Montag, 4. Juli 2022
Mahmud, Sabeen

39 (1975–2015), pakistanische Oppositionelle, Gründerin und Leiterin der Begegnungs- und Kulturstätte The Second Floor in Karatschi, auch IT-Fachfrau. Ich gebe zu, be-stimmte Schlagworte sind bereits geeignet, mir den Magen umzudrehen, bevor ich überhaupt nur eine vollständige Zeile der betreffenden Verlautbarung gelesen habe. Mahmud wird in jeder zweiten Quelle als Menschenrecht-lerin geführt, ansonsten als Aktivistin. Hauptsache, aktiv … Ende April 2015 nach einem Seminar in ihrem Zentrum mit ihrer Mutter auf dem Nachhauseweg, wurde Mahmud von zwei Auftragskillern beim Halt an einer Ampel erschossen. Die Mutter wurde verletzt. Selbst der Chef des pakistanischen Geheimdienstes gab sich entsetzt. Der angebliche Drahtzieher des Anschlages wurde bald darauf gefaßt und eingesperrt. Man spricht von einem bekannten religiösen Fanatiker.

Das erwähnte Seminar war bereits bedroht worden; es behandelte die Verfolgung von Oppositionellen in der Provinz Belutschistan. So jedenfalls die Petra-Kelly-Stiftung, Unterabteilung der bekannten Heinrich-Böll-Stiftung, 2019 in einer Ankündigung einer Filmveran-staltung. Für mich ist diese deutsche »grüne« Adresse nicht gerade eine Empfehlung. Einer offensichtlich Microsoft-freundlich gestimmten Webseite* entnehme ich, Mahmud habe in Karatschi schon »Kultstatus« genossen, was den »konservativen Kräften« des Landes überhaupt nicht gefallen habe. Passend dazu verrät die Filmemacherin Schokofeh Kamiz in einem Gespräch, Mahmud sei immer gerne Auto gefahren. Ja, in der Küstenstadt Karatschi kann es sicherlich gar nicht genug Autos geben. Schließlich ist sie von mindestens 15 Millionen Zweibeinern bevölkert, die sich nur ins Gehege kämen, wenn sie alle zu Fuß gingen. Aber Scherz beiseite: Was wollte man in oder an dieser wahren Hölle aus Lärm, Gift, Bestechung, Modernität und Gewalttaten aller Art noch retten oder gar verbessern? Man kann sie nur fluchtartig verlassen. Aber das Gegenteil ist der Fall: die Leute strömen hinein und bleiben – wie man unter anderen an Mahmud sieht, die ja ebenfalls die Stellung hielt. Von der Auflösung oder auch nur Verkleinerung solcher Moloche zu träumen, wäre ohne Zweifel illusionär. China plant und schafft emsig weitere Riesenstädte – und gegen diesen Trendsetter kommt niemand an.

Ich greife noch einmal die »konservativen Kräfte« auf. Für die meisten Linken, selbst Anarchisten, stellt »konserva-tiv« das Gegenteil von »fortschrittlich« oder »progressiv« und daher zugleich ein Synonym für schlecht dar. Für sie sind die konservativen Kräfte ein ärgerlicher Hemmschuh; sie blockieren mehr Technik, mehr Geld, mehr Staat, mehr Urlaub, mehr Zerstreuung, mehr Bequemlichkeit, mehr Verblödung … In Wahrheit verdanken wir dem »Fortschritt« der Progressiven / ModernisiererInnen / GlobalisiererInnen schon fast die Zerstörung unsrer gesamten Lebensgrundlagen. Wogegen uns manche Konservative neue Autobahnen ersparen, weil ihnen die Rettung eines Auwaldes wichtiger erscheint. Das konservative Prinzip bewahrt und erhält; der Fortschritt zertritt. Große Sprünge nach vorne machte er während der Kolonialisierung durch die Zersetzung verschiedener ritueller Ordnungen, die »primitive« Gesellschaften zusammenhielten, und dann im Gefolge der Aufklärung mit Hilfe der Drachentöter Darwin und Nietzsche, die auch unseren zivilisierten Eingott erlegten. Den religiösen Rest – Glaube ans kommunistische Nirwana – erledigte die westliche Wühlarbeit am sogenannten Eisernen Vorhang. Seitdem haben wir der Leere zu wehren. Soweit zum »Überbau«.

An der gesellschaftlichen »Basis« stellte die um 1750 einsetzende Industrialisierung ein Meisterstück dar, das auf den Trümmern von kleinen Handwerksbetrieben und Bauernhöfen Zuchtanstalten mit Fabriksirenen, Stechuhren und Videokameras schuf. Fabriken zerstückeln. Konnte es einst zur Menschwerdung kommen, dann nicht unerheblich durch die Schaffung von Behältern wie Tonkrüge, Kanus, Begriffe, Vollversammlungen, Dörfer. Behälter behalten oder enthalten etwas – mitunter eine ganze Zwergrepublik. Das Geschäft der sich herausbildenden Klassengesellschaften dagegen war die Spaltung. »Teile und herrsche« – damit war nicht das Teilen der Nahrung gemeint. Entsprechend finden sich in den »Ballungszentren« die Hungerleider hier, die Übersättigten dort eingepfercht. Der Stamm der Germanen wurde gleich in derzeit ungefähr 50 Millionen AutofahrerInnen zersplittert.

Die Ambivalenz der Entwicklung sei eingeräumt. So kamen in unseren Breiten um 1980 sehr sinnreiche Gehwagen oder Rollatoren auf, die man eigentlich schon im Mittelalter hätte erfinden können, denn sie stellen ja nicht mehr als Krücken auf Rädern dar. Auch Moskitonetze, Zimmeröfen oder Verhütungsmittel sind nützliche Erfindungen, zu denen man im Neandertal kaum das Zeug gehabt hätte.** Beim Internet dagegen, das auch von Mahmud verehrt wurde, melden sich schon wieder Zweifel. Vielleicht haben wir in ihm die Rache des abgesetzten Eingotts zu sehen, der es auswarf, um die erwähnte Leere mit Belanglosigkeiten, Bruchstücken, Lügen und »Honig-töpfen« zu stopfen, womit von Agenten gestellte Fallen gemeint sind. Es züchtet Beliebigkeit, Austauschbarkeit, Dummheit, Unterwürfigkeit. Wer nicht unablässig Befehlen folgt, hinkt rasch hinterher – bis er hinausfliegt.

Im Sinne der Austauschbarkeit ist selbstverständlich auch der alte politische Gegensatz von »links« und »rechts« hinfällig geworden. Als größtes Übel der jüngeren Jahrzehnte darf man getrost die rot, grün oder orange angestrichenen ModernisiererInnen bezeichnen. Sie setzten dem humpelnden Kapitalismus Edelstahlgelenke ein. Merkel erntet nur, was Schröder säte. Er säte geradezu obszöne Konzern- und Medienmacht und den Überwachungsstaat.

Der wesentliche Unterschied ist vielmehr der von unten und oben. Das libertäre steht dem autoritären Prinzip gegenüber. Die Faustregel könnte gar nicht einfacher sein: was Herrschaft und Fremdbestimmung untergräbt oder von vornherein verhindert, ist gut; der Rest schlecht. Sie beansprucht durchaus universelle Geltung. Nur ihre Prüfung in der Anwendung auf Einzelfälle erweist sich leider oft als verdammt schwierig.

* Christian Kahle, »Kult-Aktivistin und Tetris-Fan: Sabeen Mahmud wurde erschossen«, WinFuture, 27. April 2015: https://winfuture.de/news,86841.html
** Von der Antike an waren Verhütungsmittel durchaus bekannt. Nach Heinsohn/Steiger (Die Vernichtung der weisen Frauen, 1985) diente ihre bewußte Bekämpfung im Mittelalter (Hexenverfolgung) der Auffüllung der durch Seuchen ausgedünnten arbeitenden Bevölkerung – und bescherte uns später die so genannte Bevölkerungsexplosion.

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