Samstag, 2. Juli 2022
Jäckel zur Justiz

Aus »Der Sturz des Herkules«, 2022. Erzählerin ist die General-sekretärin des Rhein-Oder-Bundes (ROB) Nele Schurznagel. Sie hat gerade vom Umgang mit einem bei Halle verübten konterrevolutio-nären Anschlag berichtet.


Ich halte es für angebracht, Sie noch mit einigen tiefer schürfenden Gedanken zum Thema Justiz bekannt zu machen. Der thüringische Schriftsteller Heinz Jäckel, damals selber Bürger der Zwergrepublik Konräteslust im Nessetal (bei Gotha), beobachtete 2010 ein sogenanntes »Öffentliches Forum« im dortigen Schloß, bei dem es um einen (angeblichen) Kindesmißbrauch ging. Der beschuldigte Genosse wurde weder »verurteilt« noch »freigesprochen« – der Fall blieb offen. Viele fanden die Verhandlung aber lehr- und hilfreich. Jäckel veröffent-lichte anschließend auf zwei Seiten der Berliner Tages-zeitung Junge Welt einen an diesem Fall aufgehängten Grundsatzartikel. Daraus im folgenden Abschnitt ein Auszug. Die Namen der Betroffenen sind von Jäckel benutzte Decknamen.

>>An Recht, Rechtsstaat, Rechtspflege, Rechtssicherheit glauben im Grunde nur Einfaltspinsel, die auf die Eindeutigkeit der Dinge bauen. In Wahrheit sind die Dinge natürlich so wenig eindeutig wie der Mensch und die von ihm erfundene Sprache. Wer zum Beispiel Gerlinde näher kannte, ließ sich von ihrem herrischen Zug nicht mehr blenden. Sie wäre ohne Zweifel gern die herausgeputzte Gutsherrin gewesen, hätte diese Rolle aber niemals ausfüllen können. Mit ihrem Draufgängertum übertünchte sie tiefsitzende Minderwertigkeitsgefühle. Ein Stolpern auf dem Hofpflaster ihrer GO konnte sie aus dem seelischen Gleichgewicht bringen. Stieß Anja versehentlich eine Blumenvase um, löste sie einen hysterischen Anfall ihrer Mutter aus. Doch zwei Stunden später, und Gerlinde war die Zärtlichkeit und Fürsorge in Person. Das Dumme war, man wußte nie, welche Seite wann zum Tragen kommen würde. Die Person Gerlinde war unberechenbar. Habe ich dagegen einen Paragraphen, der bestimmt, Totschlag sei verboten und werde mit mindestens fünf Jahren Haft geahndet, scheint die Sache klar zu sein.

Jedoch: stellt auch die Verabreichung von Gift einen Totschlag dar? Und wenn ich das tödliche Gift über Jahre hinweg in Form von Verachtung in das Herz meines Opfers träufele? Gar keine oder nur die Mindeststrafe? Der oben erwähnte schwarze US-Bürger Mumia Abu-Jamal schmort für eine angeblich im Handgemenge vorsätzlich begangene Ermordung eines Polizisten trotz erheblicher Zweifel an seiner Täterschaft seit 27 Jahren unter der Todesstrafen-drohung – kein Richter nennt das Unrecht und Folter. Wir sprachen bereits davon, daß auch die Phänomene Gewalt und Gerechtigkeit nicht eindeutig sind. Ein »linker« Vater dreht seiner Tochter, Bodo Ramelow der Republik Konräteslust den Geldhahn zu – wer wollte da von Erdrosselung sprechen? Läßt der deutsche Oberst Georg Klein von seinem behaglichen Platz am Bildschirm aus ungefähr 100 afghanische Zivilisten bombardieren, ist es kein Mord oder Totschlag, weil es für eine gute Sache ist. Zweifel an der Güte verbittet sich »Verteidigungsminister« Karl-Theodor zu Guttenberg. Ohrfeigen Sie einmal einen abgerissenen Obdachlosen, der ihren schönen Hund beschimpft! Es wird Ihnen nichts passieren. Aber ohrfeigen Sie einmal Guttenberg!

Hier prallt die Buchstabengläubigkeit des gesetzestreuen Bürgers auf die Machtverhältnisse. Es gibt keinen Para-graphen, den ich nicht so oder so auslegen könnte; bin ich aber machtlos, wird sich meine Version kaum durchsetzen. Dieses System der Rechtspflege funktioniert umso besser, je mehr es im Laufe der Zivilisation verkompliziert werden kann. Wissen und Winkelzüge haften magnetisch an den Platinuhren der jeweils herrschenden Elite, während der Indio nur seine Machete hat. Damit ist er dem Dschungel aus Paragraphen, Kommentaren und Ausnahmerege-lungen nicht gewachsen. Dieser Dschungel erstickt jedes Bemühen um Gerechtigkeit im Keim, von seiner aber-witzigen Kostspieligkeit einmal abgesehen. Genau deshalb wurde er gepflanzt: er macht die Welt undurchschaubar und verbürgt Unmengen einträglicher Arbeitsplätze, vom Gerichtsdiener und Rechtsberater bis zum obersten Verfassungshüter.

Ein republikanisches Rechtswesen muß selbstorganisiert und egalitär sein wie die Republik auch sonst. Klappt das nicht, klappt die ganze Republik nicht. Ihre Verfassung genügt. Sie benötigt kein Gesetzbuch, denn jeder weiß, was gut und böse ist oder meint es jedenfalls zu wissen: darüber kann man sich verständigen. Während sich Gut und Böse stets gleich bleiben, liegt doch jeder Konfliktfall anders. Deshalb hat eine republikanische Schlichtung biegsam zu sein; sie erfindet das Recht ständig neu. Allerdings unterstellt sie dabei den wohlwollenden, gemeinnützigen Republikaner, während Cäsar, Krupp und Guttenberg den eigennützigen, auf Abwege sinnenden, Ränke schmiedenden, haßerfüllten Bürger unterstellen. Sie ernten, was sie säen. Die Republik benötigt keine Polizei, keine Erzwingungshaft, keine Strafe. Die soziale Ächtung erzwingt genug, falls es nötig sein sollte. Strafe beinhaltet den Vergeltungs- und Sühnegedanken, den freie sterbliche Menschen ablehnen. In eine groteske Welt gepfropft zu sein, ist schon Strafe genug. Der Mensch, der gefehlt hat, soll nicht büßen; er soll es in Zukunft besser machen. Das Gefängnis macht ihn schlechter.

Der einzige Sinn einer Freiheitsstrafe unter republika-nischen Bedingungen könnte der Schutz der Gemeinschaft vor eingefleischten Übeltätern sein, beispielsweise Kinderschändern, Vergewaltigern, Totschlägern. Doch zum einen wird man diese Sorte in der Republik kaum antreffen, sofern diese nicht unablässig von außen mit Gift vollgepumpt wird. Zum anderen ist es in krassen Fällen immer noch besser, dem notorischen Übeltäter in Selbsthilfe das Handwerk zu legen, als ihn einer staatlichen Züchtigungsmaschinerie zu überantworten. Deren Gewaltmonpol wäre das weitaus größere Übel. Es wäre also vorzuziehen, den betreffenden Menschen zu verjagen, zu verprügeln, notfalls auch zu töten. Das hätten die betroffenen RepublikanerInnen persönlich und eigenhändig zu tun. Damit bliebe auch die Verantwortung für ihr Tun (und infolgedessen beispielsweise ein schlechtes Gewissen) bei ihnen. So hielten es viele amerikanische Indianerstämme und viele Völker oder Gruppen vor ihnen. Wir dagegen delegieren unsere Verantwortung an die Züchtigungsmaschinerie und widmen uns dem Frühstücksei nebst Zeitung.<<
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