Samstag, 2. Juli 2022
Mertens, Carl

30 (1902–32), zunächst Hauptmann, dann Publizist. 1924 legte der pazifistisch gesinnte Mathematiker und Statistiker Emil Julius Gumbel sein Buch Vier Jahre politischer Mord vor. Gumbels Befund wurde, laut Wolfram Wette*, noch im selben Jahr von einer Denkschrift aus dem Reichsjustizministerium unter Gustav Radbruch (SPD) bestätigt. Danach waren in Deutschland verübt worden: »354 Morde von rechts; Gesamtsühne 90 Jahre und 2 Monate Einsperrung, 730 Mark Geldstrafe und 1 lebenslängliche Haft.« Dem standen gegenüber: »22 Morde von links; Gesamtsühne: 10 Erschießungen, 248 Jahre und 9 Monate Einsperrung, 3 lebenslängliche Zuchthausstrafen.« Daher die Rede vom Rechtsstaat. Leider hat sich an diesem krassen Mißverhältnis grundsätzlich bis zur Stunde kein Deut geändert. Es merkt nur so gut wie keiner, weil auch die unablässige Verteufelung des »Linksextremismus« blieb – während vom »Verfassungsschutz« gehätschelte Kräfte wie der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) für die erforderlichen Leichen sorgen.

Die meisten politischen Morde jener Zeit gingen auf das Konto verschiedener illegaler, oft Freikorps genannter militärischer Verbände, war die Reichswehr doch »offiziell« durch den Versailler Vertrag stark beschnitten worden. Man spricht allgemein von der Schwarzen Reichswehr und ihren Fememorden. Über diese blutigen Umtriebe und das entsprechende Truppenklima legte der 1902 in Kassel als Sohn eines Polizeikommissars geborene Carl Mertens 1925 in einer Serie der Weltbühne Aufsehen erregende Enthüllungen vor. Er ergänzte sie im Jahr darauf mit einem Buch über die illegale Wiederaufrüstung Deutschlands mit dem Titel Die deutsche Militärpolitik seit 1918. Mertens wußte, wovon er sprach. Trotz einer Buchhändlerlehre war er ins väterliche Fahrwasser geraten, nämlich Polizeischüler und dann Offizier der Schwarzen Reichswehr geworden, zuletzt Hauptmann. Aufgrund moralischer Skrupel »stieg er jedoch aus« und ging zum kritischen Journalismus über. Es hagelte Drohungen seitens der Ex-Kameraden und Anklagen wegen »Landesverrats« seitens des demokratischen Staates. Wette seufzt, weit davon entfernt, die von Mertens namentlich angeführten 40 Fememörder zu verfolgen, deckte die Weimarer Justiz deren Hintermänner und verfolgte nun unerbittlich den Boten, der die schlechte Nachricht überbracht hatte. Auch dieser Mechanismus arbeitet bis heute ungebrochen.

Einem Haftbefehl (der später wieder aufgehoben wurde) wich Bote Mertens Anfang 1927 ins Exil aus. Über Österreich und die Schweiz ging er nach Paris. Im Januar 1928 reiste er aufgrund der Zusage sicheren Geleits als Zeuge nach Leipzig, wo Hitlers Fahrer und Leibwächter Julius Schreck vor Gericht stand, der übrigens aus der berüchtigten »schwarzen« Brigade Ehrhardt hervorgegangen war. Schon am Bahnhof wurde Mertens von »Nationalsozialisten« angegriffen und verprügelt. Die kurze Spur seines restlichen Lebens verliert sich im Dunkel. Die Lexikon-Zeile, im Oktober 1932 sei der 30jährige Antimilitarist Mertens zwischen Fontainebleau und Paris bei einem Autounfall umgekommen, schreibt auch Wette ab** – ohne Verdacht zu schöpfen oder wenigstens den Mangel an näheren Angaben zu beklagen. Solange der Mangel also nicht behoben ist, sollte man in dem »Autounfall« sicherlich eher einen Anschlag vermuten.

Immerhin geben Kramer/Wette nützliche Hinweise zu jener Absurdität »Landesverrat/Vaterland«, die ich bereits wiederholt streifte. Für mich zählt sie zu den vielen »großen Sachen«, wie Koestler sie gern nannte. Sie drücken uns aufs Gehirn und gestatten den jeweils Herrschenden, uns in jede von ihnen erwünschte Richtung zu schicken. Der freiheitsliebende Mensch wird seine »Sachen« eher klein halten. Entsprechend wird er überschaubare Lebens- oder Arbeitsgemeinschaften vorziehen, in denen dann auch Gesetzbücher und 300 Kommentare der Gesetzbücher überflüssig sind. Nationalität oder Rasse der Beteiligten sind dabei völlig unerheblich, sofern sie die Freiheitsliebe teilen und gemeinsame Interessen besitzen. Das ist selbstverständlich nicht der Fall, wenn in der betreffenden Gemeinschaft einige Leute darauf pochen, sich als Kapitalisten, Soldaten, BerufspolitikerInnen – oder eben Patrioten zu betätigen. Sie werden bekämpft, sofern sie nicht freiwillig gehen, um sich woanders eine ihnen angemessenere Gemeinschaft zu suchen. Genau nach diesem Muster hätte man 1989/90 die DDR entvölkern sollen. Jede Wette, die Leute zum Auffüllen der entstandenen Lücken wären binnen weniger Monate mit Handkuß gekommen – und zwar »aus aller Herren Länder«.

* Helmut Kramer / Wolfram Wette (Hrsg): Recht ist, was den Waffen nützt, Berlin 2004, S. 135 & ** S. 139
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