Sonntag, 3. Juli 2022
Dietsch, Andreas

c.38 (1807–45), schweizer Bürstenbinder und US-Kommunarde. Der sozialistisch gestimmte Handwerker war die treibende Kraft des Versuchs, mit zukünftigen Kommunarden in die USA auszuwandern, um dort die Siedlung New Helvetia / New Aarau zu gründen. Die Auswanderung gelang, und zwar im Jahr 1844 mit 43 Teilnehmern. Die »Kommune« dagegen löste sich schon im folgenden Jahr endgültig auf, nachdem sie, durch Blauäugigkeit, Erschöpfung, Krankheit, Geldmangel, Wintereinbruch und den üblichen Streit unaufhaltsam zerbröckelt und ihr vielfach gebeutelter Anführer (wohl Anfang 1845) gestorben war. Man hatte am Osage River in Missouri, westlich von St.Louis, Land gekauft, das freilich nur noch von sieben Erwachsenen und elf Kindern erreicht worden war. Der 37jährige Bürstenbinder und Chef-Organisator war vermutlich völlig ausgelaugt, vielleicht auch, wie manche andere, durch Fieber geschwächt, und wahrscheinlich verbittert. Halder/Limmat schreiben, man wisse nichts von den näheren Todesumständen Dietschs, und dabei werde es wohl auch immer bleiben. Das ist das eine Erschreckende: diese Schlampigkeit oder Gleichgültigkeit vieler Beteiligter, Nold Halder und den Limmat-Verlag eingeschlossen, der ja immerhin eine Literaturliste gibt und Wilhelm Weitlings Besuch in Iowa (1851) erwähnt. Dietsch war mit dem kommunistischen Agitator bekannt gewesen. In Iowa hatten ein paar Schiffbrüchige vom Osage River erneut eine Kolonie gegründet, Communia. Auch sie hielt nicht lange. Übrigens hatte Dietsch zwei kleine Töchter mit auf die Auswande-rung genommen. In seinem Tagebuch werden sie gelegentlich erwähnt; von ihrem weiteren Schicksal erfährt man jedoch auch von Halder oder den Verlagsleuten nichts.* Irre ich mich nicht, wissen wir von der älteren Tochter noch nicht einmal den Namen. Sie soll bereits, wie ihr Vater, wenige Monate nach der Ankunft in Missouri gestorben sein** – ein böses Erwachen im Märchenland USA.

Immerhin: drei Jahre vor den Neujahrsblättern von 2017 bot bereits eine schweizer Zeitung*** einen Schimmer von Recherche an. »In alten Grundbüchern ist der Landkauf von Andreas Dietsch und anderen Mitgliedern der Auswanderungsgruppe bestätigt. Ebenso aktenkundig ist, dass die jüngere Tochter von Dietsch namens Rosetta, die nach dem raschen Ende von Neu Aarau nach Iowa weitergewandert war, das väterliche Land am Osage River 1859 verkaufte.« Vielleicht hatte sich Rosetta der erwähnten Communia im Clayton County angeschlossen, die allerdings, wie eben angedeutet, im Lauf der 1850er Jahre zerfiel. Für 1859 gibt Mary Lou Schulte**** als Aufenthaltsort Rosettas das Madison County in Illinois an. Ansonsten werden die Mädchen von Schulte (2010) nicht erwähnt. Gleichwohl liegen damit wenigstens ein paar Anhaltspunkte für eine echte, sicherlich nicht ganz billige Spurensuche vor. Nebenbei: Rosettas Mutter, Susanna geb. Hagnauer, war bereits in Aarau gestorben, wohl 1843, mit 35, bei oder nach der Geburt des dritten Kindes.

Das andere Erschreckende ist die Ignoranz, die Dietsch und offensichtlich auch seine MitstreiterInnen der Indianer- und Sklavenfrage entgegenbringen. Die ist mit der Einfalt von Dietsch und anderen nicht zu entschuldigen. Allerdings lag sie leider ganz im kolonialen Trend jener Epoche, wenn ich mich nicht täusche. Auch die angeblich revolutionär gestimmten Geister unter den Auswanderern hatten keine Bedenken, ihre neuen Siedlungen und andere höchst demokratische Projekte, darunter Verlagshäuser, auf gestohlenem, mit Indianerblut getränktem Grund zu errichten. Sie wollten Freiheit – zunächst einmal für sich. Das Ergebnis sehen wir heute. Das ganze wiederholte sich übrigens knapp 100 Jahre nach Dietsch, als tausende von verfolgten Antifaschisten ihr Heil im angeblichen Hort der Demokratie suchten – ihr Heil. Dem eigenen Anspruch zuwider wirkten sie auf diese Weise sowohl an der Legitimierung wie an der Kräftigung des US-Imperialismus mit, ob als Geschäftsleute, KünstlerInnen, Professoren.

Noch viel ärmer als zu dem schweizer Bürstenbinder scheint die Datenlage im Fall des sächsischen Juristen Carl Theodor Dietzsch (1819–57) zu sein. Laut Wikipedia gehörte er 1848, auf der linken »Donnersberg«-Seite, der Frankfurter Paulskirchen-Schwatzbude an, setzte sich jedoch schon im nächsten Jahr gleichfalls in die USA ab, die er verehrt habe. Dort soll er als Redakteur tätig gewesen sein, zuletzt in Cincinnati, Ohio, wo er, mit 37, auch starb – warum, weiß möglicherweise kein Mensch.

* Dietschs schmales Tagebuch wurde 1978 unter dem Titel Die groß-artige Auswanderung des Andreas Dietsch und seiner Gesellschaft vom Züricher Limmat-Verlag herausgegeben. Darin findet sich auch Nold Halders Studie über Dietsch, die wohl zuerst in den Aarauer Neujahrsblättern 1960/61 erschienen war. Halder starb 1967. Leider kommen, soweit ich sehe, jüngere US-Publikationen nicht erheblich über das Limmat-Buch hinaus.
** Heidi Hess / Rudolf Iten, »Auf den Spuren von Andreas Dietsch«, Aarauer Neujahrsblätter, Band 91 (2017), S. 96–103: https://www.e-periodica.ch/digbib/view?pid=anb-001:2017:91::183#93. Für Iten hieß die überlebende Tochter Rosina. Wer sich hier irrt, weiß der Himmel.
*** Heinrich Rauber, »Vor 150 Jahren wollte Aarauer eigenes Reich gründen – nun wird er geehrt«, Aargauer Zeitung, 30. Juni 2014
**** »New Helvetia: The dream that died«, im Newsletter der Osage County Historical Society, Linn, Missouri, USA, Januar 2010

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