Montag, 4. Juli 2022
Wang Yue

2 (2009–11), chinesisches Großstadtkind. Der Vorfall ist zunächst bezeichnend für den herzlosen Zustand der zivilisierten Länder, in denen man heutzutage leben muß. In einer Gasse der Millionenstadt Foshan (Provinz Guangdong, Südchina) wurde die Zweijährige, auch Yue Yue genannt, am Nachmittag des 13. Oktober 2011 von einem Auto überfahren. Sie war ihrer Mutter weggelau-fen.* Nun blieb das Kind blutend auf der belebten Gasse liegen. Eine Minute später kam noch ein Kleinlaster, der es genauso überfuhr. Beide Fahrer hielten nicht an. Zufällig wurde das Geschehen beziehungsweise Nichtgeschehen von der Überwachungskamera einer Eisenwarenhandlung aufgezeichnet. Danach waren es in rund sieben Minuten geschlagene 18 Passanten, die dem Verkehrsopfer ebenfalls keine Hilfe leisteten. Es mußte erst eine 57jährige Müllsammlerin kommen, die sich um Yue Yue kümmerte. Doch das Mädchen starb am 21. Oktober 2011 im Krankenhaus.

Immerhin rief der Vorfall heftige Diskussionen in der chinesischen Öffentlichkeit hervor. Selbstverständlich ist er weder typisch chinesisch noch brandneu. Trotzdem drängt sich die Frage auf, was das eigentlich für ein Gesellschaftssystem gewesen sein soll, das die Leute angeblich 50 Jahre lang »kommunistisch« prägte, aber so gut wie keine entsprechenden Spuren hinterließ – keine Spuren jenes »Mitgefühls«, das etwa die Schriftstellerin >Xiao Hong in den vorkommunistischen Zeiten vermißt hatte; keine Spuren dessen, was man in der DDR als »Solidarität« hochgehalten hatte, sogar nicht nur auf Spruchbändern …

* Henrik Bork (Peking), »Protestieren, diskutieren, schönreden«, Süddeutsche Zeitung, 25. Oktober 2011: https://www.sueddeutsche.de/panorama/unfalltod-der-kleinen-yue-yue-in-china-protestieren-diskutieren-schoenreden-1.1172201
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