Montag, 4. Juli 2022
Wer sind die Feinde des Menschen?
Aus Zeit der Luchse, 2019, Handlungszeit 1904


Plötzlich griff Maurer in eine Brusttasche seiner groben grauen Leinenjacke und zog ein gefaltetes Papier hervor. »Kennen Sie Mihail Baks berühmte kurze Ansprache Wer sind die Feinde des Menschen?, Herr Angerschmied ..? Gut, dem läßt sich abhelfen. Mihail verfaßte sie vor rund zwei Jahren unter dem Eindruck einer Begegnung mit einem verkrüppelten Kind in einem unserer Gebirgsdörfer. Das Kind heißt Constantina, ein Mädchen. Die Ansprache findet sich neuerdings in einem Buch von Mihail, aber wir haben sie von Fila Peptan auch ins Englische übersetzen und in unserer Druckerei in kleiner Auflage abziehen lassen, für ausländische Diplomaten oder eben Gäste wie Sie. Ich habe stets ein Blatt mit der Übersetzung dabei, für alle Fälle. Das Original kann ich auswendig, wie so mancher in unserer Republik.«

Damit reichte er Norbert das Blatt. Der hielt es etwas näher ans zusammengesunkene Feuer, überflog es und las dann den Text gleich laut vor, damit auch Sean etwas davon hätte.

>>Wer sind die Feinde des Menschen? … Ihr wißt es natürlich. Die Feinde der Menschen sind Hunger, Krankheit, Kälte oder Gluthitze, Unfallgefahr, Einsamkeit, Wahnsinn oder Verbitterung, alle gipfelnd im Tod. Was aber geschieht über weite Strecken auf diesem Planeten? Als seien es der Feinde noch nicht genug, bekämpfen sich die Menschen untereinander. Klasse gegen Klasse, Reich gegen Arm, Weiß gegen Schwarz, Stark gegen Schwach, Jeder gegen Jeden – der Krieg auf allen Ebenen reißt nie ab. Das ist mit ungeheuren Kosten aller Art verbunden, Beschämung und Schuldgefühle eingeschlossen, allerdings auch mit Triumphgefühlen gewisser »Sieger«, die sich an der sozialen Zerfleischung bereichern. Doch in der Mollowina können wir dies alles nicht gebrauchen. Wir wünschen es nicht, es soll draußen bleiben. Wir benötigen unsere bescheidenen Kräfte, um Dreschmaschinen zu bauen, Brunnen zu bohren und Tag für Tag unsere Suppentöpfe zu füllen. Wir benötigen sie ferner, um unsere Kranken zu heilen, unsere Greise zu betreuen, unsere treuen Pferde zu pflegen, unsere Niedergeschlagenen zu trösten, ja selbst um einem Menschen, der sich als häßlich empfindet, vielleicht etwas mehr Glück zu ermöglichen. Wir sind weißgott keine heile Welt, aber eine Welt des Miteinanders, des Mitleids und der Solidarität – also des Heilens.<<
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