Dienstag, 5. Juli 2022
Döblin, Wolfgang

25 (1915–40), Mathematiker und Schriftstellersohn. Die Phänomene Zufall und Wahrscheinlichkeit werden tagein tagaus als Beruhigungspillen oder Schreckgespenster verabreicht. Sie werden auch gern des langen und des breiten erörtert, obwohl sie meines Erachtens von keinem Sterblichen wirklich verstanden werden können. Arthur Koestler stimmte mir vor Jahrzehnten zu.* Die Gesetze der Wahrscheinlichkeit, die in den Naturwissenschaften die Kausalität abgelöst hätten, funktionierten zwar – wie jeder Physiker, jede Versicherungsgesellschaft oder jeder Croupier bezeugen könnte – doch sei niemand imstande zu erklären, wie und warum sie funktionieren. Der große Mathematiker Johann von Neumann habe sie einmal schwarze Magie genannt. »Dabei können wir es belassen.«

Vielleicht darf ich gleichwohl hinzufügen, daß sie vielen inbrünstig Hoffenden oder Bangenden eine Berechenbar-keit vorspiegeln, die es unmöglich geben kann. Der Fluggast etwa beruhigt sich gern mit Statistik. Heute kommen bei Flugreisen jährlich weltweit im Schnitt »nur« 1.000 Leute um – ein magerer Ortsteil von Waltershausen. Bei mehr als vier Milliarden Fluggästen im Jahr liege das Risiko, bei einem Absturz zu sterben, bei rund 0,00001 Prozent, lesen wir etwa im Ratgeber Die Zeit am 10. Juni 2009. O welche Augenwischerei! Wer das Risiko für den Einzelnen wirklich berechnen wollte, müßte selbstver-ständlich wissen, nach welchen Gesetzen der Zufall verfährt – ein schwarzer Schimmel. Den Zufall interessiert die Wahrscheinlichkeitsrechnung nicht die Bohne. Das betrifft erst recht solche Unfälle, in denen »Wahrschein-lichkeiten« der Sorte »persönliche Disposition für eine rheumatische Erkrankung« oder »schlechter Ruf der Fluggesellschaft Gurke, die nur Wracks betreibt«, nicht oder kaum im Spiel sind. Niemand kann erklären, warum es den regelmäßigen Fluggast A. erst in 20 Jahren oder nie erwischt, B. dagegen schon bei seiner Jungfernfahrt.

Eine Bemerkung des polnischen Schriftstellers Henryk Sienkiewicz in seinen Briefen aus Amerika dürfte in dieselbe Richtung zielen. Im Sommer 1876 liebäugelt er mit der Bärenjagd und besucht zunächst einen kalifornischen Squatter, der in seinem abgeschiedenen Gebirgstal gerade an einem »richtigen« Blockhaus baut. Die erste Nacht in der Wildnis habe doch arg an seinen Nerven gezerrt, können Sienkiewicz' Landsleute in einer Warschauer Zeitung lesen. Jedes Rascheln schien ihm Skorpion oder Klapperschlange, jedes Fauchen Luchs oder Puma anzukündigen. Mit dem jähen Auftauchen eines funkelnden Augenpaars über der erst hüfthohen Haus-wand rechnend, starrte er von seinem Hobelspänenlager aus, statt zu schlafen, Löcher in die Dunkelheit. »Vielleicht passierte das in tausend Nächten nicht, dennoch konnte es in einer geschehen. Wer garantierte mir, daß diese eine nicht gerade angebrochen war?«

Wolfgang Döblin jagte nicht; er zählte eher zum Wild. Als Sohn des bekannten Schriftstellers Alfred Döblin war er zwangsläufig Jude. Er verstand sich außerdem als Sozialist – in erster Linie jedoch als Mathematiker, wobei er sich just der Wahrscheinlichkeitstheorie verschrieben hatte. In ihr soll er, trotz seiner Jugend, Erstaunliches geleistet haben. Dem Faschismus gemeinsam mit Eltern und Geschwistern über Zürich nach Paris entronnen, studierte er ab 1933 Mathematik und Physik an der Sorbonne. Zudem arbeitete er mit dem angesehenen Wahrscheinlich-keitstheoretiker Paul Lévy von der École Polytechnique, der ohnehin mit seinem Vater befreundet war. Kaum hatte Wolfgang Döblin 1938 (mit 23 Jahren!) seinen Doktor gemacht, rief das Militär, weil seine Familie inzwischen (1936) eingebürgert worden war. Und beim Wehrdienst holte ihn der Faschismus ein. Im Kampf an der Saar-Front errang Döblin, der als eher insichgekehrter Mensch beschrieben wird, sogar eine Auszeichnung. Doch im Juni 1940 wurde seine Einheit in den Ardennen oder Vogesen aufgerieben. Da die Kapitulation Frankreichs, nach den vorhandenen Informationen, unmittelbar bevorstand, trennte sich der 25jährige Döblin von seinen Kameraden und versteckte sich auf einem Bauernhof im lothringschen Dorf Housseras. Aber eben hier traf kurz darauf eine deutsche Vorhut ein, wie er, vielleicht von einem Heuboden aus, beobachten konnte.

Sicher war natürlich nichts. Solange Menschen im Spiel sind, bleibt immer ein Türchen für Ausnahmen von der Regel oder einfach nur für glückliche Zufälle offen. Dennoch war eine Gefangennahme und Folter durch die deutschen Eindringlinge ziemlich wahrscheinlich. So machte der junge Mathematiker eine frühere Ankündigung wahr und erschoß sich in der Scheune des besagten Bauernhofs.

Pikanterweise zogen es seine Eltern im selben Sommer vor, Richtung Lissabon und von dort aus in die USA zu flüchten. Die Mittel dazu hatten sie offensichtlich. Und später hatten sie, Marc Petit zufolge (2005)**, ein schlechtes Gewissen. Sie sollen erst in den Staaten erfahren haben, daß ihr Sohn Wolfgang schon gar nicht mehr kämpfte. Weil er unter der lothringschen Erde lag. Petit behauptet, dieser Gewissenskonflikt sei auch in Alfred Döblins letzten Roman Hamlet oder die lange Nacht nimmt kein Ende eingeflossen. Die Hauptfigur Edward habe Ähnlichkeit mit Wolfgang. Etwas später, 1957, sah sich der tote Sohn auf dem Friedhof von Housseras just von seinen gleichfalls verstorbenen Eltern Alfred und Erna flankiert. Sie wurden neben ihm begraben.

Es ist ein seltsamer Akt der Wiedergutmachung. Stephan Döblin, jüngstes Kind des Ehepaars, bestätigte Petits Feststellung von den Schuldgefühlen der Eltern vor einigen Jahren im Gespräch mit Christina Althen.*** Insbesondere der Vater habe ein schlechtes, ein kühles Verhältnis zu Wolfgang gehabt. Stephan glaubt, dieser Umstand habe die Entscheidung seines Bruder in jener Scheune, sich umzubringen, sozusagen begünstigt. Im übrigen macht Stephan, geboren 1926, keinen Hehl daraus: die Ehe seiner Eltern war seit vielen Jahren zerrüttet. Der berühmte Schriftsteller hatte eine dauerhafte Geliebte, das fand seine Gattin Erna gar nicht lustig. Nachdem Alfred, der unter anderem an Parkinson litt, in einer Schwarzwaldklinik gestorben war, habe sich die Witwe sogar geweigert, Dritte von seinem Ableben zu unterrichten. Die so gut wie unbesuchte Beerdigung sei ein Albtraum gewesen. Gleichwohl vergingen keine drei Monate, und Erna Döblin (1888–1957) machte es wie ihr Sohn Wolfgang: sie nahm sich, in Paris, das Leben, wenn auch »erst« mit knapp 70 Jahren. Näheres, die Gründe eingeschlossen, ist mir nicht bekannt.

* Die Armut der Psychologie, deutsche Ausgabe Bern/München 1980, S. 270
** Laut Ursula Homann, »Wer war Wolfgang Döblin?«, literaturkritik.de, Januar 2007: https://literaturkritik.de/id/10323
*** »Interview mit Stephan Döblin«, Berlin, November 2008: https://www.fischerverlage.de/verlag/aktuelles/unsere-autorinnen-im-gespraech/interview-mit-stephan-doeblin-er-strebte-immer-nach

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