Mittwoch, 6. Juli 2022
Unendlichkeit

Tagebucheintrag Botts aus »Schnee von gestern«, um 2000


Koestler schreibt, mit 14 sei er auf das Problem der Unendlichkeit gestoßen, das ihm noch lange zu schaffen machen sollte. Mir erging es kaum anders. Als Knabe nahm ich an einem Zeltlager der Jungen Pioniere im Harz teil. Am östlichen Dorfrand gab es einen Anger, auf dem ich zuweilen in der Abenddämmerung hockte, um das Verschwinden der Sonne hinter den jenseits gelegenen Wäldern zu verfolgen. Der Sonnenuntergang hatte sich nämlich als angemessene Kulisse für meine Niederge-schlagenheit herausgestellt. Möglicherweise handelte es sich, genauer gesagt, um Selbstmitleid. So hatte ich keinen »richtigen« Vater vorzuweisen. Oder ich ahnte, trotz meines Ehrgeizes – ich war schon zum Gruppenrats-vorsitzenden aufgestiegen – den Aufgaben und Positionen, die ich mir anmaßte, leider nicht ganz gewachsen zu sein; hier drohte Überforderung. Vielleicht kam auch eine Zurückweisung seitens des zarten, blonden Knaben Clemens hinzu, in dessen Schlafsack man liebend gern gekrochen wäre. Aber dies alles ist hinreichend beschrieben worden. Hier geht es um Unendlichkeit.

Von Knabenleid erfüllt, sah ich den roten Sonnenball hinter dem Saum der Wälder versinken. Was lag dahinter? Vielleicht das Meer. Dann kamen der Horizont und vermutlich der Mond. Was aber lag hinter diesem? Der Weltraum. Angeblich hatte er noch unzählige andere Sonnen, unzählige andere Milchstraßen, ungeheuerliche Entfernungen zu bieten. Aber was kam dann? Eine riesige Wand – und dann nichts mehr? An dieser Stelle hakte es regelmäßig in mir aus; das war geradezu hörbar. Weiter konnte ich nicht mehr denken. Und das war bestürzend: man fiel in so etwas wie ein Loch, ohne sich von diesem Loch die geringste Vorstellung machen zu können. Denn zu einem Loch gehört ja wieder irgendein Drumherum. Wo aber sollte dieses nun wieder enden? Um mit Koestler zu sprechen, war es eine »unerträgliche Tortur für den Verstand«.

Trotzdem läßt sich noch ein wenig dazu sagen. Beide Fälle muten uns »nichts« zu. Wie es im Loch hinter der Weltraumwand nichts gibt, besagt ja die Rede von der Unendlichkeit des Weltraums, es gebe nichts anderes. Beides übersteigt unsere Vorstellungskraft. Nur muß man leider zugeben: ohne das Nichts geht es offenbar auch nicht. Dringend auf »etwas« angewiesen, können wir dieses Etwas (das Sein) nur behaupten oder leben in Abgrenzung zu eben dem Nichtsein. Das Nichtsein ist natürlich der Tod. Oder »die absolute Kälte des Weltraums«, wie Canetti metaphorisch polterte. Und wir ängstigen uns vor diesem Phänomen, obwohl oder vielmehr weil wir nicht das geringste von ihm wissen. Denn Gefahren, die ich kenne, sind bereits halb entschärft. Legt mir Zülch einen Snooker, weiß ich, was er damit beabsichtigt, und ich kann versuchen, seine finsteren Pläne zu durchkreuzen. Was jedoch sollte ich gegen den Tod tun? Nichts.
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