Dienstag, 5. Juli 2022
Shrimad Rajchandra

33 (1867–1901), indischer Guru aus dem späteren Bundesstaat Gujarat, wohl dem Hinduismus nahestehend. Erstaunlicherweise soll er bereits mit 10 öffentliche Vorträge gehalten, mit 20 geheiratet (vier Kinder) und zeitweise mit Edelsteinen gehandelt haben. Eigentlich vertrat er, wenn ich richtig sehe, mehr den Weg der Entsagung. Sein Hauptwerk Atma Siddhi verfaßte er mit 28. Darin dürfte auch der junge Mahatma Gandhi viel Erleuchtung gefunden haben, der überall als wichtiger Schüler Rajchandras erwähnt wird. Spätestens um 30 soll sich Rajchandra vom Familien- und Handelsleben abgewandt haben. Ein verbreitetes Foto zeigt ihn vermutlich aus dieser Spätzeit – ein Skelett im Schneidersitz. Nach verschiedenen Quellen litt er an verschiedenen Krankheiten, die sich allerdings durchweg nach Auszehrung anhören. Am 9. April 1901 soll »er«, der 33jährige, »seinen sterblichen Körper verlassen« haben, wie offensichtliche VerehrerInnen in der bekanntlich stets unparteilichen englischen Wikipedia schreiben.

Wenn die Menschen aller Kasten und Klassen durch eins verbunden werden, dann ist es ihr nachsichtiger Umgang mit allem, was sich religiös oder spirituell gebärdet. Ob Faschist, Bundestagsabgeordneter, anarchistischer Kommunarde oder Rubikon-Redakteur – vor dem religiös oder spirituell Gefärbtem verneigt er sich. Mit so Gestimmten darf man es sich nicht verderben, sonst würde man möglicherweise die eigene Wiedergeburt gefährden. Diese schleimige Nachsicht hat vermutlich bereits angefangen, als die ersten Fische daran schritten, zwar nicht ihren Körper, aber doch schon das Wasser zu verlassen.

Hier kann sich Brockhaus (Band 8 von 1989) nicht ausnehmen. Damit komme ich auf Rajchandras Schüler Gandhi zurück. Neben der asketischen Lebensweise sei Gandhi »seit seiner Kindheit von hoher Religiosität« bestimmt gewesen. Hut ab also: der Mann war hoch religiös! Aber er war bekanntlich auch Politiker. Im Zweiten Weltkrieg habe Gandhi die sofortige Entlassung Indiens in die Unabhängigkeit gefordert und »die auf Verzögerung angelegten Pläne der britischen Regierung zum Scheitern« gebracht. Merkwürdigerweise liest sich das in Arthur Koestlers ausführlichem Gandhi-Porträt von 1969* genau umgekehrt. John Grigg und andere hätten bewiesen, ohne Gandhi wäre die Unabhängigkeit Indiens sogar noch sehr viel früher gekommen (S. 168). Das erinnert an Henry Kissinger, von dem man uns etwas später vorgaukeln würde, er habe geholfen, den Vietnamkrieg abzukürzen. Das Gegenteil war der Fall. Aber es erinnert auch an Hunderte von anderen Dunkelmännern der Epoche, die als Lichtgestalten gemalt werden, ich sage nur John F. Kennedy, Willy Brandt, Joschka Fischer. Die interessierten LegendenbildnerInnen dieses Planten haben die wirksameren Waffen; dagegen hilft keine »Gewaltlosigkeit«, um erneut auf Gandhi zurück zu kommen. Selbstverständlich findet sich Koestlers kritischer Aufsatz nicht in der Literaturliste, die Brockhaus gibt. Nach Koestler war Ghandi, gestorben 1948 (kurz nach der Unabhängigkeit), sicherlich überwiegend von lauteren Absichten geleitet, dennoch der typische vernagelte, fanatische Patriot und Rechthaber, der in ungefähr 90 Prozent der männlichen Zweibeiner unseres Planeten wohnt. Seit Fischer kommen vermehrt Frauen hinzu.

Ich sage nur nebenbei, daß mir einige Abneigungen von Gandhi durchaus zusagen, etwa gegen den westlichen Schul- und Bildungsbetrieb. Koestler rügt diese Abneigung natürlich. Der britische Freund von Orwell besaß eine gleichsam religiöse Ehrfurcht vor dem Wissenschafts-betrieb und allen Akademikern, die ihn nie so richtig als Gleichrangigen erachten konnten, obwohl er doch ein weltberühmter Schriftsteller war. Im Grunde war er noch der christlich-kommunistischen Fortschritts-Ideologie verfallen – ähnlich wie Orwell, und möglicherweise sogar mehr als Gandhi. Das soll nicht an Koestlers Begabung rütteln, Widersprüche und Selbsttäuschungen aufzudecken – bei anderen …

* »Mahatma Gandhi – der Yogi und der Kommissar«, in: Die Armut der Psychologie, deutsche Ausgabe Bern 1980, S. 141–79
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