Samstag, 2. Juli 2022
Möhlmann, Frederike von

17 (1964–81), niedersächsische Schülerin, Opfer eines bislang ungeklärten Sexualmordes. Die braunhaarige, hübsche junge Frau aus dem Landkreis Celle wollte nach einer Chorprobe in der Stadt per Anhalter in ihr Heimatdorf fahren, wurde aber von dem Mann, der sie mitnahm, in einem Waldstück vergewaltigt und erstochen. Die Leiche wies zahlreiche Einstiche auf, sogar die Kehle war durchtrennt. Der mutmaßliche Täter H., 22, wurde zunächst gefaßt und zu Lebenslänglich verurteilt, nach Einspruch des Bundesgerichtshofes wegen Zweifel an wichtigen Beweismitteln allerdings 1983 wieder freigesprochen. Frederikes Vater Hans von Möhlmann fand den Einspruch sogar einleuchtend, hielt den eher schmächtigen H. nun über Jahre hinweg für unschuldig und zermartete sich das Hirn nach alternativen Tätern.* 2012 jedoch sprach eine früher nicht mögliche DNA-Untersuchung erneut für H.s Schuld. Nun türmten sich freilich bürokratische Hürden vor Von Möhlmann auf, darunter die Bestimmung, ohne Geständnis sei eine Wiederaufnahme eines Strafverfahrens selbst im Mordfall unzulässig. Seine Rechtsanwälte bemühten unter anderem den Umweg über ein Zivilverfahren – vergeblich, denn der Anspruch auf Schmerzensgeld sei verjährt. Nun hoffen sie auf gesetzliche Änderungen, durch die ein Wiederauf-nahmeverfahren doch noch möglich wäre.**

Selbstverständlich geht es Von Möhlmann, inzwischen Ende 70, nicht um Geld – er will »Gerechtigkeit« und »Sühne«. Der grausame Mord muß ihn bis ins Mark erschüttert haben. Die Belastungen der Prozeßzeit um 1982 führten ihn sogar in eine Psychiatrische Klinik. Dort lernt er zufällig Marianne >Bachmeier kennen. Sie hatte gerade den mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter, Anna, erschossen und sollte hier nun begutachtet werden. Von Möhlmann lehnt ihren Weg der »Selbstjustiz« aber ab. Die Welt merkt an, der schon lange vor dem Mord geschiedene hochgewachsene, nun hagere Sozialarbeiter habe nicht mehr in seinen Beruf zurückfinden können. Er ist jetzt sozusagen hauptsächlich Rechtssucher. »Für meine Tochter werde ich alles versuchen«, versichert er dem Blatt.

Vielleicht ist die Frage erlaubt: Und was hat die Tochter davon? Ich behaupte: Nichts. Den Gram dagegen hat er. Von Möhlmann macht sich vielleicht um die sogenannte Ehre seiner Tochter Sorgen – das wäre verfehlt. Noch verfehlter ist der Sühnegedanke. Keine Sühne macht die Tat ungeschehen und die sogenannte Rechtsordnung sicherer. Sollte sie lediglich dem Schutz vor weiteren Übergriffen des Täters dienen, käme sie in diesem Fall Jahrzehnte zu spät. Man könnte beinahe glauben, die Messerstiche hätten den Vater heftiger als die Tochter getroffen. Was wissen wir von der Scheidung? Nichts. Die Frau nimmt die ältere Tochter mit. Der Mann hat womöglich nur noch Frederike. Die 17jährige galt als verträumt, heißt es in der Welt. Mehr wissen wir wahrscheinlich auch davon nicht.

* Christine Kensche, »Wenn der Mörder der Tochter neben einem sitzt«, Welt, 19. August 2015: https://www.welt.de/vermischtes/article145372551/Wenn-der-Moerder-der-Tochter-neben-einem-sitzt.html
** »Niedersachsen: Vater will Mord an Tochter sühnen«, news 38,
21. März 2021: https://www.news38.de/niedersachsen/article231802933/Niedersachsen-Vater-will-Mord-an-Tochter-suehnen-Ist-unertraeglich-fuer-mich.html
→ Zu Unrecht und Ehre siehe auch Heft 2 Ohrfeigen, Heft 3 Ehre

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