Montag, 4. Juli 2022
Adenauer, Emma

36 (1880–1916), Lehrerin, Tochter des Kölner Versi-cherungsdirektors Emmanuel Weyer und Nichte Max Wallrafs, von dem ihr zukünftiger Gatte 1917 das Amt des Kölner Oberbürgermeisters erben sollte. Sie hatte den nahezu mittellosen Jura-Assessor Konrad Adenauer 1901 im Tennisclub Pudelnaß kennengelernt. Sie schenkte ihm ihr Herz und damit auch gleich die Eintrittskarte zu ihren gesellschaftlichen Kreisen. Man sollte meinen, als Frau Adenauer (seit 1904) hätte sie locker zwei von deutschem Boden ausgehende Weltkriege überstehen und Frau Bundeskanzler werden können. Doch seit der Geburt ihres ersten Kindes war sie nierenkrank, und nach zwei weiteren Kindern wurde ihr (1916) mit 36 Jahren eine Pilzver-giftung zum Verhängnis, an der sie starb. So stieg Konrad kurz darauf ohne sie zum Oberbürgermeister auf. Offenbar hatte er zufällig nicht mitgespeist, oder er war bereits so resistent gegen giftige Pilze wie nach 1945 gegen die Faschisten, mit denen er sich in seinem Mitarbeiterstab umgab. Adenauer wurde 91 – noch älter als Hindenburg, und fast dreimal so alt wie seine erste Gattin.

An mir hätte Direktor Emmanuel Weyer keine Freude gehabt. Von der gesetzlich vorgeschriebenen Kranken- und Rentenversicherung einmal abgesehen, besitze ich von Jugend an nicht eine Versicherung. Ich denke, ich habe viel Geld gespart. Als mich einmal ein Vermieter wegen meiner fehlenden Haftpflichtversicherung mit der Aussicht konfrontierte, meine Waschmaschine liefe aus und überschwemmte die Wohnung unter mir, versicherte ich ihm, ich ließe die laufende Waschmaschine nie aus den Augen. Zudem sei ich ja Handwerker. Zum Glück bohrte er nicht nach. Einem Bewerber, der noch nicht einmal eine Waschmaschine besitzt, hätte er wohl kaum die adrette Wohnung anvertraut. Ich wusch meine Kleider damals »in einem Aufwasch« mit, wenn ich selber duschte. Während des Duschens in der Wanne »eingeweicht«, hatte ich sie anschließend nur noch mit kaltem Wasser durchzuspülen und auszuwringen.

Die Waschmaschine schleudert uns auch schon den Unfug der Versicherungen ins Gesicht. In der Puppenfabrik-kommune laufen in der ebenerdigen Waschküche zwei Maschinen – sollten sie einmal auslaufen, dann unmittelbar in die Kanalisation. Versicherungen zeigen untrüglich soziales Defizit an. Statt Solidarität wird das Einzelkämpfertum gefördert. Jeder brütet in seiner Wohnzelle aus, wie er sich noch geschickter, üppiger, betrügerischer absichern kann, um im Existenz- und Konkurrenzkampf die Nase vorn zu haben. Mag auch »das Risiko gestreut« werden – Verantwortung und Lösungssuche werden gerade nicht sozialisiert. 10 Lastschriften von Allianz, Gothaer, Aspirina – und ich bin unwiderruflich ans System gekettet. Die Versicherung bewahrt den Kapitalismus vorm Einsturz.

Sie normiert uns zudem. Verblüffende Lösungen werden rar, weil sich nie Not in Tugend verwandeln läßt. Mein Bekannter Lutz hatte das Häuschen seiner verstorbenen Tante bezogen. Als das Hochwasser nach einem Unwetter bis ins Eisfach seines Kühlschranks stand, kam er auf die Idee, sich für rund 1.000 Mark einen noch fahrtüchtigen Bauwagen zuzulegen. Er baute ihn aus und verkaufte das Häuschen. Über Pfützen lacht er. Mal wohnt er am Meer, mal in den Bergen. Im Fränkischen machte er einmal einen Brauereiinhaber auf eine halb ausgehängte Lukentür aufmerksam, die jederzeit auf den Bürgersteig oder in einen Kinderwagen fallen konnte. »Dagegen sind wir versichert!« beruhigte ihn der Mann. Seitdem weiß Lutz, was Zynismus ist.
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