pdf/Lotos_55_0177-0179.pdf
** Kein Geschehen ohne Ursache; gleiche Ursachen gleiche Wirkungen
→ Siehe auch Chargaff zur Gen-Forschung in Heft 6, Spitzer Winkel

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