Freitag, 1. Juli 2022
Kampa, Carmen

17 († 1971), Sexualmordopfer in Bremen. Ihr Fall zählt zu einigen Aufsehen erregenden, verzwickten Mordfällen, die der bekannte linke Rechtsanwalt Heinrich Hannover in seinen Erinnerungen* nachzeichnet. Die 17jährige Schuhverkäuferin wurde am 1. Mai 1971 nach einem Tanzvergnügen gegen Mitternacht auf dem Gelände eines Vorortbahnhofs vergewaltigt und getötet. Vier Jahre darauf erachtete man den Bauarbeiter B. als ihren Mörder und verurteilte ihn zu 12 Jahren Gefängnis. Allerdings kam er mit »nur« einem knappen Jahr davon, weil es Hannover in der Revision gelang, einen teils haarsträubenden Justizirrtum nachzuweisen. Das Fehlurteil beruhte vor allem auf Verlust beziehungsweise Unterschlagung einer wichtigen Spurenakte und dem leider nicht seltenen Bemühen von Polizei und Justiz, ihr Versagen zu vertuschen. Wahrscheinlich gehört die Unfähigkeit, Fehler oder Schwächen einzugestehen, in der Stufenleiter menschlicher Unzulänglichkeit gleich neben das von Musil hochveranschlagte Vermögen, das eigene moralische Bewußtsein zu spalten, also neben die Doppelmoral.

B. hatte es den Strafverfolgern leicht gemacht, sich unter etlichen Tatverdächtigen gerade auf ihn zu spitzen. Zunächst verhehlte er, neben seiner Trunksucht, auch seine homosexuelle Neigung nicht – damals schon fast ein Strafgrund für sich. Und dann kam er ihnen überdies in den eigentlichen Ermittlungsfragen mit einiger Einfalt oft entgegen. Anders ausgedrückt: sie stellten die Fallen, er tappte hinein. Hannover trieb jedoch die erwähnte Akte auf, durch die er nachwies, daß ein anderer Hauptverdäch-tiger, der kleine Gauner und Wachmann H., mindestens genauso verdächtig wie B. war. Er ließ zudem »die extrem geringe Aggressionsbereitschaft« des trinkfreudigen Bauarbeiters gutachterlich feststellen. So wurde B. Ende 1976 freigesprochen und mit einer Haftentschädigung bedacht, die vermutlich nicht Generalstaatsanwalt Dr. Hans Janknecht auf den Tisch legen mußte. Laut Hannover ließ er noch 1996, also 20 Jahre später, eine Journalistin wissen, er halte den B. nach wie vor für den Täter. Just im selben Jahr war er, laut Eiken Bruhn, taz vom 28. Juni 2009, »für vielfach kritisierte Durchsuchungen von Bremer Redaktionsräumen und Journalistenwohnungen« verantwortlich gewesen. 2001 durfte der General-Hans, geboren 1936, in Pension gehen. Ob er 2011 noch Zeitung lesen konnte, entzieht sich meiner Kenntnis.

Mord verjährt nicht. In besagtem Jahr 2011, 40 Jahre nach dem Tod der 17jährigen Disco-Besucherin, soll es der Bremer Kripo in einer aufwendigen Nachstellung des Tatgeschehens gelungen sein, den erwähnten Wachmann H. zweifelsfrei als den wahren Täter zu überführen. Allerding liegt H. schon seit 2003 im Grab.** Also: bessern kann man den nicht mehr. Aber man hat, frei nach Fritz Teufel, immerhin der Wahrheitsfindung oder wenigstens dem eigenen Glanz gedient.

Wenn wir schon in Bremen sind: Während ich dies schreibe, kommt im Vorort Delmenhorst der 19jährige Iraker Qosay K., angeblich Drogenkonsument, nach einem Polizeieinsatz mit Pfefferspray im Wollepark als Verhafteter um. Er »kollabierte« in seiner Zelle und starb kurz darauf im Krankenhaus. Laut Polizei war die arme Polizei im Park von ihm »geschlagen« worden.*** Hoffentlich hört das Heinrich Hannover aus Worpswede (bei Bremen) nicht, er hatte genug Aufregung in seinem bislang 95jährigen Leben.

* Die Republik vor Gericht, einbändige Ausgabe Berlin 2005, Seite 433–64
** Thomas Kuzaj, »Nach 40 Jahren: Mordfall Carmen Kampa aufgeklärt«, Kreiszeitung (Syke bei Bremen), 20. August 2011: https://www.kreiszeitung.de/lokales/bremen/hing-einem-haar-1368382.html
*** Rebecca Baden, »19-Jähriger kollabiert in Polizeigewahrsam«, stern, 8. März 2021: https://www.stern.de/panorama/delmenhorst--19-jaehriger-kollabiert-in-polizeizelle-und-stirbt---erste-erkenntnisse--30416498.html

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