Dienstag, 5. Juli 2022
Terenz

c. 27–37 († um 160 v.Chr.), berühmter römischer Drama-tiker, Schreck vieler nachgeborenen, Latein paukenden Zöglinge in aller Welt. Seine Sprache sei nämlich vorbildlich rein, sein Witz, als Komödiendichter, nicht zu derb gewesen, ist überall zu lesen. Allerdings sollen nur sechs seiner Werke erhalten sein. Über sein Ende gibt es anscheinend kaum mehr als Gerüchte. Zu Studienzwecken in Griechenland, soll er ebendort, eher jedoch auf der Heimreise, durch Krankheit oder Schiffbruch umgekom-men sein. Jedenfalls liefert sein »Untertauchen« mit ungefähr 33 – ob freiwillig oder nicht, aber sicherlich mit Gepäck – eine einleuchtende Erklärung für die Schmalheit seines Oeuvres. Von ihm selber, seinem persönlichen Lebenswandel, weiß man so gut wie nichts. Dafür kennt jeder mindestens drei aus dem Oeuvre gezogene Sprüche von ihm.

Um Doppelmoral anzuprangern, wird beispielsweise gern auf seine spöttische Feststellung zurückgegriffen, wenn zwei das gleiche täten, sei es nicht das gleiche. Vielleicht sollte man bei jedem Rückgriff vorsichtshalber hinzufügen, dieser Hieb könne keine Allgemeingültigkeit beanspru-chen. Zahlen Krösus und ich für ein mit sechs Euro ausge-zeichnetes Reclam-Heftchen die gleiche Mehrwertsteuer, ist es in der Tat nicht das gleiche, denn mich trifft die Steuer ungleich mehr. Mahnt Terenz mit seinem satirischen Satz strenge Gleichbehandlung an, klammert er jegliche Relativität aus. Die Ermahnung ist auch als Richtschnur für eine libertäre Rechtsprechung ungeeignet, die jeden Fall als Sonderfall zu betrachten hat. Den Mord sollte man sich abschminken. Es gibt den Totschlag zwischen streitenden Brüdern, und es gibt die vielen tausend Toten, die unsere Impfpäpste anstiften.

Hier sind vielleicht noch ein paar Bemerkungen zu einem Phänomen angebracht, das man Mogellogik nennen könnte. Zu den beliebtesten Gummihämmern, die in der Politik unablässig geschwungen werden, zählt die Feststellung, wer A sage müsse auch B sagen. Den Hammer fallen zu lassen, ist unstatthaft. Bin ich schon einmal aufs Klo gegangen, muß ich die Schüssel auch füllen – wieder rauskommen ohne meinen Darm entleert zu haben ist verboten. Auf dem Klo nur ein paar erholsame Comics lesen zu wollen, kommt schon Hochverrat gleich.

Darauf zu pochen, vermeintliche Logik sei oft gar keine Logik, ist aber zu wenig. Wie F. G. Jünger betont hat, folgt die Sprache überhaupt keiner Logik – sie umfaßt alle denkbare Logik. Sie vermeidet auch keine Widersprüche; sie deckt sie auf. Wenn es klappt! E. G. Seeliger meint (in seinem Handbuch des Schwindels) zur Gewalt: Nur auf dieselbe Weise, wie sie in die Welt gekommen sei, könne sie auch wieder daraus verschwinden, »nämlich auf dem Wege des Denkens«. Das mag unmittelbar einleuchten; mit Alain halte ich es sogar für richtig. Nur zwingend ist Seeligers Schluß nicht die Bohne. Ich frage Sie analog: Wie ist denn Seeliger auf die Welt gekommen? Aha. Und wird er die Welt auf diesem Wege auch wieder verlassen? Die arme Mutter.

Dazu paßt Robert Hofstetters Bemerkung zum landläufigen Aberglauben, da nach unserer Erfahrung jedes Ereignis eine Ursache habe, müsse auch die Menge aller Ereignisse, oft »Universum« genannt, eine Ursache haben. Dieser Schluß sei so unsinnig wie beispielsweise die Behauptung, jeder Club müsse eine Mutter haben, da ja auch alle seine Mitglieder eine hätten.

In Remarques Obelisk verkündet ein Priester bei Sauer-braten und ausgesuchtem Weißwein, Speise und Trank seien Gaben Gottes, die wir zu genießen und zu verstehen hätten. Grabsteinhändler Bodmer erwidert, dann sei sicher auch der Tod eine Gabe Gottes – ob sie entsprechend zu behandeln sei?

Vor Jahren zeigte ich mich einmal über das Selbstlob eines mit mir befreundeten Malers erstaunt. Darauf versicherte mir der gute Mann, er würde seine Bilder genauso beeindruckend finden, wenn sie von einem anderen Maler stammten. Ich stutzte – und schmunzelte. »Diese Behauptung besitzt ohne Zweifel den Vorteil, daß kein vernünftiger Mensch von dir verlangen kann, sie zu beweisen.«

Um noch einmal aufs Universum zurück zu kommen: Unter Philosophen ist der Gummihammer des »Gesetzes« beliebt, nur Gleiches oder Ähnliches könne einander erkennen und verändern. Reiben sich Autorad und Straße aneinander ab, sind sie also beide rund? Mit gleicher »Evidenz« könnte ich umgekehrt behaupten: Nur weil ich keine Tomate bin, kann ich eine Tomate schmatzend verformen und in Menschenkot verwandeln. Doch wie auch immer, geben dergleichen »Gesetze« nicht ein Gramm an Erklärung her. Es sei denn, wir setzen diskret wie Kosmologe Jochen Kirchhoff einen aller Gravitation zugrunde liegenden Weltwillen voraus. Dann läßt sich nämlich hübsch behaupten, dieser wirke ja offensichtlich wirklich, insofern müsse auch das, worauf er wirkt, von seiner Art sein.
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