Samstag, 2. Juli 2022
Kolomak, Lisbeth

knapp 17 (1907–24), Bremer Schusterstochter, wohl eher eine Unschuld vom Lande. Doch von einer vermeintlichen Freundin und Prostituierten eben derselben Berufsaus-übung bezichtigt (Hure), wird das Mädchen – »anscheinend ohne Benachrichtigung, geschweige denn Erlaubnis der Eltern« – Anfang März 1924 in eine entsprechende Krankenstation verschleppt und dort aufgrund der Polizeiarztdiagnose »Syphillis im fortgeschrittenen Stadium« mit dem neuen, noch kaum erprobten Medikament Salvarsan behandelt. Drei Monate später war Kolomak tot. Heute gilt es als wahrscheinlich, daß sie keineswegs an der Syphilis, vielmehr an der »Kur« gegen diese verendete. Man habe jedoch damals nichts unternommen, um die Todesumstände aufzuklären, heißt es in einem dicken Buch über den Fall.* Die Sache kam ohnehin erst ans Tageslicht, als die empörte Schustersfrau, Elisabeth Kolomak, ein gefälschtes »Tagebuch« ihrer Tochter verfaßte und (1926) veröffentlichte, mit dem sie Lisbeth zu entlasten und die Behörden anzuklagen versuchte. Damit geriet der Fall zur berühmten Justizposse. Nun wird nämlich der Mutter (1927) ihrerseits der Prozeß gemacht – aber nicht etwa wegen Betrugs, vielmehr wegen »schwerer Kuppelei«, denn so sei es angezeigt worden. Im Ergebnis wird die Mutter zu acht Monaten Gefängnis verknackt. Es gibt Schlachten in der Presse, viel Gelächter und ein Berufungsverfahren. Dieses wird 1928 aufgrund eines drei Jahre alten Amnestie-gesetzes eingestellt. Elisabeth Kolomak stirbt 1943 mit 57 Jahren.

In einem bissigen Weltbühne-Artikel** hob Carl von Ossietzky im Prozeßjahr vor allem die brutale Buchstaben-gläubigkeit der Justiz, den Rachedurst der Sittenpolizei und die Weltfremdheit gewisser RichterInnen hervor, die sowohl vom beengten Leben damaliger Arbeitermädel wie von deren Bedürfnissen keinen blassen Schimmer hätten. »Ein religiöses Jahrhundert hätte diese Frau: Elisabeth Kolomak vielleicht als Hexe verbrannt. Aber um sie mit dem Kuppeleiparagraphen zu justifizieren, dazu war schon der moderne Rechtsstaat notwendig.« Nebenbei kostete diese Justiz- und Presseposse wieder ein Heidengeld – und das Leben einer 17jährigen, um es nicht zu vergessen.

* Eva Schöck-Quinteros und Sigrid Dauks (Hrsg), »Wußten Sie, daß Ihre Tochter Herrenverkehr hatte?« / Der Fall Kolomak in Bremen 1927, Bremen 2010, bes. S. 223 + 239
** »Maß für Maß in Bremen«, im Ossietzky-Lesebuch (Reinbek 1989) S. 211–14

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