Dienstag, 5. Juli 2022
Seidel, Alfred

c.29 (1895–1924). Der Heidelberger »Philosoph«, wohl eine Art mehr links kauender Vorkoster von Ludwig Klages' bekanntem Schinken Der Geist als Widersacher der Seele (1929–32), ist heute fast vergessen. Kaum hatte er sich sein sendungsbewußtes, wenn auch allem Anschein nach wenig originelles Werk Bewußtsein als Verhängnis abgerungen und dessen Veröffentlichung sichergestellt, verständigte er, ungefähr 29 Jahre alt, den mit ihm befreundeten Psychiater Hans Prinzhorn: »Wenn Sie diesen Brief erhalten, lebe ich nicht mehr …« Das soll im Oktober 1924 gewesen sein. Leider sind zumindest im Internet weder genaue Lebensdaten noch Einzelheiten des Ablebens zu haben. Hans-Dieter Schütt* weiß aber immer-hin, der vermutlich unablässig grübelnde »Wandervogel« Seidel habe Ernst Bloch verehrt und sich mit »Depressionen« abgeqält.

Was hätte noch aus ihm werden können! Vielleicht ein Systematiker. Das ist das häufigste Schicksal unter Philosophen, wenn ich mich nicht täusche. VertreterInnen der Minderheit dagegen, etwa Alain, Adorno, Friedrich Georg Jünger, sind wiederholt für ihr unsystematisches Denken gerügt worden. Man hätte ihre Sicht auf die Welt lieber wie einen Stammbaum a lá Darwin oder eine Apothekenschrankwand mit lauter Schubladen vor sich gehabt. Der vom erwähnten Holzhammerphilosophen Ludwig Klages nicht unbeeinflußte Sachse Hermann Schmitz, geboren 1928, ist diesem Vorwurf tatsächlich noch zuvorgekommen, indem er zwischen 1964 und 1980 sein 10bändiges System der Philosophie vorlegte. Es umfaßt rund 5.000 Seiten. Es soll sogar schon schulbildend sein. Schmitz kreist nicht um Krieg oder Lüge, sondern um einen menschlichen Leib, der weit genug aufgefaßt ist, um darin den epochenumfassenden Dualismus Leib/Seele zu schlichten und auch noch alles andere unterzubringen, das ein hellwacher Kopf zu berücksichtigen hat, Göttliches eingeschlossen.

Trotzdem fanden die Alains, Adornos, F. G. Jüngers, Systeme seien zu eng. Sie verleiten zu einem bestimmten Blickwinkel, der zuviel Dunkel unbeleuchtet läßt. Sie unterbinden Überraschungen, weil man nur nach dem sucht, was man finden möchte, beispielsweise den Ruhm. Man möchte vor allem recht behalten. Philosphische Systeme sind immer nur Rechtfertigungen ihrer Anlässe und Strukturen, also dessen, was in ihnen angelegt ist. Was nicht hineinpaßt, wird unweigerlich zurechtgebogen. Was zu sperrig, zu widersetzlich ist, fällt unter den Tisch. Andererseits erzwingen sie trotz ihrer Enge Wucherungen, die völlig unfruchtbar, aber zur Stützung des Systems unabdingbar sind. Ein jüngeres Beispiel dafür stellt Canettis Werk Masse und Macht von 1960 dar.

Allerdings kann der Verzicht auf Systematik auch eine billige Ausrede darstellen, wie ich einräumen will. Der Literaturbetrieb wimmelt von Faulpelzen, Strohköpfen und Scharlatanen, die sich begierig Ilse Aichingers Bemerkung aus Schlechte Wörter an den Bildschirmrand ihres Computers geklebt haben, niemand könne von ihr verlangen, Zusammenhänge herzustellen, solange sie vermeidbar seien. Einen Zustand im Chaos zu belassen ist sicherlich oft bequemer als der Versuch, ihn zu ordnen. Bei Hochwasser, das einem schon den Kragen näßt, wird es freilich unbequem. Man wird sich zumindest nach einem Elfenbeinturm umsehen. Ruft die Regierung gar eine »Pandemie« aus, die jenen Themen Krieg und Lüge verpflichtet ist, wird man vielleicht doch die Ärmel aufkrempeln, um sich durch die Müllhalde sogenannter Öffentlicher Meinung zur Wahrheit vorzuarbeiten. Dazu mehr im nächsten Heft.

* »Denken ohne Geländer«, Neues Deutschland, 30. Juli 2015: https://www.nd-aktuell.de/artikel/979481.denken-ohne-gelaender.html
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