Donnerstag, 30. Juni 2022
Pixii, Hippolyte

26 (1808–35), Instrumentenbauer und Erfinder in Paris, wo er aus überall eisern verschwiegenen Gründen auch seinen Geist aufgegeben haben soll. Ein Bildnis zeigt ihn mit enormem Backenbart als Ausgleich für seine gewaltige Stirnglatze – hier nutzten ihm somit seine Talente nichts. Hippolyte gilt vor allem als Schöpfer des Urtyps brauch-barer elektromagnetischer Generatoren. Abbildungen seiner ersten Ausführungen dieser Maschine erinnern verdächtig ans Fallbeil: als »Guillotine« bekanntlich die Mordmaschine der kaum verstrichenen Französischen Revolution. Hoffen wir, der Instrumentenbauer erlitt keinen tödlichen Arbeitsunfall – nach dem Muster »Die Revolution frißt ihre Kinder«. Hier deutet sich also der sowohl mörderische wie selbstmörderische Charakter moderner Technik überhaupt an. Da muß man aber sofort eine Beteuerung einflechten – gerade so, wie zahme KritikerInnen der Corona-Notstandsregime stets versichern, sie nähmen das Virus durchaus ernst; die Gefahr sei furchtbar. Unfug ist sie. Die Gefahr sind die verlogenen Notstandsregime. Man hat also gefälligst zu beteuern, man sei nicht grundsätzlich gegen Technik. Sie habe auch ihr Gutes.

Wenn mich das Virus verschont, nehme ich vielleicht noch in diesem Jahrzehnt eine umfangreiche Kulturgeschichte der Behälter in Angriff. Man unterschätzt die Rolle der Behälter oft. Jost Herbig wies zum Beispiel auf den revolutionären Akt des Frühmenschen hin, Tragbeutel zu erfinden. Damit konnten Nahrungsmittel nicht nur bevorratet, sondern auch besser ver- und geteilt werden. Mit dem Anthropologen Owen C. Lovejoy nimmt Herbig sogar an, die Herausbildung des Aufrechten Ganges verdanke sich wesentlich dem Wunsch, die Hände zum Tragen frei zu bekommen.* Man sieht daran, Herbigs Blick war nicht auf das Militärische, sondern auf das Soziale geheftet. Aber die sogenannten WissenschaftlerInnen gruben weiterhin begeistert die Faustkeile und Bronzeäxte aus. Beutel, aus Rinde oder Leder, hätten sie auch schwerlich ausgraben können: die waren längst verrottet.

Lewis Mumford stellte die wirtschaftlichen und kulturellen Fortschritte heraus, die zwischen 1100 und 1800 allein durch die Herstellung zweckmäßiger Behälter erzielt worden seien. Es handele sich sowohl um Behälter »für den Hausgebrauch, wie Töpfe, Pfannen, Säcke und Tonnen, als auch solche für kollektiven Gebrauch, wie Kanäle und Schiffe. Daß Behälter Kraft übertragen können, wie ein Mühlengraben, oder Kraft nutzbar machen, wie ein Segelschiff«, sei gleichfalls weithin übersehen worden.** Somit erstreckt sich der Bereich der Behälter für Mumford über die in allen mir bekannten Nachschlagewerken anerkannten Kisten und Krüge hinaus. Ich würde in meinem Werk sogar noch weiter gehen. Für mich stellen auch Mietshäuser, Flugzeugträger, ganze Städte, Nationen oder sogenannte Vaterländer, aber auch Begriffe, wissenschaftliche Systeme und Vorurteile Behälter dar. Man könnte dem Menschen geradezu ein zwanghaftes »Behälterdenken« bescheinigen; ohne alles und jedes in seinen vorschriftsmäßigen Behälter zu stecken, finde er sich offenbar nicht in der Welt zurecht. Möglicherweise ein echtes »tragisches« Unterfangen, wenn man die Ambivalenz aller Behälter bedenkt. Sie behüten ihren Inhalt; beengen, fesseln, verbergen ihn aber auch. Im Falle von Atomreaktoren verbergen sie ihn so lange, bis er explodiert. Entsprechend bieten Formen uns Außen-stehenden an, sie zu bewahren oder sie zu zerstören. Krieger und Dadaisten haben das schon immer gewußt.

Die gängigen kosmologischen Vorstellungen sperren gleich das gesamte Universum ein – es gibt ja auch dehnbare Behälter, siehe jenen Tragbeutel aus Leder. Andererseits übersteigen unfestgelegte Phänomene wie »Unendlich-keit« oder »Ewigkeit« entschieden unser Fassungs-vermögen. Wir sind das abgrenzende Tier. Wir sind das sich selbst fesselnde Tier.

* Jost Herbig: Im Anfang war das Wort, 1984, Ausgabe München 1986, bes. S. 41 und 52
** Lewis Mumford: Mythos der Maschine (Originalausgabe 1966/1970), 2. deutsche Ausgabe Frankfurt am Main 1977, S. 499/500

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