Mittwoch, 6. Juli 2022
Krieger, Johann Nepomuk

37 (1865–1902). Wer Kalauer liebt, könnte den Sohn eines bayerischen Braumeisters als den zeitlich ersten »Kalten Krieger« bezeichnen. Eine fette Erbschaft hatte ihn nämlich in die Lage versetzt, Astronomie zu studieren und in diesem Rahmen eine besondere Leidenschaft für den Mond zu entwickeln. Nebenbei muß er auch grafisch begabt gewesen sein. 1890 richtete er sich in einem Münchener Vorort sogar eine eigene Sternwarte ein, die er fünf Jahre darauf in die oberitalienische Stadt Triest (an der Adriaküste) verlegte. Das geschah wohl dem dortigen klaren Himmel, vielleicht auch einer vergleichsweise gesunden Luft zuliebe. Da hockte er nun Nacht für Nacht im Dachreiter einer stattlichen Villa am Rohr und über seinem Zeichentisch, hatte er sich doch in den Kopf gesetzt, den Mond zu kartieren. Zu diesem Zwecke erfand er eigens mehrere einer guten Darstellung dienliche grafische Verfahren. So entstanden rund 1.000 Zeichnungen von der Mondoberfläche, die noch heute hochgelobt werden, und zwar sowohl aus astronomischen wie künstlerischen Gründen. Die Veröffentlichung des ersten Teils seines Mondatlas' durfte er (1898) sogar noch erleben. Vier Jahre darauf hatte sich Krieger totgearbeitet, wenn man einem Porträt auf der Webseite der Unione Astrofili Italiani glauben darf.* Hinzu sei die Nachtkälte gekommen. Um 1900 brach der Mondkundler und Mondgrafiker zusammen, schl0ß sein Observatorium, das nach seiner Gattin (ein Sohn) Pia hieß, und schleppte sich von einem Sanatorium zum anderen. Er starb im Februar 1902, wenige Tage nach seinem 37. Geburtstag, in San Remo (an der italienischen Riviera). Woran genau, wird nicht gesagt. Ich tippe auf Tuberkulose und/oder Lungenentzündung. Heute kann man in den Mondatlanten auch den Krater Krieger nachschlagen, Durchmesser 23 Kilometer.

Ob Krieger auch mit einer Fahrkarte zum Mond liebäugelte, entzieht sich meiner Kenntnis. Eigentlich war die Eroberung des Mondes schon vor 300 Jahren von Johannes Kepler durchgespielt worden. Francis Godwin, John Wilkins, Poe, Melville träumten von ihr. Um 1900 lag die Mondfahrt geradezu in der Luft; wenige witterten Unheil. Henrik Pontoppidans verschrobener Pastor Fjaltring etwa sah die Räume schrumpfen, unwirtlich werden – verschwinden. An der Entfernung zwischen Nase und Mund sei trotzdem nicht zu rütteln, fügte er (im Roman Hans im Glück) gläubig hinzu. Aber genau das ärgert ja die Leute, die ihre Raumfähren Challanger (Herausforderer) und ihre Gentechnik einen Segen nennen. Ihr Stolz duldet keine Grenze und keine Unmöglichkeit. Lewis Mumford rätselt (in seinem Buch Mythos der Maschine von 1967/70), warum Kepler die Raumfahrt solcher enormen Mühen und Verluste für wert hielt. Dabei hat er vorher selber »das typisch technokratische Motiv« herausgestellt, etwas allein um des Beweises seiner Machbarkeit willen zu machen. Flucht vor irdischen Problemen, ob sozialer oder seelischer Natur, kommt allerdings hinzu. Dafür werden keine astronomisch hohen Kosten und keine toten RaumfahrerInnen gescheut. Den Kosmonauten zu sagen, sie könnten ihren Lebens-unterhalt doch auch als RaumpflegerInnen bestreiten, hat gar keinen Zweck. Sie brauchen das Wagnis. Mit schnöden Krankheiten geben sie sich nicht ab. Wird der Himmel gesperrt, weil da die Corona-Asteckungsgefahr zu hoch ist, heuern sie in der nächsten Kohlezeche an und versuchen dort, 500 oder 800 Meter untertage, die am 13. Oktober 1948 erreichte Norm des DDR-Hauers und -Helden Adolf Hennecke zu übertreffen. Das ist nicht weniger hirnrissig.**

* »Johann Nepomuk Krieger«, Stand 2011, auf: http://divulgazione.uai.it/index.php/Johann_Nepomuk_Krieger. Das Porträt beruht auf dem Buch 250 Jahre Astronomie in Triest von Conrad A. Böhm, MGS Press 1998.
** George Orwell, eigentlich Antikommunist, hielt Industrie im großen Maßstab für unverzichtbar und brachte speziell den Kumpels der Finsternis geradezu Verehrung entgegen. Er war eher Proletkultler als Anarchist.

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