Dienstag, 5. Juli 2022
Muster

Meine acht Erzählungen Der Fund im Sofa von 2009 ranken sich um den Kriminalkommissar Armin Köfel. In der letzten Geschichte bemerkt er in einem Brief an eine Freundin:

Zu sagen, im Zuge des Alterns werde unsereins anschei-nend zunehmend von der Vergeblichkeit allen irdischen Strebens angefallen und gelähmt, ist mir nun doch zu allgemein. Bei mir mischen sich Freudlosigkeit und Verbitterung hinein. Das läßt sich wohl im Verdruß zusammenziehen. Nun kennen wir aber beide durchaus Menschen, die zwar ebenfalls von der Sinnlosigkeit des Daseins überzeugt, gleichwohl nicht verdrießlich sind. Ich nenne nur meinen Chef und deinen Bruder Jörg. Und der Grund? Sie haben sich ihre Neugier bewahrt. Es liegt auf der Hand, daß sich ihre Neugier nicht auf die Muster beziehen kann, von denen ich sprach. Sondern sie gilt den Unterschieden, Feinheiten, Nebensächlichkeiten. Wo ich zum Beispiel nur beider Glatzen sehe, erblicken sie zwischen zwei überragenden Pianisten das Gefälle eines hochgestellten Flügeldeckels. Für sie liegen zwischen benachbarten Weinbergen Welten. Sehen sie heute einen Stieglitz und morgen eine Heckenbraunelle, kommen sie frühstens auf die Idee, es könnte sich bei beiden um flugtüchtige Sänger handeln, wenn sie ihnen eine Eule als Gewölle vor die Füße spuckt. Die Buntheit der Ausprä-gungen, die Gewichtungen und Mixturen fesseln den neu-gierigen Menschen. Dagegen machen Verhaltensmuster so wenig neugierig wie Flußbrücken, Gleisdreiecke oder Straßenkreuzungen. Vielmehr bereiten sie Verdruß. Als einzige spannende Frage erhebt sich hier höchstens noch, was eher da war, Huhn oder Ei. Einer mag verdrießlich werden, weil er überall Verkehrsknotenpunkte sieht; ein anderer sieht vielleicht überall Verkehrsknotenpunkte, weil er sich bereits mit Verdruß durch den Geburtskanal seiner Mutter zu zwängen hatte.
°
°