Donnerstag, 30. Juni 2022
Konrad, Robert E.

25 (1926–51), schweizer Lyriker und Maler. Am 8./9. August 1951 kam es auf der Alpensüdseite nach Gewittern zu einer Unwetterkatastrophe mit sintflutartigen Regenfällen und Überschwemmungen, die Sachschäden in zweistelliger Millionenhöhe und drei Todesopfer forderte.* Zu den Toten zählte der 25jährige, damals noch kaum bekannte Künstler aus Zürich, der Verwandte in Bedano besucht hatte, einem tessiner Dorf nördlich von Lugano. Ein sogenannter »Murgang«, eine Art Lawine aus Schlamm und Geröll, soll das Haus verschüttet haben, in dem sich Konrad gerade aufhielt. Er war verheiratet und hatte ein Kind. Später wurden eine Buchausgabe (1961) und einige Ausstellungen zu seinem Gedenken veranstaltet. Laut Charles Linsmayer** hatte Konrad bereits als Dreijähriger seine Mutter verloren. Ein Kunststudium in München blieb anscheinend Fragment. Wieder in Zürich, hielt er sich zeitweise als ungelernter Fabrikarbeiter über Wasser. Dann ermöglichte ihm der Lohn seiner Frau, einer nirgends ausdrücklich mit Namen genannten Sekretärin, das freie Schaffen – bis der Zufall zuschlug.

Das berühmte, mit Großbränden und verheerenden Flutwellen verbundene Erdbeben von Lissabon vom 1. November 1755 forderte, alle anderen Schäden einmal außer acht gelassen, schätzungsweise 30.000 bis 100.000 Todesopfer. Das waren sicherlich nicht nur Opas und Omas. Die Flutwellen erfaßten sogar die Küsten von mehreren Nachbarländern Portugals. Im andalusischen Badeort Cádiz etwa, zwischen Algarve und Gibraltar gelegen, soll sich am verhängnisvollen Tag der einzige Sohn des prominenten französischen Schriftstellers Louis Racine aufgehalten haben. Merkwürdigerweise finde ich seinen Vornamen nicht, und den seiner Frischangetrauten schon gar nicht. Das Paar habe dort Flitterwochen gemacht – viel Vergnügen. Die bis 20 Meter hohen Flutwellen erfaßten auch diese beiden. Da der Senior erst 1728 geheiratet hatte, dürfte der Sohn, je nach Quelle Schriftsteller oder Kaufmann, noch keine 30 gewesen sein. Den Senior soll dieser Schicksalsschlag bewogen haben, sich, wie so manche andere Zeitgenossen, verbittert von jeglicher Religion abzuwenden. Heimlich verfluchte er Gott sicherlich als Erzmassenmörder.

Hier scheint es mir angezeigt, vor den großen Zahlen zu warnen. 50. 000 Tote, das sei nun wirklich zuviel des Bösen, brüllt man Ihnen in die Ohren. Oder nehmen wir das von >Géricault gemalte Floß der Medusa. Es sei doch ohne Zweifel das kleinere Übel, drei Alte von den 130 Schiffbrüchigen zu verspeisen, wenn dadurch vielleicht die 127 anderen gerettet würden, wird gern argumentiert. Aber das ist keine Argumentation – es ist Quantitatives Denken. Für mich (als Anarchisten) sind Menschen und Menschenwürde unverrechenbar und daher unverhandel-bar. Jeder Mensch ist gleich wichtig und gleich würdig. Kommt bei einem Gewitter ein bestimmter Mensch X durch Blitzschlag um, ist er um keinen Deut weniger beklagenswert als jene 50.000. Diese 50.000 haben keineswegs 50.000 mal mehr als X gelitten und verloren – der Schrecken trifft stets eine bestimmte Person, die ihn als furchtbar empfindet. Er war bei den 50.000 Leuten nie und nimmer 50.000 Mal größer. Davon bin ich felsenfest überzeugt. Schmeißen Sie das Größendenken über Bord. Sollten Sie einmal auf ein Floß der Medusa geraten, trichtern Sie Ihren Leidensgenossen ein: entweder alle oder keiner. Notfalls gehen wir gemeinsam unter. Das wäre Solidarität.

* Markus Weidmann (Chur), »Das Hochwasser in Graubünden 1951«, GraNat, o. J.: http://www.gra-nat.ch/hochwasser-1951-graubnden
** o. J. auf http://www.linsmayer.ch/autoren/K/KonradRobertE.html

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