Dienstag, 5. Juli 2022
Renner, Narziß

um 34 (c.1502–36), Augsburger Buchmaler. Zuletzt könnte er als »kleiner Schulmeister« erwerbstätig gewesen sein. Es war die Zeit, wo die Malerei von Hand für ungedruckte Schriften in Bedrängnis kam, weil der neuartige Buch-druck florierte. Immerhin half dem Künstler eine Zeitlang der Augsburger Fugger-Angestellte Matthäus Schwarz aus der Patsche, der sowohl auf kostbar ausgestattete, einmalige Handschriften wie auf modische Bekleidung Wert legte. Für Schwarz schuf Renner unter anderem eine Kostümbiografie und den sogenannten Geschlechtertanz. Zu allem Unglück hatte der »Illuminist« auch noch eine Gattin, Magdalena, und vermutlich Kinder, die ja auch alle satt werden wollten. Er selber hungerte aber nicht allzu lange, weil er, laut Ulrich Merkl (NDB 21–2003), mit ungefähr 34 »während einer Pestepidemie« unter die Erde kam.

Möglicherweise wäre Renner noch früher vom Schlag getroffen worden, wenn ihm ein Hellseher den Siegeszug der Fotografie angekündigt hätte. Ich habe das ver-hängnisvolle und überwiegend ekelerregende Phänomen der Verbilderung der Welt um 2000 in meinem Essay »Klappe zu, Affe tot« behandelt. Zu einer Veröffentlichung im Kursbuch, wo ich gerade einen Fuß drin hatte, kam es jedoch nicht, weil mir Redakteurin Ingrid Karsunke vorwarf, mit dieser Arbeit hätte ich die Grenzen der Kritik überschritten und sei »ins Feld des Fundamentalismus« geraten. Somit, sagte ich mir später, soll man lieber im Wasser stehen bleiben und wie ein Schilfrohr schwanken. Wer das Fernsehen »in Bausch und Bogen« verdammt, könnte auch Verdummung, Ausbeutung, Vergewalti-gungen »generell« verteufeln. Es gibt aber gute und schlechte Vergewaltigungen, gute und schlechte Fernsehsender, gute und schlechte Autobahnen und gute und schlechte Gewehre. Daher ist Toleranz statt Konsequenz geboten. Der Wurm sitzt nie in der Sache, Einrichtung, Gewohnheit selbst.

Das betrifft auch den Menschen, weshalb es gute und schlechte Menschen gibt. Trachten die schlechten, die Grenze zum Mißbrauch zu überschreiten, halten die guten Menschen sie am Rockzipfel fest – statt »mit der Fundi-Keule zuzuschlagen«, wie es Karsunke an mir beobachtet hat. Mit dieser sanften Rockzipfel-Methode haben die guten Menschen schließlich schon die Kreuzzüge, den Kapitalismus und den ersten Atombombenabwurf zu verhindern gewußt.
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