Freitag, 1. Juli 2022
Bamberski, Kalinka

14 (1967–82), mutmaßliches Mordopfer in Lindau am Bodensee. Hier war es, anders als etwas früher (1980/81) im Fall Anna >Bachmeiers, der Vater, der den Tod seines Kindes zu »rächen«, vielleicht auch nur »Gerechtigkeit« suchte. Ob ihn die Schüsse der Mutter Annas im Lübecker Gerichtssaal zu seinem immerhin nicht Tod bringenden Schritt der »Selbstjustiz« anregten, habe ich nicht herausbekommen. Im Gegensatz zu Marianne Bachmeier mußte er allerdings eine Riesengeduld aufbringen.

Die Tochter Kalinka des Franzosen André Bamberski, eine hübsche, sportliche, langhaarige Blondine mit blauen Augen, hatte ihre letzten Sommerferien (1982) bei ihrem damals 47 Jahre alten Stiefvater Dieter K., einem Arzt, in Lindau am Bodensee verbracht. Dort starb sie, unter fragwürdigen Umständen von K. behandelt, angeblich in ihrem Bett. Krank war sie nicht gewesen. Bamberski, ihr leiblicher Vater, damals 45, wohnhaft in Toulouse, argwöhnte bald nach der Obduktion sexuellen Mißbrauch und, zwecks dessen Vertuschung, Mord. Auch bei der Obduktion, wahrscheinlich von Arzt K. nicht unbeeinflußt, war offensichtlich nicht alles mit rechten Dingen zugegangen. Dennoch ordnete die deutsche Justiz die Einstellung der Ermittlungen an und schmetterte auch ein Klageerzwingsverfahren von Bamberski ab. Nun war die groteske, wenn auch völlig normale Lage so, daß K. in Frankreich hätte verfolgt und verurteilt werden können, weil Kalinka Französin war. In der Tat kam es, auf Betreiben Bamberskis, zunächst (1985) zu einer zweiten Obduktion (bei der die Entfernung von Kalinkas Geschlechtsteilen aufgedeckt wurde!*), dann sogar zu Anklage und Verurteilung: 15 Jahre Gefängnis und hoher Schadenersatz – allerdings nur in Abwesenheit des Angeklagten, denn Deutschland hatte sich gehütet ihn auszuliefern. Das war 1995, geschlagene 10 Jahre später. Doch nun erkannten die deutschen Behörden auch dieses Urteil insofern nicht an, als sie sich, mit üblicher spitzfindiger Begründung, zu seiner Vollstreckung außerstande erklärten. Dies alles zog sich hin und hin. Warum der zwielichtige Mediziner so beflissen und nachhaltig gedeckt wurde, kann auch Hammer nur mutmaßen.* Als sich K. schließlich (2008/9) mit Plänen zu tragen schien, nach Afrika zu entweichen, und zudem die Verjährung des französischen Urteils gegen ihn drohte, platzte dem inzwischen rund 70jährigen Buchhalter Bamberski der Kragen. Er heuerte Fachleute an, die den mutmaßlichen Mörder seiner Tochter nach Mülhausen im Elsaß entführten und im gefesselten und geknebelten Zustand sozusagen vor die Treppe des dortigen Zollamts warfen.* Prompt wurde K. nach Paris überstellt und erneut angeklagt. Das 2011/12 gesprochene Urteil gegen ihn blieb im wesentlichen das alte: 15 Jahre. Freilich ließ man auch den pensionierten Buchhalter und nebenberuflichen Freischärler Bamberski nicht völlig ungeschoren. Ein Mühlhausener Gericht brummte ihm, wegen der Entfüh-rung, im Sommer 2014 ein Jahr mit Bewährung auf.**

Da möchte mancher vielleicht mit einem Schmunzeln zum nächsten Fall übergehen, doch ich will mir zwei Hinweise erlauben. Zum einen: Bei dieser Posse kam ein knapp 15jähriges Mädchen um. Wobei es wahrscheinlich auch noch gequält worden war. Stiefvater und Mediziner K. hatte sich übrigens während der 1990er Jahre noch mit weiteren Vorwürfen auseinander zu setzen, etwa wegen Vergewaltigung einer anderen Minderjährigen, Mißhandlung seiner ersten Ehefrau und jüngster illegaler Berufsausübung.* Er kam freilich auch in diesen Fällen glimpflich davon. Nebenbei ist er soeben, 202o, als 84jähriger aus Krankheitsgründen von der französischen Justiz auf freien Fuß gesetzt worden.

Zum zweiten: in einer wirklich freien Republik hätte sich die Tonnen an Kraft und Volksvermögen verzehrende Posse weitgehend erübrigt. Weder sogenannte Vorschriften und Amtswege noch eine sogenannte Staatsangehörigkeit spielen in dieser Republik, die mir vorschwebt, eine Rolle. Entscheidend sind die allgemeinen moralischen Grundsätze sowie die Betroffenen eines Falls, immer auch durchmischt mit Unbefangenen. Und selbstverständlich werden sie rasch bemerken, dieser Dieter K. hat keine saubere Weste und muß folglich zur Rede gestellt werden. Erhärtet sich der Verdacht bis hin zu dem Konsens aller Beteiligten, er habe eine schändliche Tat vollbracht, wird K. zur Besserung und Wiedergut-machung aufgefordert. Er zeigt sich allerdings hartnäckig uneinsichtig? Also kommen wir nicht umhin, die Republik vor ihm zu schützen. Ihn nach Frankreich zu jagen, wäre selbstverständlich eine Schweinerei, weil er dort über kurz oder lang das nächste Mädchen in die Falle locken wird. Einsperren verbietet sich aber ebenfalls, weil wir uns diese enormen Kosten der Bewachung und Versorgung gar nicht leisten können.

Ergo ..?

Sollten sich ein paar der Beteiligten wohl oder übel zu einer Tötung gezwungen sehen, werden sie diese selbstverständlich so rasch und schmerzlos wie möglich vornehmen. Die Folterer, das sind zum Beispiel jene PolitikerInnen und Bürokraten, die jeden Tag 20 Gesetze über Staatszugehörigkeiten, Amtswege, Behörden-formulare und Strafmaße erlassen. All diese Hürden, die sie aufbauen, verfolgen im wesentlichen nur zwei Zwecke: denen, die an den Hebeln sitzen, das schöne Gefühl der Machtausübung zu ermöglichen; den Kleinen Leuten dagegen das Leben so sauer und schwer wie nur möglich zu machen. Zu diesen Hürden zählt letztlich auch der ganze Apparat demokratischer Rechts- und Gefangenen-fürsorge, wie ich betonen möchte. Vor allem entbindet er den »Staatsbürger« von jeder Eigenverantwortung. Sodann verwandelt er die Hürden, die zu antiken Zeiten immerhin noch zählbar waren, in einen undurchdring-lichen Dschungel, der restlos alles Leben erstickt.

Ich höre den Einwand, die Ächtung der Todesstrafe in vielen postmodernen »Demokratien« sei doch auch der erwiesenen Gefahr des Irrtums und der Unwiderruflichkeit des Todes geschuldet. Aber dieser Einwand ist nur auf den ersten Blick stark. Ich glaube nämlich daran, in einer Freien Republik überschaubaren Ausmaßes wäre die Gefahr des Irrtums viel geringer, weil die Republikaner-Innen erheblich aufgeklärter, sorgsamer und lebensklüger wären als die Bande der Bürokraten und Rechtsver-weserInnen, mit der man es in Molochen wie Deutschland und Frankreich zu tun hat. Ihr gegenüber muß man sicherlich an der Ächtung der Todesstrafe festhalten. Diese Bande ist zu allem fähig. Im übrigen sind die Rechtsauf-fassungen, die ich hier einzuschieben wage, ohnehin rein spekulativ, weil »Freie Republiken überschaubaren Ausmaßes« nur in den Sternen stehen. Greift ein Untertan des Molochs zur »Selbstjustiz«, hat es weder Methode noch stellt es eine vorbildliche Lösung dar. Es ist seine aus Knechtschaft und Gewissensnot erfolgte persönliche Verzweiflungstat. Hammer beschreibt ziemlich gut, was Bamberski durchzumachen hatte. Nebenbei hätte ihn sein Widerstand auch in finanzieller Hinsicht fast ruiniert.

Gewiß werden zuweilen noch heute PolitikerInnen oder RichterInnen des Molochs dafür gelobt, sie hätten ein Problem erfreulich »unbürokratisch gelöst«. Aber auch das wird sich in wenigen Jahrzehnten erübrigt haben. Es wird dann nämlich keine PolitikerInnen und RichterInnen mehr geben, vielmehr nur noch Roboter – also Computer-programme, die den Drahtziehern des Ganzen hörig sind. Diese Roboter werden dann entscheiden, ob ein Begehren des Staatsbürgers den Vorschriften entspricht oder nicht. Sie lachen vielleicht? 2050 sprechen wir uns wieder.

* Joshua Hammer, »The Kalinka Affair«, The Atavist Magazine, no. 13, März 2012: https://magazine.atavist.com/the-kalinka-affair
** Stefan Brändle im Standard am 18. Juni 2014: https://www.derstandard.at/story/2000002123831/fall-kalinka-vater-in-mulhouse-wegen-selbstjustiz-verurteilt

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