Donnerstag, 30. Juni 2022
Williams, Robert

25 (1953–79), Ford-Arbeiter in Flat Rock, Michigan, USA, ging in die Geschichte ein: als erstes Todesopfer eines Industrieroboters. Der 25jährige war Ende Januar 1979 angewiesen worden, Metallteile aus dem Käfig eines Roboters zu holen. Dabei versetzte ihm der nicht abgeschaltete Roboter mit seinem Arm einen tödlichen Hieb an den Kopf. Vier Jahre später wurde der Hersteller des Roboters gerichtlich verurteilt, Williams' Hinter-bliebenen 15 Millionen Dollar zu zahlen.* Zwei Jahre nach dem Unfall bei Ford, im Juli, verunglückte der 37 Jahre alte Techniker Kenji Urada († 1981) auf ähnliche Art in einer Kawasaki-Motorradfabrik in Akashi, Japan. Weil er bei Wartungsarbeiten angeblich aus Versehen den »Ein«-Schalter des Roboters betätigt hatte, drückte ihn dessen Arm in eine Schleifmaschine, sodaß Urada kurz darauf starb. Kollegen hätte ihm nicht beistehen können, weil sie nicht wußten, wie der Roboter zu stoppen sei.**

2014 erwähnte der Spiegel*** weitere Opfer und stellte die großen Pläne der Automatenbranche und der Arbeits-schützerInnen vor. Ein Jahr darauf, Ende Juni 2015, machte ein Roboter von VW Baunatal einen 21 Jahre alten Techniker einer sächsischen Fremdfirma kalt. Der junge Mann widmete sich in Halle 6 (Elektromotorenbau) der Einrichtung einer neuen vollautomatischen Anlage und wurde dabei unvermutet von einem Roboter dieser Anlage erfaßt und gegen eine Metallplatte gequetscht. Er starb kurz darauf im Krankenhaus. Später wurde einem Kollegen des Opfers Fahrlässigkeit vorgeworfen.**** Ich wies schon weiter oben auf die stiefmütterliche Behandlung von Arbeitsunfällen hin. Die lokale Presse mag die Opfer heutzutage zwar erwähnen, aber meist als Namenlose, und den Sprung in Nachschlagewerke schaffen sie höchst selten. Im übrigen dürften die HerstellerInnen jener schützenden »Käfige« bald in die Röhre gucken, werden die Roboter doch zunehmend »autonom«. Sie werden, wie schon einige Autos, käfiglos tätig, also sozusagen freilaufend oder freifliegend, darunter als regelrechte »Kampfroboter« und selbstverständlich als bewaffnete »Drohnen«. Ehrlich gesagt, kann ich mich mit der Befürchtung, sie würden uns, die Menschheit, demnächst restlos von diesem Planeten fegen, allmählich anfreunden. Das wird vielen Kindern das schreckliche Los als MaskenträgerInnen, Zitterer à la Parkinson***** oder auch nur Langzeitgefangene ihres jeweiligen Homeoffices ersparen.

Vielleicht noch eine Anmerkung zu griffigen Daten. Williams schaffte es in die Nachschlagewerke, weil er Opfer Nr.1 war. Jährt sich sein Opfertod 2029 zum 50. Male, kommt er sogar in ein paar Zeitungen. Dabei läßt sich für die Bedeutung, die wir »runden« Zahlen beimessen, nicht ein vernünftiger Grund anführen. Habe ich mit 29 die Frau meines Lebens getroffen, müßte mir die entsprechende Jahreszahl eigentlich ungleich wichtiger sein als mein 30. Geburtstag. Der 60. Geburtstag kann bei dem einen ins Siechtum, bei dem anderen in rege Reisetätigkeit fallen. Es sei denn, Merkel regiert noch 30 Jahre lang. Ist der Nichtreisende erst 59, steht ihm das Siechtum gleichwohl schon auf der Stirn – das eine Jahr macht den Kohl auch nicht mehr fett.

Kurz, es regt mich seit Jahrzehnten auf, daß man sich in den Medien immer gerade dann an eine angeblich bedeutende Leiche erinnert, wenn sie ihren 100. Geburts- oder Todestag hat. Wäre sie den Lohnschreibern wirklich wichtig, dächten sie auch mal zwischendurch an sie und ließen uns an ihrer Freude über dieses jähe Gedenken teilnehmen. Solche Erinnerungen kommen einem normalerweise nicht nach dem Kalender, vielmehr weil man gerade für sie empfänglich ist. Befasse ich mich beispielsweise 2009 wegen meinem Projekt Konräteslust und der Rätefrage mit dem Kronstädter Aufstand vom 18. März 1921, läge es nahe, gleich einen Zeitungsartikel über ihn zu schreiben, obwohl der zeitliche Abstand zu ihm gerade ungünstig ist: 88 Jahre. Aber das darf ich ja nicht, weil ich mir sonst selbst widerspräche, siehe >Tuchscheerer. Für Geldbeträge, EinwohnerInnenzahlen, Erdbebenopfer gilt das gleiche. Der Sprung vom Opfer Nr. 4.999 bis zum Opfer Nr. 5.000 ist bestimmt kein qualita-tiver. Selbst die Null, die im Bereich der Temperatur (gemessen nach Celsius) den Gefrierpunkt von Wasser bezeichnet, ist eine willkürliche Setzung. Freilich gilt das auch für den Menschen überhaupt, wie ich eben erst angedeutet habe. Er ist eine Null und eine willkürliche Setzung.

* »$ 15 million for robot death«, Ottawa Citizen (Kanada), 14. Januar 1984, S. 10
** »Killer robot«, Deseret News (Salt Lake City, Utah, USA),
8. Dezember 1981, S. B 1
*** »Raus aus dem Käfig«, 19. Dezember 2014: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-130967291.html
**** »Tödlicher Roboter-Unfall bei VW: 29-Jähriger angeklagt«, HNA (Kassel), 20. Juni 2017: https://www.hna.de/lokales/kreis-kassel/baunatal-ort312516/toedlicher-roboter-unfall-bei-vw-kassel-in-baunatal-vor-gericht-8413531.html
***** Simone Bach, »Die Parkinson-Pandemie«, Rubikon, 8. Juli 2021: https://www.rubikon.news/artikel/die-parkinson-pandemie

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