Samstag, 2. Juli 2022
Bontjes van Beek, Cato

22 (1920–43), Keramikerin, Segelfliegerin und Antifa-schistin aus Worpswede bei Bremen. Für ihre Aktivitäten im Rahmen der sowjetfreundlichen Organisation Rote Kapelle wurde die Künstlertochter blutjung in Berlin-Plötzensee ermordet. Kopf ab für Plakate kleben, Juden verstecken, »Feindsender« abhören und ähnliches mehr. Nach dem Krieg wurde die Rote Kapelle zum »monströsen KGB-Spionagering« aufgeblasen, wie Katja Gloger 2004 in einem Wochenmagazin anmerkt.* Die Tänzerin und Malerin Olga Bontjes van Beek hatte 12 Jahre lang gegen das Land Niedersachsen zu prozessieren, bis sie eine Rehabilitierung ihrer Tochter Cato erwirkte.

Im Sammelband Recht ist, was den Waffen nützt, herausgegeben von Helmut Kramer und Wolfram Wette 2004, wird eins der äußerst dünngesäten Verfahren gegen die faschistische Wehrmachtsjustiz erwähnt, nämlich gegen Generalrichter Dr. Manfred Roeder, mitverantwort-lich für mindestens 45 Todesurteile (von über 70 Todesurteilen?) gegen WiderstandskämpferInnen der Roten Kapelle, die ich ja eben als »sowjetfreundlich« bezeichnet habe. Das Verfahren wurde 1951 von der Staatsanwaltschaft Lüneburg eingestellt. In der ursprünglichen, nach öffentlichen Protesten etwas abgemilderten Begründung ist zu erfahren, diese Leute seien zu Recht zum Tode verurteilt worden, da Grundlage ihres Wirkens Landesverrat gewesen sei. »Landesverrat hat immer und zu allen Zeiten als das schimpflichste Verbrechen gegolten.« Darauf, was in dem betreffenden Lande geschieht, kommt es also nicht an. Dein Land kann ein Jauchefaß sein; es kann im Laufe von 30 Jahren 15 Vietnamkriege exportieren – solange es dein eigenes ist, darf es niemand ungestraft beschimpfen.

Ich komme noch einmal auf die Widerstandskämpfer-Innen zurück. Gewiß schlug am 20. Juli 1944 im »Führer-hauptquartier« Wolfsschanze ein Bombenanschlag auf Hitler fehl, für den anschließend etliche hohe Amtsträger der zivilen oder militärischen Art mit ihrem Leben zu büßen hatten, darunter so junge Leute wie Major Egbert Hayessen (30) und Oberst Claus Schenk von Stauffenberg (36), die jedes Kind von Briefmarken oder Schulbüchern her kennt und für große Vorbilder hält. Waren sie also nur durch dumme Zufälle in diese führenden und viel Unheil anrichtenden Positionen des »Dritten Reiches« gerutscht, während ihnen an der Wiege doch bereits revolutionäre Lieder gesungen worden waren? Selbstverständlich nicht. Diese Leute, die unverschämterweise seit vielen Jahrzehnten den Widerstand gegen den deutschen Faschismus repräsentieren dürfen, gehörten von Hause aus einem reaktionären Club an, dessen Mitglieder alle Mühe hatten, vor dem Einwickeln der Bombe in Butterbrotpapier und deren Verstauung in einer speckigen Aktentasche ihren Ekel vor dem roten Pöbel, dem Bolschewistengesindel, den Pazifistenschweinen zu unterdrücken, mit denen sie möglicherweise, nach Hitlers Beseitigung, gemeinsame Sache zu machen hatten. Diese Aktentasche stellte lediglich ihre nebenbei dilettantisch angebrachte Notbremse dar. Sie bäumten sich in ihren Clubsesseln in letzter Minute auf, um nicht mit in den Abgrund gerissen zu werden. Näheres dazu hat Engelmann schon 1975 ausgeführt.**

Ähnliches gilt für den christlichen, etwas liberaler gesinnten »Kreisauer Kreis« um den Juristen und Mitar-beiter der Abwehr der deutschen Wehrmacht Helmuth James Graf von Moltke (mit 37 hingerichtet 1945). Dieser Club stand mit den Attentätern in Verbindung. Wenn ihn die Konrad-Adenauer-Stiftung auf ihrer Webseite kühn zur »führenden Gruppe des deutschen Widerstands« gegen den Faschismus erhebt (den sie freilich beschönigend »Nationalsozialismus« nennt)***, sind auf einen Streich »Hunderttausende«, wie Engelmann schätzt, aus Kreisen der Werktätigen und der linken Intelligenz vom Tisch gewischt, die im Sommer 1944 bereits seit mindestens 10 Jahren aufrichtig und mutig Widerstand geleistet hatten. Tausende davon kamen um.****

* »Die Legende von der 'Roten Kapelle'«, stern, 8. Juli 2004: http://www.stern.de/politik/geschichte/widerstandsorganisation-die-legende-von-der-roten-kapelle-526650.html
** Bernt Engelmann: Einig gegen Recht und Freiheit, Göttinger Ausgabe 2001, S. 282 ff. Neuerdings siehe auch Jutta Ditfurths Börries-von-Münchhausen-Biografie: Der Baron, die Juden und die Nazis, Hamburg 2013, bes. S. 299–306.
*** Artikel »Kreisauer Kreis« von Wilhelm E. Winterhager, o. J.: https://www.kas.de/de/web/geschichte-der-cdu/kreisauer-kreis
**** Ähnlich fragwürdig ist meines Erachtens der Rummel, der teils seit vielen Jahren um jung bis sehr jung ermordete Tagebuch-schreiberInnen gemacht wird, voran die allbekannte Deutsche Anne Frank, 15, ferner beispielsweise die Tschechin Věra Kohnová und die Ungarin Éva Heyman, beide 13. Ich möchte deshalb nicht näher auf diese Opfer eingehen.

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