Donnerstag, 30. Juni 2022
Müller, Philipp

21 (1931–52), antimilitaristischer Demonstrant. Im Jenseits angekommen, durfte er sich rühmen, der erste zu sein. Man wußte natürlich gleich, worauf er anspielte: der erste von verschiedenen »gefallenen« Demonstranten der neuen und zukünftigen BRD. Eine Polizeikugel hatte ihn am 11. Mai 1952 in Essen bei Protesten gegen die westdeutsche Wiederbewaffnung getroffen – tödlich. Da war der aus München angereiste Eisenbahnarbeiter Philipp Müller erst 21 gewesen. Obwohl die Stadt im Verein mit dem Landesinnenministerium die Proteste unter fadenscheinigen Begründungen gleichsam in letzter Minute verboten hatte und dadurch die Anreisewilligen verwirrte und einschüchterte, waren es wahrscheinlich immer noch rund 30.000 Antimilitaristen, die die Kruppstahl-Metropole »unsicher« machten. Diese Zahl nannte sogar der Staatsanwalt.

In Wahrheit ging die »Unsicherheit« jede Wette von den Ordnungskräften aus. Bonn und Düsseldorf wünschten Krawalle, zwecks Verleumdung der antimilitaristischen Bewegung, und boten deshalb Polizei in furchterregenden Mengen, vermutlich auch schon die bis heute beliebten Lockspitzel auf. Nach der gründlichen Darlegung eines linken Journalisten*, der damals vor Ort war, flogen zwar Steine, doch bei sämtlichen 283 festgenommenen Demonstranten wurde nicht eine Pistole gefunden. Vielmehr sei das Feuer nach einem entsprechenden Befehl des Kölner Kommissars Knobloch von der Polizei eröffnet worden. Dabei erwischte es zufällig Müller – ob von vorn oder hinten, ist so umstritten und ungeklärt wie die Frage, ob er bei seinem rohen Abtransport womöglich noch lebte. Drei andere Demonstranten, aus Kassel, Münster und Pinneberg angereist, wurden überdies durch Polizeikugeln verletzt. Nach der amtlichen Version hatten jedoch die Demonstranten zuerst geschossen. Als diese Lüge nicht mehr zu halten war, erläuterte der Düsseldorfer Ministerpräsident und Parteifreund Adenauers Karl Arnold sinngemäß, der Andrang der Menge sei derart gewalttätig gewesen, daß er allein durch Schlagstockge-brauch nicht hätte gebrochen werden können. Entsprechend billigte das Landgericht Dortmund den Polizisten im Oktober 1952 Notwehr zu. Auch dies wurde von etlichen Augenzeugen widerlegt, die zum Teil ihrerseits von der Polizei verprügelt worden waren, um ihre Aussagefreudigkeit zu dämpfen. Statt also auch nur einen Uniformierten zu belangen, wurden gegen 11 Jugendliche wegen Aufruhrs und Landesfriedensbruch zusammen genommen 76 Monate Knast verhängt.

Wie sich versteht, ereiferten sich die herrschenden Kreise über die Umtriebe einer SED/FDJ-gesteuerten »kleinen radikalen Minderheit«. Die systemfeindlichen Kräfte hätten auch keine Bedenken, Jugendliche »mit Schußwaffen auszurüsten«, wie die vielgelesene Tageszeitung Die Welt, laut Nelhiebel, gleich am 12. Mai gegeifert hatte. In Wahrheit waren Kriegsmüdigkeit und Antimilitarismus damals noch weit verbreitet. Obwohl Bonn im April 1951 das Verbot einer unter Führung von Pastor Martin Niemöller geforderten Volksabstimmung zur Wiederbewaffnung verfügt hatte, sprachen sich bis zum März des Folgejahrs mehr als neun Millionen BRD-Bürger gegen die Remilitarisierung aus.** In dieser Hinsicht waren es schöne Zeiten. Keine 50 Jahre später flogen »rotgrün« lackierte Bomber selbst unter dem Beifall zahlreicher »linker« Prominenz gegen Belgrad.

Nach dem ermordeten Philipp Müller (dessen frischangetraute Frau Ortrud, geborene Voß, nebst einem Säugling in Ostberlin lebte) waren in der DDR zahlreiche Straßen oder Einrichtungen unterschiedlichster Art benannt worden. Auch in Halle gab es eine Philipp-Müller-Straße – allerdings nur bis 2012. Seitdem heißt sie Willy-Brandt-Straße. Der Unterschied zwischen hochherzigem und schäbigem Siegerverhalten war der Stadtratsmehrheit von Halle vielleicht nicht bekannt. Oder wollte man hier eine »klammheimliche« Verbindung nicht nur zu Brandts sogenanntem Radikalenerlaß, sondern auch zum Ende Benno Ohnesorgs herstellen? Damals, 1967, war Brandt in Bonn Außenminister und Vizekanzler gewesen. Sein Radikalenerlaß führte übrigens zu großangelegter Schnüffelei im Öffentlichen Dienst und mindestens 2.000 Berufsverboten – selbstverständlich ganz überwiegend gegen Linke ausgesprochen. Den Vietnamkrieg duldete Brandt. Gleichwohl werden gewisse Internet-Portale nicht müde, Brandts Status als sozialdemokratischer Säulenheiliger besonders mit der Behauptung zu verteidigen, er habe großartige »Entspannungspolitik« betrieben. Die kann das Weiße Haus kaum gehaßt haben, heißt es doch in Tim Weiners umfangreicher CIA-Geschichte von 2007***, die Yankees hätten während des ganzen Kalten Krieges »heimlich« [antikommunistisch gestimmte] Politiker in Westeuropa geschmiert – darunter »der deutsche Bundeskanzler Willy Brandt« …

* Kurt Nelhiebel, »Anatomie eines Lügenkomplotts / Über die Er-schießung von Philipp Müller – fünfzehn Jahre vor Benno Ohnesorg«, in: Conrad Taler, Gegen den Wind, Geschichten und Texte zum Zeitgeschehen 1927–2017, Köln 2017: https://web.archive.org/web/20181225125933/https://www.kurt-nelhiebel.de/images/downloads/K_Nelhiebel_Lgenkomplott.pdf
** Hubert Reichel, »Ein Schießbefehl aus Bonn«, Ossietzky 8/2002: https://www.sopos.org/aufsaetze/3cd2de4556292/1.phtml.html
*** Tim Weiner, CIA. Die ganze Geschichte, New York 2007, deutsch Ffm 2008, S. 400

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