Sonntag, 3. Juli 2022
Dreier, Frederik

25 (1827–53), dänischer sozialkritischer Autor, Selbst-mord? Das Schicksal, einen Vater zu haben, ist ohnehin schon schlimm, aber Dreiers Vater, ein Kopenhagener Hofgerichtsrat, war eine besonders harte Nuß. Dessen »Melancholie« steigerte sich im Laufe von Dreiers Kindheit zu religiösem und Verfolgungswahn, sodaß man ihn 1840 pensionieren, 1847 in die geschlossene Schleswiger Heilanstalt einliefern mußte. Zu diesem Zeitpunkt war Dreier junior um 20. Vielleicht hatte er sich ja in erster Linie aufgrund der »Psychose« seines Erzeugers zu einem Medizinstudium entschlossen. Daneben legte er sich allerdings eine breitgestreute Bildung zu, durch die er imstande war, ein vergleichsweise umfangreiches philosophisch-politisches Werk zu schaffen. Auch dieses diente wahrscheinlich vordringlich als Bollwerk gegen die Gefahr, verrückt oder sonstwie krank zu werden. Es half nur begrenzt.

Dreiers Gedankenwelt war atheistisch, materialistisch, rational gegründet. Er zehrte vor allem von Ludwig Feuerbach, Bruno Bauer, Max Stirner, Pierre Joseph Proudhon. Der bäuerlich-provinziellen dänischen Wirklichkeit war er mit seinen Vorstellungen weit voraus – und entsprechend stieß er bei Kollegen und Lesern auf Ablehnung, wenn nicht gar Nichtbeachtung. Nur der angesehene Kritiker Georg Brandes erkannte, Dreier sei ihnen allen »um Kopfeslänge« überlegen. Später wurde Dreier als »Dänemarks erster Sozialist« bezeichnet, wovon er selber freilich nichts mehr hatte. Nach einem Einsatz als Sanitäter im Bürgerkrieg 1848/49 bestand er im Frühjahr 1853 die ersten Zwischenprüfungen an der medizinischen Fakultät. Wenige Wochen später, im Mai, war der 25jährige designierte Arzt tot. Warum, scheint ungeklärt zu sein. Mehrere Quellen halten jedoch einen Selbstmord für wahrscheinlich. Dem Dansk Biografisk Leksikon zufolge* litt Dreier seit etlichen Jahren an einer »nie diagnostizierten« Krankheit, zuletzt wohl außerdem an Liebeskummer. Übrigens hatte er eine Zeitlang mit einer Geliebten, nämlich Ida Ekeroth, Tochter eines Goldschmiedes, zusammen gelebt. Mit ihr hatte er sogar einen Sohn. Meine zahlreichen des Dänischen mächtigen LeserInnen verweise ich auf Svend Erik Stybes Buch Frederik Dreier von 1959, in dem womöglich Näheres steht.

Ein vermutlich im Todesjahr Dreiers entstandenes Gemälde von Carl Fiebig zeigt den jungen Denker zwar mit rötlichem Vollbart, jedoch zarten Gesichtszügen, allerdings auch mit einer leichten Hakennase. Brandes dürfte noch andere Gründe besessen haben, wenn er einmal von »dem einen wilden Vogel mit dem scharfen Schnabel« sprach. Laut Niels Finn Christiansen** hatte sich Dreier auch unmißverständlich und unter den gegebenen Umständen einzigartig gegen den überall wuchernden Nationalismus gewandt. Bekanntlich hatte dieser nicht zuletzt den erwähnten Bürgerkrieg befeuert, dänische gegen deutsche Fraktion. In Dreiers 1848 veröffentlichter Schrift Folkenes Fremtid (Die Zukunft der Völker) sei zu lesen: »Dem Vaterland zuliebe opfert der gute Bürger mit Freuden alles, selbst das Leben; z. B. wenn die Gefahr herrscht, daß ein Teil der Menschen nicht länger dem Vaterland angehören will, sein Land nicht mehr nach dem Namen des Vaterlandes nennen will, dann sollten sich lieber alle Bürger totschlagen lassen, als daß dem Vaterland solche Schmach widerfahre. Das sind sonderbare Grillen.« Dreier hielt den »Patrioten« die allgemeinen, viel wichtigeren Werte entgegen, die alle Menschen, zumindest alle freiheitsliebenden und antiautoritär gestimmten, ungeachtet ihrer »Nationalität« teilen. Die Ideologie des »heiligen Wettbewerbs« als einzig möglicher Triebfeder menschlicher Tätigkeit zählte er ausdrücklich nicht dazu. »Wir kennen eine andere«, soll er im selben Jahr in einer Schrift über Volkserziehung versichert haben, »nämlich das Interesse an der Tätigkeit an sich, die Freude an der Arbeit.«

* Artikel von Oluf Bertolt und Vagn Dybdahl, Stand 11. August 2014: https://biografiskleksikon.lex.dk/Frederik_Dreier
** »Das kommunistische Gespenst – die dänische Linke und 1848«, in: NordeuropaForum 8 (Berlin), 1998:2, S. 49–63: https://edoc.hu-berlin.de/bitstream/handle/18452/8371/christiansen.pdf?sequence=1&isAllowed=y

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