Sonntag, 3. Juli 2022
Körner, Theodor

21 (1791–1813), patriotischer Schriftsteller aus Sachsen, »fällt« im Dienst am Vaterland. Ein vernünftiger Mensch könnte Patrioten allerdings leicht für Idioten halten. Statt sich mit dem Phänomen der Herrschaft auseinander zu setzen, blasen sie das völlig anders geartete Phänomen, daß sich Menschen von unterschiedlicher Hautfarbe, Sprache, Kultur antreffen lassen, zum Schreckgespenst auf. Hier greift der bescheuerte Stolz aufs Eigene, den ich bereits beim badischen Obervogt von >Hundbiß in Sachen »Heimatliebe« streifte. Einem echten Knecht sollte es selbstverständlich einerlei sein, ob sein Schinder ein fremdländischer oder ein einheimischer oder auch ein schwarzweiß gestreifter oder ein blauorange karierter Herr ist. Somit hat er es auch abzulehnen, den einen mit Hilfe des anderen zu bekämpfen und damit den anderen zu stärken – und dabei übrigens auch sein Leben aufs Spiel zu setzen, obwohl er vielleicht gar kein Anthroposoph ist, also nicht an Wiedergeburt glaubt.

Hinzu kommt die Angst des wirklich Freisinnigen vor »großen Sachen«, wie sie Arthur Koestler einmal genannt hat. Gott, Vaterland, Aufbruch, Partei, Wissenschaft, Europa, Fortschritt, Klimawandel, Energiewende, Pandemie – alles Autoritäten, die die Knechte blenden, einschüchtern und kleinhalten sollen. Alles religiöse Gebilde, die die tiefen Interessensgegensätze, die in dergleichen »großen Sachen« zu beobachten sind, vernebeln sollen. Aber sie sollen auch unser aller Zwergenhaftigkeit vernebeln. Dichtet >Petöfi »Wir sterben alle miteinand. / Doch nimmer stirbt das Vaterland«, wird gleich klar, wofür uns die großen Sachen entschädigen sollen: für unsere Sterblichkeit, für unsere Verlorenheit. »Vaterland oder Tod«, in allen Sprachen und Lagern der Welt beliebt – eine idiotischere Losung hat es selten gegeben. Sitzen die Patrioten dann am Ruder, geht es den Leuten an den Kragen, die auch mit dem neuen, geretteten Vaterland nicht einverstanden sind.

Mit Ulbricht waren viele einverstanden, weil er nicht weniger vaterlandsliebend als Adenauer war. Seine Streitmacht etwa, die NVA, vergab jährlich einen Theodor-Körner-Preis an vorbildlich patriotische KünstlerInnen oder Organisationen. Der auch bei Frauen beliebte »Sänger und Held« des »Kampfes gegen die napoleonische Fremdherrschaft«, 1791 als Sohn eines hohen Dresdener Justizbeamten geboren, hatte ähnlich wie Novalis erst die Freiberger Bergakademie besucht, um sich dann zunehmend dem Schmieden von schwärmerischen Versen und Dramen zu widmen. Er spielte auch »prächtig« Gitarre, wie bei Guido K. Brand* zu lesen ist. Als er sich 1811 (in Leipzig) mit einer studentischen thüringischen Landsmannschaft zu einer Schlacht mit der »adligen Fechtgesellschaft« Sulphuria begab, ließ er seine Gitarre vermutlich wohlweislich auf seiner Bude. Als Rädelsführer von der Leipziger Universität ausgeschlossen und mit Gefängnis bedroht, ging Körner zunächst nach Berlin, wo er bei Zelter sang, bei Jahn und >Friesen turnte oder focht, und dann nach Wien, das in Gestalt der Schauspielerin Antonie Adamberger eine Braut für den angehenden Erfolgsdramatiker (Zriny, 1812) bereithielt.

Doch aus der Hochzeit wurde nichts, da das Vaterland rief. Im Grunde hatte Körner die Schlägerei in Leipzig nur überlebt, um zwei Jahre darauf, im August 1813, mit Kameraden der Lützow-Freischar im Forst von Rosenow bei Gadebusch auf diese verhaßten Franzmänner zu stoßen. Ob der knapp 22jährige Dichter dabei in den Armen Friesens starb, ja ob er überhaupt im Gefecht fiel, ist allerdings unter Historikern umstritten.* Die Liste deutsch-österreichischer Körner-Denkmäler (Park in Wien) ist jedenfalls länger als ein Flintenlauf. Ulbricht hätte seine Freude besonders an der Aachener Theodor-Körner-Kaserne gehabt, hätte sie nicht auf Feindesland gelegen. Körners sogleich nach dem Heldentod herausgegebener Sammelband mit Gedichten Leyer und Schwerdt soll sich später (um 1940) einen Vorzugsplatz auf dem Schreibtisch Manfred Hausmanns erobert haben. »Denn was berauscht die Leyer vorgesungen«, quoll es aus Körners Busen, »das hat des Schwertes freie That errungen.« Sehr ähnlich äußerte sich Hausmann. Eine Skizze über diesen braunen, ekelhaft frömmelnden Papierkrieger, gestorben 1986 in hohem Alter, verschicke ich auf Wunsch per Email.

Zwei Jahre nach dem Leyer-Poeten starb dessen Schwester Emma Körner, eine Malschülerin von Dora Stock, mit knapp 27 Jahren. Angeblich hatten sie die Masern oder eine ähnliche Krankheit nicht zuletzt aus Gram um den Verlust des Bruders ereilt.

* Die Frühvollendeten. Ein Beitrag zur Literaturgeschichte, Berlin und Leipzig 1929, S. 171. Brand schildert im übrigen zwar Gefechte bei Gadebusch, läßt dabei aber Friesen völlig aus.
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