Freitag, 1. Juli 2022
Hattemer, Lotte

29 (1876–1906), Mitbegründerin des Monte Verità in Ascona, Italien. Nach meinen Erfahrungen sind die wenigen Menschen, die ihr Heil – oder das der Gesell-schaft – in »alternativen« Lebensgemeinschaften suchen, um keinen Deut verrückter oder kränker als die vielen Menschen, die in Gestalt der üblichen Ehegatten, Wähler und Hamburger-Esser dahinsiechen. Nur verteilen sich diese sozusagen viel mehr, weshalb sie weniger auffallen. In den Kommunen oder Sekten dagegen treten sie geballt auf und fordern so dazu auf, sie als willkommene Zielscheibe von Haß oder Hohn zu begreifen.

Die Mittelstandstochter Lotte Hattemer wurde in Berlin zur Lehrerin ausgebildet, zog es dann jedoch vor, »auszusteigen«, sich tagelöhnernd über Wasser zu halten und schließlich, um 1900, mit ein paar anderen von München aus, wandernd, gen Italien zu ziehen. Bei Ascona (im schweizer Tessin) blieben die Wandernden an einem Weinberg hängen, von dem sie vier Hektar erwarben und den sie kurzerhand in Monte Verità umtauften. Dieser neue »Berg der Wahrheit« wurde ziemlich rasch berühmt und zog entsprechend Wahrheits- oder HeilssucherInnen aus vielen Ländern an, darunter (spätere) Prominenz wie Mary Wigman, Käthe Kruse, Erich Mühsam, Hermann Hesse, Carl Gustav Jung. Die ursprüngliche Siedlung, vegetarisch gestimmt um eine Naturheilanstalt gruppiert, zerfiel bald; dafür kauften sich andere Leute am Weinberg ein. Auf diese Art wurde er zur Zuflucht mehr oder weniger verschrobener EigenbrötlerInnen, die ihre »Meinungs-verschiedenheiten« pflogen.

Hier drängt sich eine beiläufige Bemerkung aus Musils Mann ohne Eigenschaften auf, erschienen um 1930. Der Trieb recht zu haben sei »fast gleichbedeutend mit Menschenwürde«, heißt es da.* Offenbar trägt die bekannte Einsicht, grundsätzlich besitze jeder Mensch Würde, nicht gerade weit. Sie zerschellt regelmäßig an der eigenen Meinung, also auch am Monte Verità. Man möchte nämlich keineswegs wie jeder, man möchte vielmehr etwas Besonderes sein. Jener, möglicherweise natürliche »Trieb recht zu haben«, verzahnt sich fast immer sofort mit den unwesentlichsten Dingen, und seien es Haartrachten oder Zahnstocher. Und er bettet sich rasch in die je eigene Weltsicht ein, weil jeder Mensch WeltherrscherIn ist beziehungsweise gern einer oder eine wäre. Die Weltherrschaft ist so unteilbar wie die Menschenwürde. In meine »Welt als Wille und Vorstellung«, um auch noch Schopenhauer zu bemühen, muß alles hinein. Jetzt kann ich natürlich nur hoffen, der Stein, den ich damit gegen den Monte Verità schleuderte, springt nicht an meine eigene Birne zurück.

Was nun Hattemer angeht – mit ihrer Genügsamkeit oft als Gegenstück der lebenshungrigen Münchener »Gräfin« Reventlow aufgefaßt – scheint sie sich nach einiger Zeit in einem tür- und festerlosen baufälligen Stallgebäude niedergelassen zu haben. Von Geldsendungen ihres Elternhauses zehrend, übte sie Wohltätigkeit, während sie selber zusehends abmagerte. Sie soll regelmäßig nach Locarno gepilgert sein, um Vorträge durchreisender Theosophen zu hören und galt auch selber schon als halbe Heilige. Andererseits wurde sie offensichtlich immer verwirrter. Entsprechend »mysteriös« kam sie im Frühjahr 1906, mit 29, zu Tode. Ihr Vater hatte vergeblich versucht, sie in ein norddeutsches Sanatorium zu locken. Kurz darauf erlag sie einer Vergiftung, offenbar durch Morphium. Raimund Dehmlow gibt dazu auf seiner Webseite** eine Auskunft des Übersetzers und Mühsam-Biografen Christlieb Hirte aus 2002 und eine schon Ende 1909 abgegebene Erklärung des »Regierungsstatthalter-amtes Locarno« an die Polizei in Zürich wieder, die im Berner Bundesarchiv liegt. Danach gab es damals Beschuldigungen, vielleicht Verleumdungen, der Schriftsteller Johannes Nohl und der Psychoanalytiker Otto Gross hätten böswillig an Hattemers Ableben mitgewirkt, doch die Behörden neigten zur Diagnose Selbstmord. Das entspreche der allgemeinen Einschätzung am Berg. Hattemer sei eine Exentrikerin gewesen und habe »schon bei anderen Gelegenheiten« Hand an sich gelegt.

* Zweibändige Rowohlt-Sonderausgabe, 1984, Band 1, S. 205
** »Lotte Hattemer«, 4. Februar 2021: https://dehmlow.de/index.php/de/otto-gross/55-lotte-hattemer

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