Montag, 4. Juli 2022
Wagener, Sascha

33 (1977–2011), linker Politiker, zuletzt Gleiswechsler. Das Spruchband mit der anarchistischen Forderung, sein Handeln gefälligst mit seinem Denken in Übereinstim-mung zu halten, läßt sich immer leicht abschmettern, beispielsweise indem man Brecht/Weills Dreigroschen-oper-Liedchen von der »Unzulänglichkeit allen menschlichen Strebens« pfeift oder an zwei Händen sämtliche »Sachzwänge« aufzählt, die das Bemühen um jene Übereinstimmung gerade durchkreuzten. Deshalb werden wir vielleicht über den US-Demokraten Wickliffe, der seinen Angelweg 1912 unter Mißachtung eines Warnschildes über Bahngeleise abkürzte, nur lächeln. Sascha Wagener war sogar noch mehr Demokrat, nämlich Mitglied des Vorstandes der Partei der Anmaßung Die Linke und Leiter von deren Freiburger Regionalbüro im Breisgau, als er sich am 13. März 2011 im Bahnhof Lahr (am Schwarzwald) anschickte, die Bahnsteige nicht durch die Unterführung, vielmehr über die Gleise zu wechseln. Wagener kam an diesem frühen Sonntagmorgen aus einer Discothek.* Auf den Gleisen brauste ein Güterzug heran und tötete den 33jährigen zufällig rothaarigen Sozialisten. Die offiziellen Parteiverlautbarungen vermieden es allerdings, das Publikum oder die WählerInnen mit den Einzelheiten des wieder einmal »tragischen« Unfalls zu belästigen. Sie stellten lieber Wageners vorbildliche Seiten heraus.

Um Mißverständnissen vorzubeugen: Ich predige keine blinde Gesetzestreue. Obwohl ich ungleich mehr Zeit habe als unsere BerufspolitikerInnen, pflege ich zum Beispiel nie an roten Fußgängerampeln zu warten, sofern kein Auto in Sicht ist. Das deckt sich mit meinem Denken, wonach es sich bei der Straßenverkehrsordnung um einen Bestandteil eines von Beschleunigungswütigen und Profitgierigen errichteten Terrorregimes handelt. Die kleinen Kinder sind kein Gegenargument. Man sollte sie nie an Terrorregime gewöhnen. Ja, besser noch, man sollte sie, heutzutage, gar nicht erst in die Welt setzen, denn der Auftrag, sie erzieherisch auf dieselbe vorzubereiten, kommt bereits, für alle Beteiligten, einer Folter oder der Quadratur des Kreises gleich. Eben unterrichtet mich Ralf Wurzbacher** über die »Visionen« des mindestens zwanzigfachen Milliardärs Elon Musk, die dieser für unseren schönen, einst blauen Planeten und den Weltraum hat. Na Gute Nacht! kann man dazu schlecht sagen, weil Musk das All ja gerade, mit Hilfe unzähliger Satelliten, erhellen will.

Ich komme auf Musks Landsmann Robert C. Wickliffe (1874–1912) zurück. Auch dessen politische Laufbahn endete nicht ganz so vorbildlich, wie sie begonnen hatte. 1898 hatte der junge Rechtsanwalt als Soldat einer Infanterieeinheit aus Louisiana am »Spanisch-Amerikanischen Krieg« teilgenommen, der den USA unter anderem Kuba einbrachte. Er überlebte ihn sogar, obwohl er sicherlich auch dann als Vorbild gepriesen worden wäre, wenn er ihn nicht überlebt hätte. Später Bezirksstaats-anwalt in Louisiana sowie Mitglied des US-Repräsen-tantenhauses in Washington D.C., ging er im Sommer 1912 ebendort angeln. Laut damaligen Presseberichten*** betrat er bei diesem Jagdvergnügen, Warnschildern zum Trotze, unweit des Potomac Parks eine Gleisanlage. Vermutlich wollte er dort nicht angeln, vielmehr einen Weg abkürzen, etwa zum Fluß Potomac. Prompt wurde der 38jährige Politiker der »Demokraten« von einem Zug erfaßt, der ihn wohl auf der Stelle tötete. Seine Frau sei, als man ihr im Capitol die Nachricht vom Auffinden der Leiche beibrachte, in Ohnmacht gefallen.

Bräche ich diesen Eintrag an dieser Stelle ab, hätte ich, nach drei Absätzen, schon die vierte Abkürzung beigebracht. Vielleicht ist nicht jedem klar, wie sehr wir im Zuge der Zivilisation zu ganz eingefleischten AbkürzerInnen geworden sind. Wir lassen bei Frost eine Haustür aufstehen, um sie eine Minute später, wenn wir aus dem Brennholz-Schuppen zurückkehren, nicht schon wieder öffnen zu müssen – womit wir drei Sekunden Zeit und drei Gramm Muskelaufwand gespart hätten, freilich nicht unbedingt Brennholz. In Grünanlagen legen wir übereck Trampelpfade von 1,70 Meter Länge an, ich habe sie gemessen. Mancher führt drei Prozesse, um seine Post nicht vom Gartentor abholen zu müssen. Unangenehme Dinge preßt er kurzerhand in Schablonen, beispielsweise Herzversagen, Hexe, Ausländer, Schadensbegrenzung, VerschwörungstheoretikerIn. So mancher lehnt es sogar entrüstet ab, sich zum Urinieren auf der Kloschüssel nieder zu lassen, falls er ein Mann ist. Wie er denn dazu käme, poltert er, sich eines natürlichen Standortvorteils zu begeben!

* »Linke-Politiker aus Freiburg stirbt nach Discobesuch in Lahr«, Badische Zeitung, 14. März 2011: http://www.badische-zeitung.de/lahr/linke-politiker-aus-freiburg-stirbt-nach-discobesuch-in-lahr--42648527.html
** »Mission Apokalypse: Elon Musk schießt 42.000 Satelliten ins All und die Welt lässt ihn machen«, NachDenkSeiten, 2. Juli 2021: https://www.nachdenkseiten.de/?p=73903
*** etwa: Emporia Gazette (Kansas), 11. Juni 1912: http://www3.gendisasters.com/district-columbia/9881/washington-dc-representative-killed-train-june-1912

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